Statistik

Essien: "Es ist immer richtig, sich hohe Ziele zu setzen"

© Getty Images

Michael Essien ist zwar schon seit einer gefühlten Ewigkeit im Fussballzirkus aktiv, doch der Mittelfeldspieler aus Ghana wird im Dezember erst 32 Jahre alt. Nach seinem Wechsel im Januar von der Londoner Stamford Bridge ins Mailänder San-Siro-Stadion scheint er den Herbst seiner Karriere in Italien zu verbringen.

Den Wechsel zum AC Milan vollzog er im Vorfeld der FIFA WM 2014, um von dort aus uneingeschränkt fit nach Brasilien zu fahren. Doch es gelang ihm nicht, eine Verletzung rechtzeitig auszukurieren, und so kam er bei der Endrunde nur 19 Minuten zum Einsatz.

Vier Jahre zuvor in Südafrika hatte Ghana das WM-Viertelfinale erreicht, allerdings ohne Essien. In Brasilien hingegen schieden die Black Stars nach drei Spielen als Letzter in der schweren Gruppe E aus.

Trainer James Kwesi Appiah hat nach dieser Enttäuschung sowie einem Unentschieden gegen Uganda und einem Sieg gegen Togo in den ersten zwei Qualifikationsspielen für den CAF Afrikanischen Nationen-Pokal 2015 seinen Stuhl geräumt.

Essien gehörte bei diesen zwei Partien nicht zum Kader, doch mit seinem Klub hat er einen guten Start in die neue Saison der italienischen Serie A hingelegt.

Im Exklusiv-Interview mit FIFA.com sprach der Mittelfeldspieler über seine mögliche Zukunft in der Nationalmannschaft, die Wünsche für die neue Saison und bekannte Gesichter in Italien.

Herr Essien, Sie haben bei der FIFA WM 2014 längst nicht so viel gespielt wie Sie wollten. Wie beurteilen Sie abgesehen davon die Leistung Ghanas in Brasilien?Das stimmt leider, ich habe in Brasilien kaum gespielt. Das war natürlich für mich persönlich sehr enttäuschend. Aber auch insgesamt haben wir im Vergleich mit unseren bisherigen WM-Teilnahmen nicht gut abgeschnitten. 2014 hat unsere Erwartungen in keinster Weise erfüllt. Für Ghana war es ein sehr enttäuschendes Turnier.

Dabei hatten Sie im Vorfeld des Turniers Ghana noch als potenziellen Halbfinalisten gesehen. Warum hat es nicht funktioniert, dieses Ziel zu erreichen?Das Erreichen des Halbfinales war ein sehr hoch gestecktes Ziel, aber es ist immer richtig, sich hohe Ziele zu setzen. Auf jeden Fall wollten wir besser abschneiden als 2010. Leider ist uns das nicht einmal annähernd gelungen, denn wir haben kein einziges Spiel gewonnen. Abgesehen von dem Spiel gegen Deutschland, das wir sogar hätten gewinnen können, haben wir einfach nicht genug gezeigt, um den Sprung aus der Gruppenphase zu schaffen.

Im Gruppenspiel gegen Deutschland haben Sie den späteren Titelträger sozusagen in Nahaufnahme erlebt. Haben Sie in dieser Phase daran geglaubt, dass die Deutschen die WM gewinnen würden?Es ist immer schwer, schon in der Gruppenphase zu sagen, wer am Ende gewinnen wird. Ich kann also nicht behaupten, dass ich das damals schon geahnt hätte. Aber die Deutschen sind eine gute Turniermannschaft, also war schon klar, dass sie ein Wörtchen mitreden würden. Überrascht war ich vom Titelgewinn jedenfalls nicht, denn die Deutschen haben Erfahrung und Jugend sehr gut kombiniert - und Teams, bei denen das gelingt, haben immer gute Chancen.

Wie geht es für Sie in Bezug auf die Nationalmannschaft weiter?Im Moment habe ich noch nicht entschieden, was ich in meiner internationalen Karriere als Nächstes tun werde.

Welche Ziele haben Sie in der Serie A mit dem AC Milan?Ich hoffe, dass ich auf jede nur denkbare Weise zum Erfolg beitragen kann und wünsche mir, dass wir am Ende unter den ersten Drei landen. Wir wollen gut abschneiden und meine Aufgabe besteht wie die aller anderen Spieler darin, bei all unseren Einsätzen für den Klub zu kämpfen, damit wir als Team Erfolg haben können.

