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Estlands einzig wahrer "Poominator"

Mart Poom
© Getty Images

Fragt man durchschnittliche Fussballfans, wie viele Spieler aus Estland sie namentlich nennen können, so dürfte man bei den meisten nur ein verlegenes Kratzen am Kopf ernten. Bei eingefleischten Fans der englischen Premier League sieht das schon etwas anders aus, denn dort hat sich einst der unvergessliche Mart Poom einen Namen gemacht.

Der Torhüter gilt in seiner baltischen Heimat als Nationalheld und hat nicht weniger als 120 Länderspiele für Estland bestritten. Er wurde sechs Mal zu Estlands Spieler des Jahres gewählt und 2003 zudem als bester Nationalspieler des vergangenen 50 Jahre ausgezeichnet. Poom erlebte viele Schlüsselmomente seiner Karriere in England. Dabei hatte der 1,95 Meter große Schlussmann zeitweise bereits gedacht, er hätte seine Chance verpasst.

Pooms Entdeckung erfolgte bereits, als er in der Schweiz spielte. Er selbst sieht jedoch seine Leistungen in der Qualifikation für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft USA 1994™ als entscheidend für seinen ersten Vertrag beim FC Portsmouth unter Trainer Jim Smith. "Das war unsere erste Teilnahme an einer WM-Qualifikation nach der Wiedererlangung unserer Unabhängigkeit (1991). Wir waren in einer sehr interessanten Gruppe", sagte er im Gespräch mit FIFA.com. "Wir hatten Italien und die Schweiz (die sich qualifiziert haben) sowie Portugal, Schottland und Malta in der Gruppe. Es überrascht wohl nicht, dass ich in diesen Spielen alle Hände voll zu tun hatte! (lacht)"

Bei Portsmouth gab es allerdings Schwierigkeiten mit der Arbeitserlaubnis. Zudem stand mit Alan Knight ein legendärer Lokalmatador zwischen den Pfosten. Hinzu kamen noch einige Verletzungen bei Poom, der daraufhin frustriert in die Heimat zurückkehrte. Ein Jahr später allerdings wendete sich das Blatt. Ein neu angesetztes WM-Qualifikationsspiel für Frankreich 1998 gegen Schottland sorgte dafür, dass Poom wieder ins Blickfeld von Trainer Smith rückte, der nun für Derby County arbeitete.

"Er bat den schottischen Torwarttrainer um eine Einschätzung meiner Qualitäten. Ich hatte einen guten Tag, und wir schafften ein 0:0 gegen Schottland – und schon kurz darauf legte Derby County ein Angebot vor", so Poom. "Als ich zurückkam, war ich fest entschlossen, alles zu tun, um einen guten Eindruck zu machen. Schließlich hatte ich ja schon einen Vorgeschmack bekommen. Ich hatte die Hoffnung auf eine Rückkehr zwar nicht aufgegeben, aber ich hätte nicht gedacht, dass die Chance so schnell kommen würde."

Treffen mit einem Idol
Er unterschrieb seinen Vertrag am letzten Tag des Transferfensters, ebenso wie Paulo Wanchope. Beide kamen wenige Tage später im Old Trafford zu ihrem Debüt. Poom, der mittlerweile estnischer Nationaltrainer ist und gleichzeitig ein eigenes Team und eine Fussball-Akadamie leitet, erinnert sich noch gut an die Vorbereitungszeit, bis er auf sein Idol Peter Schmeichel traf.

"Ich war erst wenige Tage zuvor zum Team gestoßen und kannte noch nicht einmal die Namen aller Spieler", erinnert er sich fast ungläubig. "Unser Zeugwart hatte noch nicht einmal ein Torwarttrikot mit meinem Namen! Er ging kurzerhand in den Megastore von Manchester United, kaufte dort ein Torwarttrikot, deckte alle Manchester-Zeichen mit schwarzem Material ab und ließ meinen Namen und meine Nummer aufdrucken! Ich glaube, ich habe dieses Trikot sogar noch irgendwo."

