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Fritsch: "CP-Fussball ist in Deutschland relativ unbekannt"

CP-Football - Goalie Training

Den Namen Joachim Löw kennt jeder Fussballfan, das gilt auch für die Spieler der deutschen Nationalmannschaft. Ein Umstand, von dem Conny Fritsch nur träumen kann. Seit 2017 betreut der ehemalige Spieler und Kapitän der Nationalmannschaft für Fussballer mit Cerebralparese (CP) diese als Trainer. "Die Entwicklung in Deutschland ist leider nicht so leicht, da der CP-Fußball relativ unbekannt ist", erzählt der 35-Jährige im Interview mit FIFA.com. "Wir sind nicht mehr paralympisch und deshalb war es auch sehr schwierig Spieler und vor allem Sponsoren zu finden. Bisher ist sogar fast unmöglich Sponsoren dafür zu finden."

Das liegt vielleicht auch daran, dass das Team noch sehr jung ist. Während "Die Mannschaft" ihr erstes offizielles Länderspiel im Jahr 1908 austrug und auf eine lange Geschichte zurückblicken kann, befindet sich die CP-Nationalmannschaft mit ihren fünf Jahren noch in den Kinderschuhen.

Fritsch selbst wurde über Facebook darauf aufmerksam. "Nach meinem schweren Autounfall im Jahr 2005 habe ich immer geschaut, ob es nicht eine Richtung gibt, in der ich im Behindertenfussball spielen kann. Der höherklassige Fussball, in dem ich gespielt habe, ging natürlich nicht mehr, man hat ja auch eine körperliche Einschränkung. Es gab aber nie etwas. Ich habe dann im Jahr 2013 über eine inoffizielle CP-Nationalmannschaft in Deutschland gelesen und mich gefragt: Was ist das denn?", gibt er zu Protokoll. "So ist das ganze ins Rollen gekommen. Der DBS (Deutscher Behindertensportverband) hat dann irgendwann gesagt, dass sie eine CP-Nationalmannschaft im Fssßball gründen wollen."

Noch im selben Jahr der Gründung nahm die Nationalmannschaft zum ersten Mal im August 2014 an der Europameisterschaft in Portugal teil und belegte dort einen beachtlichen neunten Platz. Zwei Jahre später erreichten Fritsch & Co. sogar Rang sechs und damit die beste Platzierung bei einem internationalen Turnier.

CP-Fussball in Stichpunkten

  • Seit dem Jahr 1978 besteht der CP-Fussball und war von 1984 - 2016 paralympisch
  • CP‐Fussball wird durch Menschen mit einer cerebralen Bewegungsstörung (Cerebral Palsy) und anderen neurologischen Krankheiten, inklusive Schlaganfall und Schädel-Hirn-Trauma betrieben
  • Gespielt wird mit sieben Spielern pro Team auf einem verkleinerten Feld und verkleinerten Toren. Ansonsten gelten die Regeln der FIFA
  • Der Gebrauch von Krücken oder Rollstühlen ist beim CP‐Fussball nicht erlaubt
  • Ein Team besteht aus 6 Feldspielern und einem Torhüter
  • Das Spiel dauert zwei mal 30 Minuten mit einer 15-minütigen Pause

In diesem Jahr folgt nun die Teilnahme am World Cup in Sevilla. an dem die besten 16 Teams in der Weltrangliste teilnehmen. Im Gegensatz zur Weltmeisterschaft gibt es keine Qualifikation und somit können auch keine Mannschaften dabei sein, die in der Weltrangliste nicht unter den ersten 16 sind.

"Für uns ist es ein riesiger Meilenstein, dass wir uns hierfür qualifiziert haben, dort mitmachen und uns weiter nach vorne spielen können. Man muss einmal in diesen Strudel kommen mit den Turnieren, dann bekommt man auch Punkte. Das ist der entscheidende Faktor für die Weltrangliste. Wir haben letztes Jahr bei der Europameisterschaft einen für uns überragenden 6. Platz gemacht. Die ersten fünf Mannschaften gehören zur Weltspitze und deshalb können wir sehr stolz auf dieses Ergebnis sein. Wir versuchen, beim anstehenden World Cup eine richtig gute Platzierung zu erzielen um in der Weltrangliste noch weiter nach vorne zu kommen. Damit kann man schon werben. Es wird auch einfacher Spieler zu finden, wenn man sagen kann: 'Wir sind jedes Jahr bei einem internationalen Turnier dabei und Du kannst eine Weltmeisterschaft spielen'. Wenn man Fussballer durch und durch ist, dann lebt man für so etwas."

Für den Cheftrainer aus Kumhausen-Preisenberg wird es das erste große Turnier an der Seitenlinie sein, nachdem er sich 2017 dazu entschloss, diesen Posten zu übernehmen. Fritsch ist Inhaber der A-Lizenz und trainierte bereits Mannschaften in der Mädchen-Bundesliga, der zweithöchsten Junioren-Spielklasse und im Bayerischen Fussball-Verband. "Mir ist die Mannschaft einfach sehr wichtig und richtig ans Herz gewachsen", erklärt er seine Beweggründe. "Ich war als Spieler Gründungsmitglied der Mannschaft und lange Zeit Kapitän – Das bringt auch eine gewisse Verantwortung. Ich habe mir gesagt, dass wir den CP-Fussball weiter voranbringen möchten – auch wenn es ganz sicher nicht leicht wird. Schließlich gibt es die Nationalmannschaft in Deutschland erst seit 2014 in vielen anderen Ländern schon deutlich länger."

Mit diesem Vorhaben hat Fritsch bereits begonnen. "Letzten Montag ist gerade der Fussballlehrer-Lehrgang angelaufen. Dieses Jahr werden wieder 25 Fussballlehrer in Deutschland ausgebildet und ich habe das große Glück, einer dieser 25 zu sein."

Da sich bei diesem Lehrgang auch ehemalige Profis befinden, hofft er, das Bewusstsein für CP-Fussball zu erhöhen. "Viele Menschen wissen erst einmal gar nicht, was Cerebralparese bedeutet und werden dadurch etwas aufmerksamer. Das habe ich jetzt auch im Kurs gemerkt. Einige meiner Kollegen haben sich bei mir darüber informiert und ich glaube, dass dadurch auch die Bekanntheit steigt. Wenn wir uns jetzt beim World Cup gut verkaufen, dann werden wir auch wieder bekannter werden. Durch den Erfolg wächst auch die Bekanntheit und vielleicht wird dann auch in Zeitungen, im Internet oder sogar im Fernsehen über uns berichtet. Wie heißt es so schön: Erfolg macht sexy. "

Und wer weiß, vielleicht entwickelt sich der CP-Fussball auch durch sein unermüdliches Engagement und seine Leidenschaft für den Sport in die selbe Richtung wie in Russland, der Ukraine, England, Australien, dem Iran oder den USA. Dort genießt der CP-Fussball einen sehr hohen Stellenwert und wird teilweise sogar in CP-Fussball-Profiligen gespielt.

CP-Nationalteam, Germany

Ich wünsche mir, dass der Behindertensport generell mehr gesehen wird. Natürlich auch der CP-Fussball. Behindertensport ist sehr hart. Die Leute müssen sehr viel trainieren und sehr viel opfern.

Conny Fritsch

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