Fussball aus aller Welt

Parreira: "Man muss sich seiner Sache sicher sein"

Carlos Alberto Parreira
© Getty Images

Wenn man mit Carlos Alberto Parreira über Fussball spricht, wird es immer tiefgründig. Schließlich haben wir es hier mit einem Gesprächspartner zu tun, der über umfassende Kenntnisse verfügt, wenn es um die Spielanalyse geht, und der unter anderem als Trainer bereits bei sechs FIFA Fussball-Weltmeisterschaften™ dabei war und entsprechend viele Geschichten zu erzählen hat.

Während seines Aufenthalts in Großbritannien, wo er als Mitglied der Technischen Studien-Gruppe (TSG) der FIFA für die Olympischen Fussballturniere zu Gast war, unterhielt sich der Brasilianer exklusiv mit FIFA.com.

Herr Parreira, wie würden Sie Brasiliens Spielergeneration einschätzen, die 2014 ihre Leistungsspitze erreicht, wenn Sie sie mit früheren Generationen vergleichen?Letztendlich kann man das immer erst im Wettbewerb bewerten. In Brasilien gibt es immer vielversprechende Talente. In den letzten 40 Jahren habe ich schon x-mal gehört, dass jemand 'der neue Pelé werden wird', der dann doch auf halber Strecke die Segel streichen musste. Das gilt auch für eine gesamte Generation: Man gewinnt auf dem Platz, wenn es soweit ist. Die aktuelle Generation ist vielversprechend und talentiert, aber wirklich überprüfen können wir das erst 2014. Das ist vielleicht eine der talentiertesten Spielergenerationen, die wir in letzter Zeit hatten, wenn man berücksichtigt, dass Neymar dazu gehört, der wirklich ein Ausnahmetalent ist.

Sie selbst sind sicherlich eines der besten Beispiele dafür, welchen Einfluss der Gewinn einer FIFA Weltmeisterschaft™ auf die Karriere haben kann und wie prägend ein solcher Erfolg ist, oder?Ja, da gibt es keinen Zweifel. Die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ ist der Gipfel, der absolute Höhepunkt in der Karriere eines Trainers oder Spielers. Da kann man vorher Tausende toller Sachen vollbracht und andere Dinge falsch gemacht haben - all diese Erfolge und Misserfolge verlieren an Bedeutung. Was wirklich zählt, ist ein Weltmeistertitel. Und ich habe das in den letzten Jahren am eigenen Leib erfahren: Es ist schon beeindruckend, wie die Leute dich behandeln, respektieren und dich mit anderen Augen sehen. Wenn ich vorgestellt werde, heißt es jetzt: 'Parreira, Weltmeister'. Wir haben die WM vor 18 Jahren gewonnen, und neulich wurde ich auf der Straße zwei Mal von Engländern angesprochen, die mir gratulierten und sagten: 'You're a legend' [Sie sind eine Legende].  Das ist wie ein Markenzeichen. Ein Etikett, das man für den Rest seines Lebens behält und auf das man stolz sein kann.

Viele Leute haben die Mannschaft von 1994 mit einer gewissen Geringschätzung betrachtet, selbst nach dem Erringen des Weltmeistertitels. Spüren Sie das noch immer?Die Zeit vergeht, und die Dinge geraten nach und nach in Vergessenheit. Was bleibt ist der Titel, das ist alles. Ein Titel, mit dem eine Durststrecke von 24 Jahren beendet wurde, in denen man diesen Wettbewerb nicht gewinnen, ja nicht einmal ins Finale einziehen konnte. Rückblickend war diese Mannschaft sehr gut: Taffarel gehört zu den besten brasilianischen Torhütern aller Zeiten. Das Gleiche gilt für Jorginho [auf seiner Position]. Und für Aldair. Auch für Branco kann man das sagen - ich möchte ihn nicht mit Nilton Santos vergleichen, der ein echter Ausnahmespieler war -, aber er gehört zu den besten Linksverteidigern, die wir je hatten. Dunga war ein guter Mittelfeldspieler in der organisatorischen und defensiven Rolle, die er damals spielte. Und dann waren da noch Romário und Bebeto. Das Team war technisch versiert. Deshalb hat es [den Titel] gewonnen. Die Mannschaft hatte Qualität und verfügte auch über andere fundamentale Elemente: Geschlossenheit, die richtigen Spieler, gute Planung und einen hart arbeitenden Trainerstab.

