Futsal

Amandinha und die Krönung eines erfolgreichen Jahres 

Amandinha celebrates scoring for Brazil
© Others
  • Amandinha zum sechsten Mal in Folge als beste Spielerin ausgezeichnet
  • Futsal-Superstar stellt Weltikonen in den Schatten
  • Vergleiche mit Falcão und Ronaldinho

Lionel Messis schier endlose Vorherrschaft dauerte vier Jahre. Marta und Ricardinho sicherten sich je vier Auszeichnungen. Doch nun ist es zum ersten Mal in der Fussball-, Futsal- und Beach-Soccer-Geschichte jemandem gelungen, sechs Jahre in Folge die Bestenauszeichnung zu erhalten.

"Wow", so Amandinhas Reaktion im Gespräch mit FIFA.com, nachdem sie sich gegen die Spanierin Anita und die Portugiesin Fifo durchgesetzt hatte und zur besten Futsal-Spielerin des Planeten gekürt worden war. "Wirklich? Was für eine Ehre!"

"Wenn Sie diese Namen nennen, bekomme ich Herzklopfen, weil das wahre Ikonen der Sportwelt sind. Ich freue mich riesig und kann noch gar nicht fassen, dass ich in einem Atemzug mit diesen Giganten genannt werde."

Es gibt so viele fantastische Spielerinnen auf der Welt, ich bin wirklich rundum zufrieden. 2019 war ein Riesenjahr für den Frauenfutsal – mit Fernsehübertragungen und vollen Arenen. Diese individuelle Auszeichnung ist die Krönung eines wirklich erfolgreichen Jahres auf kollektiver Ebene."

Tatsächlich war es für Brasilien und ihren Klub, Leoas da Serra, ein herausragendes Jahr. Amandinha errang mit ihrem Land bei der Copa América und beim Grand Prix jeweils den Titel, und mit ihrem Klub vier von fünf möglichen Trophäen, einschließlich des Welttitels. Im Finale gegen Atlético Madrid lagen die Leoas in der Nachspielzeit zunächst zurück, doch dann erzielte Amandinha zwei Treffer und schickte die 8000 Fans in der Jones-Minosso-Halle in den siebten Himmel.

Diese hohen Zuschauerzahlen sind einer Spielerin zu verdanken, die auf dem brasilianischen Futsal-Parkett ähnlich spannende Unterhaltung bietet wie "Volcano Boarding" (das Surfen auf der Flanke eines Vulkans) in Nicaragua oder der Insanity Ride in Las Vegas. Fesselnde Hüftschwünge, rasante Übersteiger, 360-Grad-Drehungen, atemberaubende Tricks und ein wunderschöner Tunnel waren die Highlights von Amandinhas Auftritt gegen die spanische Supermacht. Einige Szenen schienen einem Videospiel entsprungen zu sein.

Die linke Flügelspielerin bedankt sich nicht nur bei ihren Teamkameradinnen, ihrer "Mentorin" Daniela Civinski und bei Mauricio, dem Sportdirektor des Klubs. Sie weist auch auf die fundamentale Rolle hin, die ihr erster Trainer bei ihrem kometenhaften Aufstieg gespielt hat. André Lima investierte viel Zeit und Geld in ein Sozialprojekt für Kinder in Ceara und gründete eine Futsalschule für seine Schützlinge.

"Ich war das einzige Mädchen an der Schule", so Amandinha. "Alle Jungs haben mich gut aufgenommen. Es gab keine Vorurteile."

"Aber als wir zum ersten Mal an einem Turnier teilgenommen haben, wollten sie mich nicht spielen lassen, weil ich ein Mädchen war. André versuchte mit ihnen zu reden, aber sie ließen sich nicht umstimmen."

"Also redete er Klartext: 'Wir sind ein Team. Amandinha ist Teil unseres Teams. Wenn sie nicht spielt, spielt keiner von uns.' Sie waren verblüfft und hielten eine Besprechung ab. Dann erlaubten sie mir zu spielen, und wir fuhren als Turniersieger nach Hause. Ich verdanke André so viel."

Vor einigen Jahren war Lima dann in einen tragischen Autounfall verwickelt und sitzt seither im Rollstuhl. Doch seine Starschülerin hält über seine Schwester noch immer Kontakt zu ihm. Er war es, der Amandinha für den Futsal begeisterte, ein anderer Mann inspirierte sie, diese Sportart beruflich auszuüben.

"In meiner Kindheit habe ich jeden Sonntag alles stehen und liegen lassen, um mir Falcão im Fernsehen anzuschauen, diese einzigartigen Aktionen, zu denen nur er fähig war", meint sie. "Er war eine Rieseninspiration für mich."

