Lahm: "Die Mannschaft ist hungrig"

Philipp Lahm of Bayern Muenchen gestures
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Philipp Lahm zählt zu den besten Außenverteidigern weltweit und blickt mit seinen 29 Jahren bereits auf eine sehr erfolgreiche Karriere zurück. Der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft nahm an zwei FIFA Weltmeisterschaften™ (2006 und 2010) und drei EM-Endrunden (2004, 2008 und 2012) teil und wurde bei vier dieser Turniere ins All-Star-Team gewählt. Ein großer Titel blieb ihm mit der Auswahl des Deutschen Fussball-Bundes (DFB) bislang allerdings verwehrt.

Auf Vereinsebene hingegen sammelte der Spielführer des deutschen Rekordmeisters Bayern München einige Erfolge. Vier deutsche Meisterschaften und drei DFB-Pokalsiege durfte der 1,70 Meter große Defensivspieler mit Offensivqualitäten feiern, ein internationaler Titel fehlt in der Sammlung des sozial engagierten Müncheners allerdings noch.

Am kommenden Samstag offenbart sich Lahm und seinen Teamkollegen zum dritten Mal in vier Jahren die Chance, die UEFA Champions League zu gewinnen. Nach den Final-Niederlagen 2010 gegen Inter Mailand und 2012 vor heimischem Publikum gegen den FC Chelsea kommt es im Londoner Wembley-Stadion zum deutsch-deutschen Duell mit Borussia Dortmund.

Eines muss man ganz klar sagen: Der Fussball vereint die Menschen. Überall auf der Welt wird gerne Fussball gespielt.

Wenige Tage vor dem Showdown in der Königsklasse stellte sich Lahm den Fragen von FIFA.com, sprach dabei über das Duell gegen den BVB, seinen Traum von der WM-Teilnahme in Brasilien sowie seine sozialen Projekte für Kinder in Deutschland und Afrika.

Herr Lahm, herzlich Willkommen im Home of FIFA. Was führt Sie zu uns nach Zürich?Ich war zu Gesprächen über meine Stiftung hier bei der FIFA. Das ist immer ein spannendes Thema. Die Stiftung richtet sich an Kinder und Jugendliche in Afrika und Deutschland. Vor allem in den Bereichen Sport und Bildung, die meiner Meinung nach gut zusammen passen, agieren wir in Afrika und Deutschland. In Deutschland ist sicherlich das Philipp-Lahm-Sommercamp das größte Projekt.

Sie haben den Sport bereits angesprochen. Welche Rolle kann der Fussball im Speziellen spielen, wenn es darum geht, auf sozialer Ebene zu helfen?Eines muss man ganz klar sagen: Der Fussball vereint die Menschen. Überall auf der Welt wird gerne Fussball gespielt. Viele Menschen - speziell Kinder und Jugendliche - haben Spaß an dieser Sportart. Ich möchte aber betonen, dass in unserem Sommercamp nicht nur der Fussball im Vordergrund steht, sondern es aus drei Säulen besteht: Sport, Ernährung und Persönlichkeitsentwicklung. Diese drei Dinge passen sehr gut zusammen, waren und sind in meinem Leben und für meine Karriere sehr wichtig.

Nicht jeder Fussballprofi engagiert sich automatisch auf sozialer Ebene. Was hat dazu geführt, dass Sie sich dazu entschieden haben, anderen Menschen zu helfen?Ich habe eine Familie, Freunde sowie den Fussball und möchte einfach etwas von meinem Glück an andere weitergeben. Denn es gibt leider Kinder auf dieser Welt, die nicht so viel Glück haben, wie ich es hatte. Denjenigen etwas davon zurückzugeben, was ich erlebt habe, gehört dazu und macht mir jede Menge Spaß.

Viel Spaß hatten Sie vor kurzem auch auf dem Rathausbalkon in München bei der Meisterfeier mit Bayern München. Wie groß ist die Genugtuung, wieder die Nummer eins in Deutschland zu sein?Es ist immer etwas Besonderes, deutscher Meister zu werden und am Ende der Saison ganz oben zu stehen. Es ist der verdienteste Titel, weil man über 34 Spieltage hinweg die besten Leistungen gezeigt hat. Zudem haben wir in diesem Jahr einige Rekorde gebrochen. Das ist natürlich etwas Besonderes, aber wir sind noch nicht am Ende.

Das Endspiel in Wembley ist natürlich sensationell. Dass dort zwei deutsche Mannschaften aufeinandertreffen, ist schön für den deutschen Fussball, aber für uns Spieler ist es eine Nebensache.

Bayern München hat ohne Frage den stärksten Kader in der Bundesliga. Folglich bleiben auch einige Stars des Öfteren auf der Bank. Trainer Jupp Heynckes ist es trotzdem gelungen, alle Spieler bei Laune zu halten. Ist das das diesjährige Erfolgsgeheimnis?Gerade bei einem Verein wie Bayern München, der nicht nur über elf Top-Spieler verfügt, sondern 24 Spitzenspieler im Kader hat, ist so etwas sehr wichtig. Man muss ganz klar sagen, dass das Trainerteam sehr gut gearbeitet hat und mit der Situation außergewöhnlich ruhig umgegangen ist. So hatte jeder Akteur das Gefühl, dass er wichtig für die Mannschaft ist. Nur so kann man in drei Wettbewerben erfolgreich Fussball spielen.

