Fussball aus aller Welt

Oniangué bringt die Freude zurück

Congo's midfielder Prince Oniangue (R) celebrates after scoring
© AFP

Anderthalb Monate ohne ihn, und niemand hat gelächelt. Kaum ist er wieder da, kehrt bei Stade Reims auch die Freude zurück. Mit seinem Tor gegen Nantes am vergangenen 9. April (2:1) im ersten Auftritt nach einer Verletzungspause hat Prince Oniangué seinem Klub und den Fans im Kampf um den Klassenerhalt wieder Hoffnung gegeben. Der Einfluss, den der Kongolese auf sein Umfeld ausübt, geht indes über den sportlichen Aspekt hinaus: Der Mittelfeldspieler verteilt nicht nur Bälle, sondern verströmt auch Lebensfreude.

"Es liegt mehr Freude im Geben als im Nehmen", antwortet Oniangué spontan auf die Frage von FIFA.com nach seiner Lebensphilosophie. Dieser schwört er niemals ab. Nicht einmal dann, wenn er in die Krankenstation muss. "Ich sage mir einfach, dass ich in dieser Zeit sicherlich etwas lernen werde. Bei den anderen Verletzten werde ich dorthin Licht bringen, wo manche vielleicht traurig oder niedergeschlagen sind. In versuche in jeder Situation, Teil der Lösung und nicht des Problems zu sein. Deshalb gehe ich jeden Tag mit einem Lächeln und mit Zuversicht an."

Das beste Beispiel für diese Gabe stammt aus seiner Jugendzeit. Sein älterer Bruder Trésor hatte ein schweres Leiden. Die Sichelzellenanämie ist eine genetische Erkrankung, die von heftigen Anfällen begleitet wird, die zum Tod führen können. Es gab nur eine Option, um zu überleben: Eine Knochenmarktransplantation. Prince gehörte zu den wenigen Menschen, die die medizinischen Kriterien erfüllten, um als Spender in Frage zu kommen - als einziger in der Familie. Er besuchte damals das Ausbildungszentrum von Stade Rennes. Er wartete, bis er volljährig war, um die Verantwortung zu übernehmen. Auf die Gefahr hin, seiner beginnenden Karriere zu schaden.

Kugeln und Körbe
"Mir wurde gesagt, dass es normalerweise keine Folgeerscheinungen gibt, man aber nie sicher sein kann. Aber ich habe vor allem an meinen Bruder gedacht. Wir haben diese Transplantation gemacht, doch es fehlte noch Knochenmark, also wurde ich auch am Brustbein punktiert. Aber es war eine gute Erfahrung. Heute geht es meinem Bruder gut und er ist nicht mehr im Krankenhaus", versichert Oniangué. Er verschweigt geflissentlich, dass ihm diese Operation eine mehrwöchige Zwangspause im Verein, regelmäßige Blutentnahmen und medizinische Untersuchungen, eine beschwerliche Genesung und zahllose Behördengänge einbrachte. Die letzte bürokratische Hürde aber war von angenehmer Natur: Wenige Monate darauf unterschrieb er seinen ersten Profivertrag!

Dieser Optimismus zeichnet Oniangué in allen Lebenslagen aus, nicht nur in dieser schweren Prüfung. So verpasste er beispielsweise die Junioren-Afrikameisterschaft 2007, die Kongo ohne ihn gewann, weil seine Mutter wollte, dass er sein Abitur macht. 2011 erlitt er einen Kieferbruch, aber seine Lebensfreude ist unerschütterlich. Diese gründet einerseits in seiner Erziehung und seinem Glauben, insbesondere aber in einer Vergangenheit, die ihn früh auf eine harte Probe stellte. "Ich habe gewisse Lebensprinzipien sehr früh lernen müssen", erklärt der 27-Jährige mit Verweis auf seine Kindheit zwischen seinem Geburtsland Frankreich und dem seiner Eltern. Kongo befand sich damals mitten in einem Bürgerkrieg. "1993 war ich fünf Jahre alt. Mein Vater gehörte zur Leibwache des aktuellen Präsidenten der Republik, Denis Sassou Nguesso. Bei einem Attentat trafen ihn sechs Kugeln."

