FIFA Weltmeisterschaft™

Infantino: "Der Fussball lebt von den Fans"

An seinem ersten Arbeitstag im Home of FIFA in Zürich sprach FIFA-Präsident Gianni Infantino über seine WM-Visionen, technische Hilfe für Schiedsrichter und seine Beziehung zum Fussball aus Fan-Sicht.

* Bei der Bekanntgabe Ihrer Wahl als FIFA-Präsident waren Sie sichtlich gerührt. Was ging Ihnen durch den Kopf? Ich konnte es gar nicht fassen. In meinem Kopf herrschte ein großes Durcheinander. Alle Emotionen kamen zusammen, die man gleichzeitig haben kann – Glück, Stolz, Verantwortung … die Bürde der Aufgabe, die mich erwartet, aber auch Begeisterung und Motivation, das Richtige zu tun. Stellen Sie sich alles vor, was Sie sich gleichzeitig in einer Sekunde vorstellen können, bis Sie nichts mehr denken und nur noch fühlen. Es ging um Emotionen – so wie der Fussball sein sollte. *
*Wir wissen von Ihnen, dass Sie seit Jahren im Fussball tätig sind, aber wie steht es um Sie als Fussballfan? Wie wichtig ist und war der Sport für Sie? *Meine Eltern und vor allem mein Vater haben mich schon als kleinen Jungen mit dem Fussballvirus infiziert. Ich war ein riesiger Fussballfan und folgte meinem Team überall hin. Ich weiß noch genau, wie ich mit Jeans und meinem ältesten T-Shirt zu den Spielen ging. Heute muss ich Anzug und Krawatte tragen. Das müssen wir ändern und auf oberster Ebene wieder mehr Fans und weniger Politiker sein. Wenn wir uns in erster Linie als Fussballfans verstehen, wird der Sport viel besser.

Wo war Ihre Position zu Aktivzeiten? *Normalerweise auf der Bank – wenn Sie mich im Spiel am 29. Februar gesehen haben, wissen Sie wieso [lacht].* Ich spielte gerne als Stürmer, traf aber leider nur selten. Eigentlich spielte ich nur, weil meine Mutter die Hemden meines Teams wusch. Deshalb durfte ich ab und an ein paar Minuten spielen, wenn unser Team in Führung lag und ich nicht allzu grossen Schaden anrichten konnte. Dennoch hatte ich auf dem Platz viel Spaß, genauso wie heute. Was verbindet Sie mit der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft? Was sind Ihre ersten Erinnerungen? Meine ersten Erinnerungen datieren von **1978. Ich war damals acht Jahre alt und schaute mir die Spiele zusammen mit meinem Vater im Fernsehen an. Ich erinnere mich an [Daniel] Bertoni und [Mario] Kempes im Finale gegen die Niederlande und natürlich ans italienische Nationalteam, das einen guten Start erwischte, mit Paolo Rossi, Antonio Cabrini, neuen Spielern … Dann kam natürlich die WM 1982, die Italien gewann – was für ein Erlebnis für einen 12-jährigen Jungen. Diese Begeisterung ist geblieben. Nehmen wir etwa die Weltmeisterschaft 2014. Wenn man morgens in der Schweiz, einem sehr internationalen Land, die Kinder zur Schule brachte, waren da all die Mütter, Väter und Kinder, die über ihre Teams redeten – Engländer, Algerier, Schweizer, Deutsche. Das zeigt, wie wichtig die WM ist. Das dürfen wir nie vergessen. Wir müssen diesen Wettbewerb stets schützen.

*Was für Ideen haben Sie konkret für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft? *Es ist kein Geheimnis, dass ich die WM auf 40 Teams erweitern möchte. 40 Teams sind nur 19 % der FIFA-Mitglieder – nicht viel verglichen mit kontinentalen Endrunden, an denen 30 bis 100 % der angeschlossenen Teams teilnehmen. Wir geben so acht weiteren Teams die Möglichkeit, dabei zu sein, und vielen mehr die Chance, von einer Teilnahme zu träumen und eine sehr gute Qualifikation zu bestreiten. Natürlich müssen wir einige Dinge prüfen und diskutieren – etwa die Auswirkungen auf den Spielkalender. Ehrlich gesagt, sehe ich keine, aber wir müssen dennoch alles sorgfältig und ernsthaft analysieren und dann vorwärtsmachen.

Und die übrigen FIFA-Wettbewerbe?
Die Jugendwettbewerbe für Jungen und Mädchen sind natürlich ebenso wichtig. Wir müssen die Alterskategorien überdenken und uns fragen, ob diese noch stimmen oder etwas tiefer angesetzt werden sollten. Und dann stellt sich auch die Frage nach einer Vergrößerung der Endrunden. So oder so müssen wir dafür sorgen, dass mit der Unterstützung der FIFA lokal internationale Wettbewerbe ausgetragen werden können. Nicht jedes Land kann an einer WM teilnehmen. Einige Länder werden sich nie qualifizieren oder können nicht einmal von einer WM-Teilnahme träumen – egal ob Junioren oder Juniorinnen, Männer oder Frauen. Aber auch sie müssen spielen können. Die FIFA muss ihnen helfen, weil es bei unserer Arbeit letztlich immer ums Spielen geht.

