Happy Birthday, Grzegorz Lato!

Polens beliebtester Fussballer wird 70

Grzegorz Lato of Poland
© imago images
  • Grzegorz Lato wurde völlig überraschend Torschützenkönig bei der FIFA WM WM 1974™
  • Er wurde mit Polen zwei Mal WM-Dritter
  • Heute feiert der frühere Flügelspieler seinen 70. Geburtstag

Bei der FIFA Fussball-WM Deutschland 1974™ galt Gerd Müller als hoher Favorit auf den Titel des Torschützenkönigs. Auf Platz zwei wurde Johan Cruyff gehandelt. Ebenfalls zu den Top Ten der Favoriten gehörten Giorgio Chinaglia, Jairzinho, Jupp Heynckes, Gigi Riva, Mario Kempes, Dusan Bajevic, Roberto Boninsegna und Roland Sandberg.

Selbst auf einer Liste mit 25 Namen, die im Vorfeld von einem führenden Buchmacher veröffentlicht wurde, war der Name Grzegorz Lato nicht zu finden. Schließlich traute kaum jemand den Polen zu, die überaus schwere Gruppe 4 zu überstehen, in der die Schwergewichte Argentinien und Italien hoch favorisiert waren. Lato hatte als Flügelspieler in seinen bisherigen zwölf Länderspielen erst drei Tore zustande gebracht, Müller hingegen 64 Treffer in 54 Partien und Riva 35 in 40.

Doch nur drei Wochen nach seinem Doppelpack beim sensationellen 3:2-Auftaktsieg Polens gegen Argentinien im Stuttgarter Neckarstadion nahm Lato im Spiel um Platz drei im Olympiastadion in München in der eigenen Hälfte den Ball an, nutzte seine enorme Schnelligkeit, um zwei Brasilianern zu entwischen und schloss seinen Alleingang dann mit einem Traumtor ab. Polen war sensationeller WM-Dritter und Lato in die Fußstapfen solch illustrer Vorgänger wie Sandor Kocsis, Just Fontaine, Eusebio und Müller getreten.

"Bei dem Turnier war er einfach nicht zu stoppen", so Kazimierz Gorski, Polens Trainer bei der WM-Endrunde 1974 in der BR Deutschland, viele Jahre später. "Die reinste Tormaschine. Wir alle wussten, wozu er in der Lage war, aber unsere Gegner hatten nicht die geringste Ahnung, was sie erwartete. Seine unglaubliche Schnelligkeit bei Vorstößen machte ihnen regelrecht Angst. Bei einem seiner Tore [gegen Argentinien] schnappte er sich den Ball nach einem Abwurf des Torhüters und schoss ein. Ein Tor aus dem Nichts. Das war eine seiner Spezialitäten, Bälle abfangen. Bei Standardsituationen achteten unsere Gegner in erster Linie auf unsere großen Spieler und die Stürmer. Lato war nicht besonders groß, doch er hatte den Instinkt eines Torjägers, er fing Abpraller ab und versuchte immer, irgendwie mit dem Kopf an den Ball zu kommen."

Die Fussballwelt mag von Latos Torgefährlichkeit überrascht gewesen sein, denn bei Polens Titelgewinn bei den Olympischen Spielen von München 1972 war er nur zu einem einzigen Einsatz als Einwechselspieler gekommen. In Polen hingegen war kaum jemand überrascht. 1969, Lato war gerade einmal 19 Jahre alt, sorgte der polnische Zweitligist Stal Mielec für Aufsehen, als man dem Stürmer mit einem Haus und einem Auto den Gedanken schmackhaft machte, sich zukünftig in den Dienst dieses Klubs zu stellen.

Die Umstände des Wechsels wurden in der Presse stark kritisiert. Doch Lato zeigte sich völlig unbeeindruckt und gab seine Antwort mit den Füßen. Dank herausragender Leistungen des blonden Schnurrbartträgers schaffte Stal Mielec kurz darauf den Aufstieg in die Ekstraklasa und gewann 1972/73 den Titel, nicht zuletzt, weil Lato sich als bester Torjäger der Liga profilierte. In den folgenden vier Spielzeiten landete Stal Mielec stets unter den ersten Drei und feierte im Juni 1976 den zweiten Meistertitel.

Im folgenden Monat erreichte Polen zum zweiten Mal in Folge das Spiel um die Goldmedaille beim Olympischen Fussballturnier der Männer, das allerdings trotz eines Lato-Tores mit einer 1:3-Niederlage gegen die DDR endete. Bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Argentinien 1978™ traf der Spieler aus Malbork zwei Mal. Polen gewann in der ersten Finalrunde die Gruppe B vor Weltmeister BR Deutschland, schied dann jedoch in der zweiten Finalrunde aus. Vier Jahre später beeindruckte der mittlerweile 32-Jährige bei der FIFA Fussball-WM Spanien 1982™ erneut und konnte sich mit seinem Team ein weiteres Mal über Platz drei freuen.

Unvergesslich blieben indes in erster Linie seine herausragenden Leistungen beim Turnier 1974. Erst bei der FIFA Fussball-WM Korea/Japan 2002™ schaffte mit dem Brasilianer Ronaldo wieder ein Spieler mehr als sechs Tore. Von Chile 1962 bis Südafrika 2010 war Lato zudem der einzige Mittelfeldspieler, der den Goldenen Schuh von adidas gewann.

Polnische Fans sind Spielern anderer Klubs gegenüber grundsätzlich eher feindselig gesonnen, doch nach Latos Rückkehr in die Heimat nach der WM 1974 wurde er in allen Stadien bejubelt, ähnlich wie Andres Iniesta in Spanien nach der FIFA Fussball-WM Südafrika 2010™.

Grzegorz Lato war somit nicht mehr länger nur ein Idol des einzigen polnischen Klubs, für den er je spielte. Er war zum Liebling der gesamten Fussballnation geworden, wie auch sein Spitzname unterstreicht. Wie hätte man auch "Polens beliebtestem Fussballer" nicht applaudieren können?

Hätten Sie's gewusst?

  • Ab Mai 1974 brachte es der rechte Flügelspieler auf 18 Tore in 18 Länderspielen.
  • Als Lato 30 wurde und Polen verlassen durfte, drängte kein Geringerer als Pelé persönlich New York Cosmos zu seiner Verpflichtung. So spielte er dort neben Pelé, Carlos Alberto, Franz Beckenbauer, Johan Neeskens, Francois Van der Elst und Giorgio Chinaglia. Der Pole ließ seine Karriere bei Klubs in Belgien, Mexiko und Kanada ausklingen.
  • Bei der FIFA Fussball-WM Spanien 1982™ entthronte Lato den bisherigen Rekordnationalspieler Kazimierz Deyna und blieb dies für die nächsten 28 Jahre. Seinen langjährigen Rekord von 100 Länderspielen übertrafen bisher nur Michal Zewlakow, Jakub Blaszczykowski und Robert Lewandowski.
  • Lato hat insgesamt zehn WM-Tore erzielt. Nur sieben Akteure trafen noch öfter, nämlich Sandor Kocsis, Jürgen Klinsmann (je 11), Pelé (12), Just Fontaine (13), Gerd Müller (14), Ronaldo (15) und Miroslav Klose (16).
  • Lato war von 2008 bis 2012 Präsident des polnischen Fussballverbands und somit auch während der gemeinsam von Polen und der Ukraine ausgerichteten UEFA EURO 2012.

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