Wie durch ein Wunder überlebte sein Vater, der damals übrigens kongolesischer Basketball-Nationalspieler war. So konnte er den sportlichen Aufstieg von zweien seiner 24 Kinder miterleben: Prince, der Fussballer wurde, und Giovan, der bei Paris-Levallois in der ersten französischen Liga Profibasketballer ist. "Das war ein Schock. Doch als ich gesehen habe, dass sich ganz Kongo für meinen Vater eingesetzt hat, habe ich mir gesagt, dass dieses Land in uns ist. Und dass ich eines Tages große Dinge für dieses Land erreichen werde", fährt Oniangué fort. Er ließ seinen Worten Taten folgen, als er 2008 in die Nationalmannschaft berufen wurde und seit der Afrikameisterschaft 2015 die Kapitänsbinde trägt.

Giovan wiederum, der sich bei der Wahl seines Sports von seinen Vater inspirieren ließ, wurde 2013 Nationalspieler. In anderer Hinsicht ist ihm sein älterer Bruder dennoch ein Vorbild: "Die gute Stimmung von Prince ist ansteckend", sagt der Korbjäger im Gespräch mit FIFA.com und verrät, dass sein älterer Bruder auch mit der Hand "einen recht guten Schuss" hat. "Dadurch, dass er immer lächelt, auch wenn mal alles schief geht, vermittelt er Lebensfreude und ist der Sonnenschein der Mannschaft. Das Verhalten von Prince und das Lächeln, das er jeden Tag zeigt, vermitteln eine positive Einstellung. Es macht mich sehr stolz zu sehen, dass er diese Wirkung auf seine Teamkameraden hat, und ich versuche, das auch zu tun."

Bescheidenheit und Ruhm
Der familieneigene Optimismus verbreitet sich nicht nur in der Kabine, sondern im ganzen Land. "Wir hatten uns seit 15 Jahren nicht mehr qualifiziert, aber wir haben gekämpft, um unsere Nation würdig zu vertreten", sagt Oniangué, der die Roten Teufel bei der letzten Afrikameisterschaft bis ins Viertelfinale führte. "Heute haben wir alle denselben Traum, es zur WM zu schaffen. Wenn du eine Vision in dir hast, lässt dich das jeden Morgen aufstehen und motiviert dich, noch mehr zu geben, und treibt dich zum Sieg."

Dieser Generation wird vielleicht gelingen, woran alle ihre Vorgänger gescheitert sind: Die erstmalige Qualifikation für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ in der Geschichte des Landes. Auf dem Weg nach Russland 2018 haben die Männer von Pierre Lechantre bereits die zweite Runde überstanden. Vor allem aber haben sie die Hoffnungen aller Kongolesen wiederbelebt. Auch die ihres berühmtesten Basketballspielers: "Die Menschen beginnen, die Nationalmannschaft wirklich zu lieben. Denn es gab eine Zeit, in der sie nicht so sehr geschätzt wurde und man nicht an sie glaubte", räumt Giovan ein. "Doch seit diese Generation mit Prince als Anführer die Fackel übernommen hat, schauen die Kongolesen wieder mehr auf ihr Nationalteam, sorgen sich um die Spieler und verfolgen sie bei ihren jeweiligen Vereinen. Prince verfügt über große Führungsqualitäten. Seit dem letzten Afrika-Cup ist sein Kurs weiter gestiegen."

Der charismatische Kapitän erfährt plötzlich von allen Seiten höchste Anerkennung. Er akzeptiert die Lobgesänge, doch er sucht sie nicht: "Wir haben einige schöne Dinge geschafft, doch wir haben nichts gewonnen", beteuert er. "Wenn wir eines Tages einen Wettbewerb gewonnen und das Land für die WM qualifiziert haben, dann können wir weiterreden. Aber ich werde immer da sein, um mäßigend einzuwirken, denn vor der Ehre kommt die Bescheidenheit. Das ist der Schlüssel zum Erfolg."

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