Das Endspiel in der UEFA Champions League steht vor der Tür. Wie besonders ist dieses deutsche Finale, das ausgerechnet im Wembley-Stadion in London stattfinden wird?Wir hatten bereits im vergangenen Jahr ein spezielles Highlight, als wir das Endspiel bei uns zu Hause in München hatten. Leider haben wir damals verloren. Das Endspiel in Wembley ist natürlich sensationell. Dass dort zwei deutsche Mannschaften aufeinandertreffen, ist schön für den deutschen Fussball, aber für uns Spieler ist es eine Nebensache.

Auf was wird es letztendlich am Finaltag ankommen, um den Titel in der Champions League zu gewinnen?Es muss erst einmal alles passen. Es treffen zwei Top-Mannschaften aufeinander, da entscheidet oft die Tagesform bzw. wer weniger Fehler macht. Wir müssen defensiv sehr gut arbeiten, wie wir das das ganze Jahr bereits gemacht haben. Offensiv haben wir so viel Qualität in unseren Reihen, dass wir immer gut sind für ein Tor.

Zwei deutsche Vereine im Finale der Königsklasse ist ein weiteres Indiz dafür, dass der deutsche Fussball eine enorme Entwicklung durchgemacht hat. Wie bewerten Sie die vergangenen Jahre?Das Umdenken in Richtung Nachwuchs- und Jugendarbeit hat bereits vor einigen Jahren begonnen. Man hat damals begonnen, auf junge deutsche Talente zu setzen. Unsere Jugendzentren sind immer professioneller geworden, dadurch kommt die Entwicklung. Beim FC Bayern sind wir dazu noch wirtschaftlich gut aufgestellt und haben Erfahrungen gesammelt. In den letzten vier Jahren waren wir drei Mal im Champions-League-Finale. Das alles gehört dazu, um erfolgreich zu sein. Die Entwicklung in Deutschland stimmt. Wir haben eine sehr gute Nationalmannschaft, aber es muss ein internationaler Titel her. Den wird eine deutsche Mannschaft in diesem Jahr holen, und wir hoffen natürlich, dass der FC Bayern am Ende siegen wird.

Falls Sie mit Ihrem Klub die Champions League gewinnen sollten, welche Ziele haben Sie dann noch für die Zukunft?Wenn wir diesen Titel gewinnen sollten, möchte ich eine Woche später noch den DFB-Pokal holen. Dann geht es in den Urlaub, und danach geht alles von vorne los. Die Mannschaft ist hungrig, das hat man in dieser Saison gesehen. Wir haben uns vom großen Vorsprung ebenso nicht beirren lassen wie vom verlorenen Champions -League-Finale im vergangenen Jahr. Wir sind unseren Weg gegangen, und der soll weitergehen. Wir hoffen, dass wir das Triple holen, und ich bin sehr zuversichtlich. Die Mannschaft kann in den nächsten Jahren sehr erfolgreich Fussball spielen, nicht nur national, sondern auch international.

Ob es am Ende in Brasilien zum Titelgewinn reichen wird, hängt von vielen Kleinigkeiten ab.

Auch der DFB-Auswahl traut man eine erfolgreiche Zukunft zu. Im kommenden Jahr findet die FIFA WM™ in Brasilien statt. Welche Erwartungen haben Sie an das Turnier?Erst einmal müssen wir uns für die WM qualifizieren. Für mich als Spieler ist es natürlich super. Nach der WM 2006 im eigenen Land und der WM 2010 in Südafrika kommt nun mit Südamerika ein neuer Kontinent hinzu. Als Spieler ist es das Größte, die WM auf verschiedenen Kontinenten spielen zu können. Das ist sehr schön. Ich bin gespannt. Wir müssen uns qualifizieren, aber dann erwarte ich in einem fussballbegeisterten Land eine sensationelle Stimmung.

Die deutsche Nationalmannschaft verfügt über eine große Auswahl an außergewöhnlichen Spielern. Ist die WM 2014 ein "Jetzt-oder-nie-Projekt"?Es steht außer Frage, dass wir einen sensationellen Kader haben. Man weiß aber auch, wie schwierig es ist, eine WM zu gewinnen. Das ist nicht vielen deutschen Nationalmannschaften gelungen. Deshalb ist dies eine ganz schwierige Aufgabe. Aber es ist auch schön, dass wir immer wieder um diesen Titel mitspielen können. Das war zuletzt bei der WM oder EM immer der Fall. Das war immer etwas Besonderes. Ob es am Ende in Brasilien zum Titelgewinn reichen wird, hängt von vielen Kleinigkeiten ab. Man kann es leider nicht vorhersagen, aber wir können positiv gestimmt auf die WM schauen, weil wir einen Top-Kader haben.

Nach dem Blick auf das kommende Jahr möchten wir nun noch einen Ausblick auf Ihre Zukunft werfen. Wo sehen wir Sie in 15 Jahren?Zuerst einmal möchte ich weiterhin erfolgreich Fussball spielen. Dann möchte ich dem Fussball erhalten bleiben, das ist sicher, weil ich den Sport liebe. Ich habe mit meiner Stiftung bereits jetzt einiges zu tun und werde mich nach meiner Karriere noch mehr darum kümmern.

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