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Nowak: "Ich bewundere diese Jungs ohne Ende"

Piotr Nowak coaching in Major League Soccer
© Getty Images

Piotr Nowak gilt nicht gerade als entspannter Typ. Als Aktiver in seiner Heimat Polen, der deutschen Bundesliga und später in der amerikanischen MLS, wo er zu einem der größten Spieler aller Zeiten avancierte, war er für seine Verbissenheit berühmt und berüchtigt. Da erscheint der aktuelle Trainerposten des inzwischen 50-Jährigen in der sonnigen Karibik irgendwie schon kurios.

"Die Leute haben eine falsche Vorstellung von mir", sagt der ehemalige polnische Nationalmannschaftskapitän jedoch bei FIFA.com, während man am Telefon den Wind der Inseln von Antigua und Barbuda hört. "Das ganze Geschrei, das ist einfach nur Leidenschaft."

Schon der Fussballer Nowak war immer ein Grenzgänger. Er war ein Spielmacher, ohne der klassische Regisseur oder gar ein Schönspieler zu sein. Aufgewachsen in den Strukturen des alten Ostblocks, wurde Nowak zu einem Wettkampfspieler par excellence. Der Mann mit dem kantigen Kinn und dem kompakten Körperbau war zudem stets ein Musterprofi.

Als Coach der U.S.-Olympiaauswahl 2008 in Peking oder in der MLS bei DC United und Philadelphia Union tigerte er ständig wie ein Besessener an der Seitenlinie auf und ab. Nowak ist also ein Mann mit Ecken und Kanten – und das war bei seiner Ankunft in Antigua und Barbuda im vergangenen Jahr zunächst einmal gewöhnungsbedürftig.

Reif für die Insel
"Sagen wir mal, er hat schon ein paar Pflöcke in den Boden gerammt", sagt Torwart-Routinier Molvin James schmunzelnd über seinen neuen Trainer. Der Held jener Benna Boys, die Haiti aus der WM-Qualifikation für Brasilien geworfen haben, spricht von Nowak mit echter Hochachtung. "Er will, dass wir früh aufstehen und früh beim Training sind. Mannschaftsfrühstück um zehn heißt bei ihm: Punkt zehn und nicht zehn Uhr fünfzehn! Inzwischen kommen wir alle zehn Minuten zu früh!"

Ausnahmen gibt es bei Nowak nicht. "Ich habe festgestellt, dass Zeit hier auf den Inseln sehr locker gehandhabt wird", sagt Polens Fussballer des Jahrs 1996. "Also habe ich diesbezüglich ein paar Regeln festgelegt. Das hat vielleicht nicht jedem geschmeckt."

Damit war das Konfliktpotenzial zwischen dem Trainer Nowak und seinen einheimischen Schützlingen allerdings auch schon erschöpft. Statt zum Kulturkampf kam es zum Kulturaustausch -- und zu gegenseitigem Respekt zwischen einem Profi alter Schule und einer Gruppe Hoffnungsvoller von einem Ort mit wenig Fussballtradition. Nowak spricht von seinen Spielern, die meist neben dem Fussball noch einem regulären Job nachgehen, voller Wärme und Wohlwollen. "Ich will ihnen die Richtung zeigen, ihnen helfen zu verstehen, dass man heute vielleicht noch hier spielt, aber morgen schon bei Real Madrid oder Liverpool sein kann!", so sein Credo.

"Er ist ein toller Typ", sagt Javorn Stevens. Der 17-Jährige gehört zu den größten Sturmtalenten Antiguas und Nowak hat ihm großes Potenzial attestiert. "Ja, vielleicht sieht er etwas Besonderes in mir, aber ich weiß, er will, dass wir alle etwas aus unserem Leben machen und wissen sollen, dass es um *uns *geht", fügt der so Gelobte an, der in den kommenden WM-Qualifikationsspielen voraussichtlich neben Rekordtorschütze 'Big Pete' Byers auflaufen wird.

Nowak geht es um die Spieler
Nowak erklärt derweil klipp und klar, dass es bei seinem Engagement in Antigua und Barbuda nicht um ihn geht. "Meine Karriere ist vorbei!", sagt er brüsk. "Wenn eine Mannschaft was gewinnt, hält ja nicht der Trainer den Pokal hoch. Es geht um die Spieler!"

Antigua und Barbuda spielen unter der Woche ihr erstes WM-Qualifikationsspiel für Russland 2018 gegen das benachbarte St. Lucia. Nowak legt dabei gesteigerten Wert darauf, dass seine Schützlinge begreifen, welche Möglichkeiten vor ihnen liegen.

"Ich will nicht lauter Nowak-Kopien!", stellt er dezidiert klar. "Ja, ich bin anspruchsvoll, aber ich will den Spielern nicht ihre Persönlichkeit nehmen. Ich will, dass sie aus sich raus gehen. Ich will, dass sie wissen, dies ist ihre Zeit, für sie und ihr Land."

Nowaks Stimme wird sanft. "Ich bewundere diese Jungs ohne Ende", sagt er über die einheimischen Spieler, die vor oder nach der Arbeit oder nach einem langen Schultag trainieren. "Sie haben nicht viel zu essen, aber sie beklagen sich nie. 'Machen wir weiter!', sagen sie nach dem Training. Ihr Leben ist hart, aber sie meistern es mit einem Lächeln."

Vor dem Anstoß gegen St. Lucia erwartet Nowak noch einige Spieler aus England im Kader. Darin liegt durchaus ein gewisses Problem für den Trainer. "Es muss ihnen klar sein, dass sie nicht einfach reinkommen und Chef spielen können", warnt er die meist unterklassig spielenden Legionäre von der Insel. "Sie müssen die hiesige Mannschaft respektieren und das respektieren, was wir leisten."

Disziplin zeigt sich für den älteren, gereiften Nowak darin, wie man spielt. "Wir sollen den Ball nicht einfach nach vorn schlagen und hinterher rennen", so Torhüter James, der vor seiner dritten WM-Qualifikation steht. "Ansonsten ist er eigentlich ein ziemlich lockerer Typ. Er erklärt uns im persönlichen Gespräch, was er von uns will – er schreit nicht vor versammelter Mannschaft herum und macht uns zur Schnecke. Und wir hören auf ihn."

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