"Er hat unsere Sportart verwandelt. Er war unvergleichlich. Er ist der Beste aller Zeiten. Was er konnte, wollte ich unbedingt auch können."

"Natürlich glaubten die Leute nicht, dass ein Mädchen erfolgreich sein könnte. Sie sagten: 'Ah, sie ist nur eine von denen, die Spaß am Fussball haben, aber sie wird ihr Studium abschließen und einen normalen Beruf ausüben.' Aber ich war von Anfang an entschlossen."

Amandinha entwickelte sich so rasant wie ihre Übersteiger vom Schulmädchen in Fortaleza zur Profi-Futsalspielerin bei Barateiro, einem der ganz großen Klubs Brasiliens. Mit gerade einmal 18 Jahren trug sie bereits beim Weltturnier des Frauenfutsal das kanariengelbe Trikot der brasilianischen Nationalmannschaft.

"Als ich zum ersten Mal in die Seleção berufen wurde, konnte ich es gar nicht glauben", sagt sie. "Als ich dann zum ersten Mal an der Seite meiner Idole spielte, toller Spielerinnen und toller Menschen, bin ich vor Freude in Tränen ausgebrochen. Und es war ein unglaubliches, unbeschreibliches Gefühl, mein Heimatland Brasilien zu vertreten, in dem 200 Millionen Menschen leben, die alle absolut fussballbegeistert sind."

"Wenige Monate später war ich bei der WM 2013 dabei. Damals hat Brasilien im Finale gegen Spanien gewonnen, und zwar in Spanien. Es war unglaublich."

"Die WM 2014 war dann ganz wichtig für mich. Wir lagen im Finale gegen Portugal zurück, und ich habe den Siegtreffer erzielt. Bei der letzten Weltmeisterschaft, 2015, habe ich im Finale zwei Tore geschossen, und wir haben Russland 3:0 geschlagen. Gott sei Dank ist es uns in jedem Jahr, in dem ich für die Seleção gespielt habe, gelungen, unseren Fans Freude zu bereiten."

Die Fans himmeln Amandinha sicherlich in allen Landesteilen an, aber in Lages, einer futsalverrückten Stadt mit 160.000 Einwohnern im Bundesstaat Santa Catarina, ist sie eine Legende wie Rihanna in St. Michael oder Shakira in Barranquilla.

"[Lacht] Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie die Menschen mich hier behandeln", meint sie. "Ich war schon zur weltbesten Spielerin gekürt worden, bevor ich hierher kam, aber damals kannte mich kaum jemand."

"Hier ist das ganz anders. Ich werde überall erkannt. Die Leute sprechen mich an, möchten Fotos machen. Ich bin so dankbar dafür. Irgendwie habe ich dadurch das Gefühl, dass ich den Leuten wichtig bin und dass sich die ganze Arbeit gelohnt hat."

"Wir haben uns mittlerweile eine wirklich leidenschaftliche Fangemeinde aufgebaut. 7000 bis 8000 Fans kommen in die Hallen, um uns spielen zu sehen. Das ist wirklich unglaublich und geht ans Herz. Glücklicherweise haben die Leoas da Serra bisher alles gewonnen und konnten den Fans für die unglaubliche Unterstützung etwas zurückgeben."

Wir wollten wissen, was für Ziele eine 25-Jährige, die auf Vereins-, Länderspiel- und individueller Ebene schon alles gewonnen hat, überhaupt noch haben kann?

Ganz einfach: Sie würde gern erleben, dass der Frauenfutsal die "nächste Stufe auf der Leiter erklimmt" und Marta persönlich treffen, mit der sie bereits Nachrichten ausgetauscht hat.

"Und ich wäre gern bei den The Best FIFA Football Awards™ dabei. Ich habe [die Zeremonie] immer im Fernsehen verfolgt. Ich kann mich noch erinnern, wie Kaká, Lionel Messi und Cristiano Ronaldo ausgezeichnet wurden. Jetzt haben wir Neymar. Ich kann es kaum erwarten, dass er die Auszeichnung gewinnt. Er hat wirklich unglaublich viel Talent."

"Besonders bewegt hat mich der Moment, als Falcão geehrt wurde. Er hatte es wirklich verdient. Seine Rede hat mich sehr gerührt."

"Ich würde zu gern einmal live bei der Zeremonie dabei sein. Davon habe ich schon als kleines Mädchen geträumt."

Okay, Amandinha, aber versprichst du uns, dass du nicht erwähnst, dass du Messi und Marta in den Schatten gestellt hast?

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