FIFA Ballon d'Or

Papin: "Meine Wahl würde auf Ribéry fallen"

Jean-Pierre Papin
© Getty Images

Wenige Fussballer können von sich behaupten, im Verlauf ihrer Karriere über 300 Tore erzielt zu haben, Gewinner des Ballon d’Or gewesen zu sein oder dass eine Bewegung nach ihnen benannt wurde... Der Franzose Jean-Pierre Papin gehört zu diesem erlesenen Kreis. Noch heute werden seine akrobatischen Volley-Annahmen in den unmöglichsten Positionen als "Papinade" bezeichnet, und sein unvergleichlicher Torinstinkt und sein schieres Talent haben ihm einen Platz in der Geschichte des Fussballs eingebracht.

Im Verlauf seiner Laufbahn, die ihn vom FC Valenciennes bis EA Guingamp über Olympique Marseille, AC Mailand, Bayern München und Girondins Bordeaux führte, sammelte Jean-Pierre Papin nicht nur Tore (292), sondern auch zahlreiche Titel. Unter anderem zieren vier französische Meisterschaften (1989, 1990, 1991 und 1992) mit Olympique Marseille, zwei italienische Meisterschaften (1993 und 1994) mit den Rossoneri sowie der Gewinn des UEFA-Pokals (1996) mit Bayern München die Erfolgsliste des Franzosen. Doch die prestigereichste Auszeichnung erhielt er 1991, als er mit dem Ballon d’Or geehrt wurde.

Der in Boulogne-sur-Mer geborene Spieler blickt auf eine erfüllte Karriere zurück, aber sein Leben als "Fussballrentner" ist nicht weniger bewegt. Zwischen 2004 und 2010 war er als Trainer bei Racing Strasbourg, Racing Lens und LB Châteauroux, anschließend als TV-Experte tätig (heute bei BelN Sport). Vor kurzem beendete er die Arbeit an seinem Buch "JPP, le livre anniversaire", das anlässlich seines 50. Geburtstags erschien. Trotz seines vollen Terminkalenders fand Jean-Pierre Papin die Zeit für ein Interview mit FIFA.com.

Jean-Pierre, mit der Arbeit an ihrem kürzlich fertiggestelltem Buch und Ihrer Tätigkeit als Experte scheinen Sie ein vielbeschäftigter Mann zu sein. Sind Sie zumindest ein glücklicher "Fussballrentner"?
Ich habe keinen Grund zur Klage! Mein Beruf als TV-Experte ermöglicht es mir, weiter meine Leidenschaft zu stillen, auch wenn es nicht immer leicht ist, dem Fussballplatz fern zu sein.

Warum haben Sie als Trainer aufgehört?Es erschien mir ratsam. Ich bin oft sehr gefühlsbetont und hatte mein Schicksal mit dem meines Präsidenten verknüpft, als ich bei Châteauroux war. Als das Ende erreicht war, musste ich gehen. Doch ich habe meine Karriere als Trainer noch nicht abgehakt. Ich würde gerne ein interessantes Projekt finden, doch die Posten liegen nicht auf der Straße.

Ist der Spaß an der Trainertätigkeit mit der als Spieler vergleichbar?
Das ist komplett anders. Als Spieler kann man sich nicht vorstellen, wie schwer es ist, Trainer zu sein. Ich muss zugeben, dass ich die Arbeit als Stürmer lieber gemacht habe!

Welcher Trainer hat Sie am meisten geprägt?
Ich schätze Fabio Capello sehr. Er verkörpert für mich, wie ein echter Trainer sein muss. Ein guter Coach muss eine großartige Mannschaft zur Verfügung haben, eine gewisse Strenge, taktisches Verständnis haben – und Titel gewinnen.

Was ist Ihre schönste Erinnerung als Spieler?
Meine schönste Erinnerung ist meine gesamte Karriere als Fussballer! Als ich klein war, träumte ich davon, einen Profivertrag zu unterschreiben. Das ist mir gelungen. Und alle Tage, die auf diesen Zeitpunkt des ersten Vertrags folgten, waren einfach nur ein Bonus. Wenn ich zurückblicke und alle Titel sehe, die ich gewonnen habe – ich hatte das Glück, eine fabelhafte Karriere zu erleben.

Wer ist der beste Spieler, mit dem Sie jemals zu tun hatten?
Paolo Maldini, ohne zu zögern. Ich war sein Mitspieler bei Milan, und wenn man ihn einmal im Training oder in einem Spiel bei der Arbeit gesehen hat – er ist ein Vorbild für jeden Fussballer. Er ist jemand, der jeden Tag 200 Prozent gibt, ob es ein Spiel ist oder nicht. Und ich denke, darin liegt das Geheimnis: Man muss immer sein Bestes geben, selbst im Training.

Und wenn Sie einen Klub im Verlauf Ihrer langen Karriere hervorheben müssten, welchen würden Sie wählen?
Ich hatte das Glück, nur großartige Klubs kennenzulernen. Brügge, Marseille, Mailand, Bayern, Bordeaux... Wer könnte sagen, dass es mehr Prestige bedeutet, das Trikot des einen oder anderen Vereins getragen zu haben? Das ist unmöglich.