Durch diese 24 titellosen Jahre wurde ein gigantischer Druck aufgebaut, nicht wahr?Ja, ein enormer Druck. Unser größter Gegner war dieser Druck. Das war einfach unfassbar für uns: Du schlugst eine Zeitung auf, sahst dir an, was dort geschrieben stand und dachtest: 'Mein Gott, wir haben seit 24 Jahren keinen Titel mehr geholt und diese Leute werfen einem noch Knüppel zwischen die Beine, statt zu helfen. Die wollen uns alle fertig machen.' Glücklicherweise war der Trainerstab sehr erfahren - Zagallo, ich, Moracy Sant’Anna, Admildo Chirol, Américo Faria - so haben wir uns von der Kritik nicht beeinflussen lassen. Wir sind unseren Weg gegangen, haben an unserer Arbeitsweise festgehalten. Wenn es etwas gibt, auf das wir im Hinblick auf diesen Titelgewinn stolz sind, dann, dass wir unserer Linie treu geblieben sind. In diesem Sinne habe ich 1997 oder '98 für die UEFA einen Vortrag für europäische Trainer gehalten.  Als Weltmeistertrainer war ich der Ehrengast. In meiner Präsentation habe ich die zehn wichtigsten Punkte angesprochen: Engagement, das Nationaltrikot mit Stolz tragen usw. Und dann noch eine ganz entscheidende Sache: den Spielern einzuimpfen, dass die Weltmeisterschaft ein kurzer Wettbewerb ist, bei dem man sich keine Fehler leisten kann. Unser Motto war damals: Maximale Effizienz und null Fehler. Wir hatten nur ein Ziel: Wir wollten wieder Weltmeister werden; darauf war das Team mental eingestellt. Deshalb haben wir uns von der Kritik nicht beeinflussen lassen. Auf der eben erwähnten Konferenz haben sie nach meiner Präsentation ein Video erstellt und Kopien an alle gesandt. Vorne war ein Foto von mir drauf und darunter der Titel 'My Way', wie der Song von Frank Sinatra* [lacht].*

Hätten Sie etwas anders gemacht, wenn dieser Druck der langen Zeit ohne Titel nicht auf Ihnen gelastet hätte? Hätte das Team dann anders gespielt?Nein, nein. Sie haben die Mannschaft derart kritisiert, dass sie nach dem Sieg gar nicht mehr wussten, was sie sagen sollten. Da hieß es dann: 'Sie haben gewonnen, aber sie haben nicht schön gespielt.' Aber was heißt denn schön spielen? Man muss effizient spielen, und das heißt, man muss es verstehen, ergebnisorientiert zu verteidigen und anzugreifen. Und genau das haben wir verstanden. Wir waren am Ende ungeschlagen. Und wir haben nicht nach europäischem Muster gespielt, ganz im Gegenteil. Das war so eine blödsinnige Behauptung. Das war nie der Fall. Das Team wurde nicht nach europäischen Grundsätzen aufgebaut. Wir haben die Betonung auf die brasilianische Schule gelegt: Wir sind mit einer Viererkette angetreten, die seit jeher typisch für den brasilianischen Fussball ist, haben mit Raumdeckung gearbeitet, haben Wert auf Ballbesitz und ein schnelles Direktspiel gelegt. Das waren unsere Eigenschaften.

Wenn es ans Verteidigen ging, hatten wir acht Spieler hinter dem Ball, genau wie 1970 unter Zagallo. Bei Ballverlust haben sich alle zurückgezogen. Wir waren acht, weil Romário und Bebeto ganz besondere Spieler waren, die nie dazu ausgebildet wurden, in der Abwehr auszuhelfen. Die Europäer waren überrascht davon, wie organisiert wir auftraten und wie fit wir physisch waren. Wir sind bei der Weltmeisterschaft kein einziges Mal wirklich in Gefahr geraten. Können Sie sich das vorstellen, eine WM zu spielen, ohne je in Gefahr zu geraten, ohne unter Druck zu stehen? Es gab kein einziges Spiel, in dem Taffarel unser bester Spieler war, weil das Team eine so solide Abwehr hatte.