*Wenn Sie auf die Veranstaltungen in Ihrem ersten Jahr als FIFA-Präsident blicken, was erwarten Sie? *Da ist zuerst die laufende WM-Qualifikation – ein tolles Fussballfest rund um die Welt, bei dem die Teams davon träumen, bei der WM in Russland dabei zu sein. Dann kommen die U-17- und U-20-Weltmeisterschaften der Frauen in Jordanien und Papua-Neuguinea. Der Mädchenfussball muss in diese Länder gehen und sie für Neues öffnen. Ich werde sicher zu beiden Turnieren reisen. Das wird großartig werden. Ich werde der Welt zeigen, dass wir Jordanien und Papua-Neuguinea dankbar sind und an sie und daran glauben, dass diese Turniere für ihre Länder und Regionen viel bewirken können.

*Neben der Organisation von Wettbewerben ist die Fussballförderung zweiter Pfeiler der FIFA-Mission. Was haben Sie hier für eine Vision? *Ich bin auf allen Kontinenten viel herumgereist und habe viele Länder besucht. Dabei habe ich mit eigenen Augen gesehen, woran es fehlt. Wir können und müssen viel tun – und wir können mit sehr wenig viel erreichen. Wir müssen vor allem in maßgeschneiderte Programme investieren, weil Bhutan, Madagaskar, die Schweiz und Paraguay ganz unterschiedliche Bedürfnisse haben. Wir müssen deshalb auf jeden unserer 209 Mitgliedsverbände einzeln eingehen und jedem dabei helfen, den Fussball gemäß seinen Bedürfnissen zu fördern.

*Stimmen Sie mir zu, dass aktuelle und ehemalige Spieler stärker in die Entscheidungsprozesse eingebunden werden müssen? *Wir müssen den Spielern zuhören und sie in unsere Arbeit einbinden, nicht nur bei Entscheidungen, sondern auch bei der Fussballförderung und sozialen Projekten, weil wir auch eine große soziale Verantwortung haben. Wir wissen aus Erfahrung, dass sich ehemalige Spieler gerne an FIFA-Tätigkeiten beteiligen. Sie wollen dem Fussball, der ihnen so viel gegeben hat, etwas zurückgeben. Wir müssen sie integrieren. Ganz oben auf meiner Tagesordnung steht deshalb die Bildung eines Teams mit Fussballlegenden, das für die und mit der FIFA weltweite Strahlkraft entwickeln soll.
* Ein weiterer wichtiger Termin in Ihren ersten Amtstagen ist die Teilnahme an der IFAB-Jahresversammlung, die sich u. a. mit dem Einsatz von Videotechnik zur Unterstützung von Spieloffiziellen befassen wird. Was ist Ihre Meinung? *Technik ist natürlich ein wichtiges Thema, das wir ernsthaft prüfen müssen. Wir schreiben 2016 und müssen mit der Zeit gehen. Die Torlinientechnologie ist bereits Realität. Wir müssen deshalb die Sache analysieren und unter echten Spielbedingungen testen, damit wir sehen, wann der Einsatz von Technik sinnvoll ist, und vor allem, was für Auswirkungen das auf den Spielfluss hat, denn dieser zeichnet den Fussball aus. Im Gegensatz zu vielen anderen Sportarten gibt es keine Unterbrechungen, in denen Videoaufnahmen angesehen werden könnten. Wenn der Spielfluss garantiert ist, müssen wir evaluieren, wie das Spiel von der Technik profitieren kann. Wir müssen besser früher als später mit seriösen Tests beginnen.

*Glauben Sie, dass man Technik stärker einsetzen kann, ohne den Spielfluss zu beeinträchtigen? *Absolut. Die Technik entwickelt sich laufend weiter und wird immer besser. Wenn wir den Schiedsrichtern dabei helfen können, die richtigen Entscheidungen zu treffen, dient das auch der Transparenz. Das muss uns gelingen.

*Nach dem IFAB folgt am 7. März die zweite Frauenfussball- und Führungskonferenz der FIFA. Wie wollen Sie die Frauen im Fussball stärken? *Wir müssen für die Förderung des Frauenfussballs eine Strategie haben. Das betrifft nicht nur den Fussball selbst, sondern auch Frauen auf Führungsstufe bei den nationalen Verbänden, Konföderationen und der FIFA. Dank den Reformen ist das nun auch in den Statuten verankert. Aus diesem Grund ist der 7. März ein wichtiges Datum. Und wie bei der Fussballförderung im Allgemeinen müssen wir auf jedes Land individuell eingehen. Eine globale Strategie ist nutzlos, weil Deutschland und die USA nicht die gleichen Bedürfnisse haben wie viele andere Länder. Wir müssen uns deshalb das Fachwissen der Deutschen und U.S.-Amerikaner – um nur zwei Beispiele zu nennen – zunutze machen, um anderen Ländern mit massgeschneiderten Programmen zu helfen. Überall auf der Welt spüre ich den Willen, den Frauenfussball zu fördern. Ich glaube deshalb, dass wir viel erreichen können.

Wir haben viel über Fans gesprochen. Viele gewöhnliche Fussballfans halten die FIFA aber für abgehoben. Was sagen Sie ihnen? *Vertraut uns. Vertraut mir, weil auch ich ein Fussballfan bin. Ich bin wie ihr. Ich liebe den Fussball. Ich weiß aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, kilometerweit zu reisen, um sein Lieblingsteam zu sehen. Ich weiß, was es bedeutet, den Fussball zu lieben und Anhänger eines Teams zu sein. Der Fussball lebt von den Fans. Wir brauchen Spieler und Fans. Diese beiden Elemente wurden zu lange vernachlässigt. Das muss sich ändern. Wie müssen sie ins Boot holen und in unsere Arbeit einbeziehen.* * *

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