Sie wurden 1991 mit dem Ballon d’Or ausgezeichnet. Wie sehen Sie diese Auszeichnung?
Es wird einem erst hinterher bewusst, was es bedeutet: Wenn man aufgehört hat und einen Blick in die Geschichtsbücher wirft und seinen Namen sieht. Es ist ein komisches Gefühl, zu denken: "zu einem bestimmten Zeitpunkt warst du der beste Spieler der Welt!" Doch es hatte noch nicht den gleichen Wert wie heute. Zu meiner Zeit war das Wahlverfahren verschieden: es waren ausschließlich Journalisten. Heute hat der Ballon d’Or eine besondere Dimension angenommen.

Wer verdient Ihrer Meinung nach den nächsten Ballon d’Or?
Meine Wahl würde auf Franck Ribéry fallen, und das sage ich nicht nur aus Patriotismus! Ich denke ganz ehrlich, dass er ein Jahr gemacht hat, wie es sein muss: Er hat zahlreiche Titel gewonnen, war konstant in seinen Leistungen. Und außerdem hat er sich verändert in seinen Äußerungen und seinem Auftreten. Ich würde mir wünschen, dass auch diese Dimension berücksichtigt würde. Doch als Gegner steht ihm ein Ungeheuer gegenüber, das Cristiano Ronaldo heißt! Er schießt ein Tor nach dem anderen, und ich befürchte, dass dies am Ende den Ausschlag zugunsten des Portugiesen geben wird.

Wie sehen Sie die französische Nationalmannschaft und ihre Leistung in der WM-Qualifikation?
Ich fand sie ganz gut. Wir haben nur eine Partie gegen Spanien verloren, den Weltmeister! Die Entscheidung hing von einem Tor, einem Detail ab. Wir mussten in der Folge zwar etwas zittern, doch uns ist der Erfolg gelungen, nach der 0:2-Niederlage gegen die Ukraine im Hinspiel der Playoff-Runde noch die Qualifikation zu schaffen. Der Wille und die Jugend haben den Unterschied ausgemacht. Insgesamt habe ich das Gefühl, dass die französische Nationalmannschaft im Vergleich zu den letzten Jahren gute Fortschritte gemacht hat und die Qualifikation für die Weltmeisterschaft verdient ist.

Was haben Sie selbst für Erinnerungen an die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft?
Ich habe einmal daran teilgenommen und es war ein magischer Moment. Ich habe an vielen Turnieren teilgenommen, aber die Weltmeisterschaft ist ein unvergessliches Erlebnis im Leben eines Fussballers. Eine besondere Erinnerung, die ich an 86 habe, ist, dass ich in einem einzigen Spiel Torschützenkönig des Turniers hätte werden können... Doch ich habe alle Chancen vergeben. (lacht) Das war im ersten Spiel der Gruppenphase gegen Kanada. Ich hätte an diesem Tag sechs Tore schießen müssen, doch ich machte nur eins.
* Wer ist Ihr Favorit für Brasilien 2014?*
Brasilien wird zu Hause ein sehr schwerer Gegner sein. Und wenn ich einen Konkurrenten nennen müsste, würde ich Deutschland wählen.

Wird Frankreich ebenfalls eine Chance haben?
In einem solchen Wettbewerb hat man immer eine Chance. Es ist ein Turnier, in dem es auf die Konstanz ankommt. Man muss die ganze Zeit gut sein und seine Spiele verwalten. Und Frankreich verfügt über die Spieler, um ein gutes Ergebnis zu erzielen. Vielleicht kann die Mannschaft nicht das Turnier gewinnen, doch sie ist zweifellos gut genug, um bis ins Viertelfinale zu kommen.

Auf welchen Spieler freuen Sie sich in Brasilien besonders?
Ich bin sehr 'Messi'. Ich mag seine Bescheidenheit. Ich mag die Freude, die er zu spüren scheint, wenn er eine Vorlage gibt oder ein Tor erzielt. Der Fussball muss vor allem Spaß machen. Er gibt dem Fussball Freude und man spürt, dass er ihm selbst Vergnügen bereitet.

Das könnte man von Ihnen genauso gut behaupten, Jean-Pierre...
Es stimmt, dass ich ein wenig so war. Ich habe den Fussball immer mehr als ein Spiel und weniger als Beruf angesehen. In diesem Sport existiert man nur, wenn man seine Teamkameraden an der Seite und vor allem die Fans hinter sich hat. Das macht Freude. Und wenn ich heute Messi sehe, erkenne ich mich ein bisschen in ihm wieder – natürlich im richtigen Verhältnis. Er trifft viel öfter als ich, obwohl ich nicht wenige Tore gemacht habe! Doch er steht auf einer höheren Stufe. Vier Ballons d’Or in Folge: Das ist nicht nur verdient, das kann auch nicht übertroffen werden!

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