Sie sprachen davon, dass es bei einer Weltmeisterschaft wenig Raum für Fehler gibt. Vor diesem Hintergrund muss es besonders schwer sein, eine so radikale Entscheidung zu treffen, wie Raí aus der Stammelf zu nehmen, oder?Ja, natürlich. Man muss sich seiner Sache ganz sicher sein und bereit sein, die Konsequenzen zu tragen. Raí war unser Star, unser Kapitän. Er hatte nach dem Wechsel in den europäischen Fussball zu kämpfen. 1993 ging er zu Paris Saint-Germain, bekam eine Zeit lang keine Spielpraxis und hatte im Vorfeld der WM zwei Jahre lang keinen Urlaub mehr gehabt. Das war alles zu viel für ihn. Nach seiner Rückkehr gab ich ihm einen Stammplatz, obwohl er nicht gut spielte. Nach der Gruppenphase haben wir dann beschlossen, Mazinho als Stammspieler einzusetzen. Er war sehr vielseitig. Im Achtelfinale gegen die USA hat er auf drei Positionen gespielt: Nach Leonardos Platzverweis übernahm er die linke Abwehrseite, später wechselte er nach rechts und am Ende spielte er wieder im zentralen Mittelfeld an der Seite von Mauro Silva und Dunga. Dort wurde er bis zum Ende der WM als Stammspieler eingesetzt. Technisch war er sehr gut, aber er war ein Mittelfeldspieler ohne Offensivdrang. Wir haben nur deshalb keinen offensiver ausgerichteten Spieler gebracht, weil wir damals keinen hatten. Der offensivste von allen war Raí, gefolgt von Zinho, dem zweiten Stammspieler. Wenn Sie sich die Zeitungen von damals anschauen, dann beklagte sich dort niemand darüber, dass dieser oder jener Spieler nicht berufen wurde. Neto war ein guter Mittelfeldspieler, aber er konnte sich in der Seleção nicht durchsetzen. Rivaldo haben wir getestet. Er gab sein Länderspieldebüt in unserer Amtszeit in der Partie gegen Mexiko. Er hat seine Sache gut gemacht, aber er kam noch nicht richtig ins Team. Wir waren uns einfach nicht sicher genug, um ihn einzusetzen. Später hat er sich natürlich super entwickelt und beim Titelgewinn von 2002 eine enorm wichtige Rolle gespielt.

Was genau meinen Sie, wenn Sie sagen, ein Spieler hat 'sich in der Nationalmannschaft nicht durchgesetzt'? Werden in der Seleção andere Kriterien angelegt als auf Vereinsebene?Das ist etwas ganz Fundamentales. Die Unterschiede sind groß. In der Nationalmannschaft ist der Spieler mit einem anderen Spielsystem konfrontiert, die Verantwortung ist eine andere, die technische Qualität und er steht stärker in der Kritik, weil die ganze Welt ihm zuschaut. An einigen prallt das ab, oder sie zeigen sogar positive Reaktionen darauf, andere kommen mit dem Druck, den das Nationaltrikot mit sich bringt, nicht so gut zurecht. Nehmen wir zum Beispiel einmal Branco: 1994 hatte er eine Verletzungsperiode hinter sich, war gerade nach Brasilien zurückgekehrt und bekam bei Corinthians keine Spielpraxis. Aber er war früher unter mir mit Fluminense brasilianischer Meister geworden und hatte bei den Weltmeisterschaften 1986 und 1990 spektakuläre Auftritte gefeiert. Er ging in diese Weltmeisterschaften, als würde er irgendwo in einem Hinterhof spielen - ganz ohne Druck. Das macht viel aus. Deshalb habe ich keine Sekunde gezweifelt, als ich ihn nominiert habe. Und als wir ihn brauchten, war er da. Er hat in der Partie gegen die Niederlande nicht nur den entscheidenden Treffer erzielt, sondern auch noch [*Marc] *Overmars neutralisiert, den gefährlichsten Spieler, den die Niederländer hatten.

Aber manchmal läuft dann doch nicht alles nach Plan, auch wenn man ganz nach seinen Überzeugungen handelt, oder? War das 2006 in Deutschland der Fall?Manchmal kommt man gewissermaßen in Situationen, in denen man nichts ausrichten kann. Was ich sagen will, ist Folgendes: Wenn alles rund läuft, ist es schwierig, große Veränderungen vorzunehmen, weil die Ergebnisse stimmen. Ich glaube, das war ein bisschen das Problem mit dem Team, das bei der WM 2006 an den Start ging: Wir haben versucht, ein taktisches Schema mit vier Spielern umzusetzen, die fast nie Defensivverantwortung übernommen haben: Kaká, Ronaldinho Gaúcho, Adriano und Ronaldo. Das war ein so talentierter Angriff, dass es lange Zeit gut funktioniert hat - so auch beim Konföderationen-Pokal [2005] mit Robinho an Stelle von Ronaldo. Deshalb gab es nicht viel Grund zu zweifeln. Aber aus Gründen, die bereits von allen Seiten häufig angeführt wurden - einige Spieler waren nicht in Topform, es mangelte etwas an dem Einsatz, der in einem solchen Turnier erforderlich ist - konnten wir bei der WM nicht an die vorherigen Leistungen anknüpfen. Manchmal ist das eben so: Wenn ein Konzept einmal aufgeht, reißt es einen mit - zum Guten oder zum Schlechten.

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