Nach dem Spiel, das der Aufsteiger sensationell mit 3:2 gewann, sicherte sich Poom auch noch das Trikot von Schmeichel. Kein Wunder, dass der Torhüter nach diesem Debüt sofort zum Publikumsliebling im Pride Park avancierte. Auch in der Heimat blieb dieser Erfolg nicht unbemerkt. Die Fans in Estland konnten das Spiel im finnischen Fernsehen verfolgen und wurden so auch Zeuge des denkwürdigen Alleingangs von Wanchope, den er mit einem tollen Treffer abschloss.

Nach fünf gemeinsamen Spielzeiten in der höchsten englischen Spielklasse kam der Abstieg, und nach einem schwierigen Start in die Championship verließ Poom seinen Klub in Derbyshire. "Ich musste ganz überstürzt in der Mitte der Saison abreisen, denn mein Agent hatte mich angerufen und mir gesagt, dass ich ab morgen [an Sunderland] ausgeliehen würde. Also musste ich sofort eine Tasche packen und losfahren. Ich konnte mich nicht einmal richtig verabschieden."

Ein Jahr später kehrte er in den Pride Park zurück – und zwar auf eine für einen Torhüter mehr als ungewöhnliche Weise. In der Nachspielzeit lag Poom mit seinem neuen Team noch zurück, als Trainer Mick McCarthy ihn bei einer Ecke nach vorn beorderte. Der Ball kam an den langen Pfosten, wo der heranstürmende Poom die Kugel mit einem unhaltbaren Kopfball zum Ausgleich in die Maschen beförderte.

Ehrenrunde beim Gegner
"Das war ein regelrecht surreales Erlebnis. Ein ganz einmaliger Tag und ein wirklich einmaliger Augenblick in meinem Leben", so Poom über diesen Höhepunkt seiner Karriere. "Das war natürlich ein ganz besonderer Tag für mich – die Rückkehr in den Pride Park und dann der Ausgleichstreffer gegen meinen alten Klub, an den ich tolle Erinnerungen hatte und ein großartiges Verhältnis zu den Fans – das war schon unglaublich. Eigentlich wollte ich den Treffer gar nicht bejubeln, aber meine Teamkameraden sprangen mich regelrecht an und verfolgten mich über das ganze Feld! Beim Schlusspfiff hat das ganze Stadion dann stehend applaudiert – das war ein großartiges Gefühl."

Es gab eine Ehrenrunde im Stadion, bei der er seine Torwarthandschuhe ins Publikum warf. Auch die Fans im Norden wollten ihr neues Idol gebührend feiern, und so wurde sogar ein Bier nach ihm benannt – das "Poominator Ale", dessen Etikett ihn bei dem Kopfballtreffer zeigt. "Die Bezeichnung 'Poominator' hatte sich ein Radioreporter eines Lokalsenders ausgedacht. Dieser Spitzname blieb an mir hängen. Und ich habe sogar noch ein paar von diesen Bierflaschen!"

Auch im weiteren Verlauf seiner Karriere wurde Poom immer wieder von Verletzungen zurückgeworfen. Insgesamt musste er sich nicht weniger als 13 Operationen unterziehen. Trotzdem kam es zu einer Ausleihe zum FC Arsenal, wo er nach eingehenden medizinischen Tests ein halbes Jahr bleiben sollte. "Es war schon in der Endphase meiner Karriere, aber ich war sehr stolz, es tatsächlich noch zu einem wirklich großen Klub geschafft zu haben und zu einem Weltklassekader zu gehören. Das war eine großartige Erfahrung für mich.

"[Während meiner Zeit in England] hatte ich immer das Gefühl, dass ich noch härter trainieren, mich noch mehr engagieren und jeden Tag beweisen musste, dass ich es wert war, in England zu spielen. Meine Trainer sagten nicht selten zu mir, 'Hey, Poomy, mach etwas ruhiger, du musst nicht so hart trainieren!' Aber das war eben einfach immer meine Einstellung."

Genau diese Einstellung brachte Poom letztlich sogar einen festen Vertrag und eine Silbermedaille in der UEFA Champions League ein. "Diese Medaille habe ich natürlich noch. Ich erinnere mich noch ganz genau an diesen Tag. Die Spieler wurden zum Stadion gefahren, aber für das Spiel standen nur zwei Torhüter im Kader. Als dann Lehmann vom Platz gestellt wurde und Almunia eingewechselt wurde, dachte ich bei mir: 'Verdammter Mist, das hätte auch ich sein können!' "

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