Könnte es gut für Milan sein, in dieser Saison nicht auf europäischer Ebene zu spielen, so wie in der vergangenen Saison für den FC Liverpool in der englischen Premier League?Ja, ich bin sicher, dass uns das helfen wird, aber natürlich wären wir trotzdem gern in einem europäischen Wettbewerb dabei gewesen. Jetzt aber müssen wir nach vorn schauen und dürfen nicht vergessen, dass wir in der Serie A unsere Leistung bringen müssen. Dass man nicht auf europäischer Ebene spielt, bedeutet ja nicht automatisch, dass es in der Liga besser läuft. Im Vergleich mit Teams im europäischen Wettbewerb hat man weniger Spiele und mehr Erholungszeit, aber trotzdem müssen wir Alles geben und im Verlauf der Saison unsere Chancen nutzen.

Wie ist Filippo Inzaghi als Trainer?Er ist zunächst einmal ein wirklich guter Mensch und macht auch als Trainer einen guten Job. Für einen Cheftrainer in der Serie A ist er noch sehr jung, aber ich habe keinen Zweifel, dass er es schaffen wird, wenn er so weitermacht. Als Trainer einen Fussballklub zu leiten, ist keine leichte Aufgabe, schon gar nicht bei einem großen Klub wie dem AC Mailand. Ich empfinde großen Respekt für seine Entscheidung, diese Herausforderung anzunehmen. Er ist voll und ganz dabei.

Fernando Torres hat kürzlich auf Leihbasis bei Milan unterschrieben. Wird er gut zurecht kommen?Ich hoffe sehr, dass er für Milan gute Leistungen bringt, denn er ist ein Topstürmer, von dessen Toren wir sehr profitieren können. Er ist im Training und auch in den Spielen mit vollem Einsatz dabei. Das kann ihm bei einem Klub wie dem AC Milan nur zugute kommen. Man darf auf jeden Fall immer hundertprozentigen Einsatz erwarten. Ich bin überzeugt, dass wir viele Tore von Fernando sehen werden.

Sie selbst, Torres und Alex haben ja zusammen bei Chelsea gespielt und sind jetzt bei Milan wieder zusammen. Ist es gut, unter bekannten Gesichtern zu sein?Ja, das ist auf jeden Fall eine gute Sache, und [Marco] van Ginkel ist ja am letzten Tag des Transferfensters auch noch gekommen. Das sind einige der nettesten Leute, die man im Fussball kennen kann. Wir sprechen oft über unsere Zeit bei Chelsea. Hoffentlich können wir die glorreichen Tage von Chelsea auch in Mailand wiederholen.

Zum FC Chelsea und Trainer José Mourinho haben Sie ja ein ganz besonderes Verhältnis. Wie wird das Team in der Premier League in dieser Saison abschneiden?Ich denke, Chelsea wird gute Leistungen zeigen, wie immer. José hat das Team nach seinen eigenen Vorstellungen umgebaut. In dieser Saison wird Chelsea in allen Wettbewerben dabei sein. Das Team hat das Zeug dazu, Titel zu gewinnen, und das dürfte auch gelingen. Chelsea ist in den letzten zehn Jahren zu einer echten europäischen Fussballmacht geworden und ich gehe davon aus, dass das in den kommenden zehn Jahren und darüber hinaus so bleiben wird.

Aus Ihrer Zeit bei Chelsea kennen Sie auch Claude Makelele, der jetzt Trainer bei Bastia ist. Sie selbst haben ja auch in Frankreich gespielt. Verfolgen Sie noch die Entwicklungen in der Ligue 1?Ja, ich schaue mir immer die Ergebnisse der Klubs an, für die ich in Frankreich gespielt habe. Bastia war ja mein erster Klub in Europa und so habe ich jetzt gleich zwei Gründe, die Ergebnisse zu verfolgen: mein Interesse an dem Klub und mein guter Freund Claude. Er war ein echter Topspieler und ich bin sicher, dass er auch ein Toptrainer wird. Schließlich hat er als Assistenztrainer von Carlo Ancelotti bei Paris Saint-Germain schon einige Jahre wertvolle Erfahrungen sammeln können.

*Bis Sie Ihre Stiefel an den Nagel hängen, wird es ja noch etwas dauern, aber können Sie sich vorstellen, eines Tages wie Makelele die Trainerlaufbahn einzuschlagen? *Ich habe bisher immer nein zum Traineramt gesagt, weil ich glaube, dass das nichts für mich ist. Trainer zu sein ist eine ganz andere Geschichte und ganz sicher nichts für jemanden mit schwachen Nerven - damit scheide ich eigentlich aus! Aber man weiß ja nie, und es sind im Fussball schon ganz andere Sachen passiert.

Sie haben die Michael-Essien-Stiftung gegründet. Können Sie uns dazu etwas mehr sagen?Die Stiftung wurde gegründet, um den Menschen in meinem Heimatort in Ghana eine Grundversorgung zu sichern, beispielsweise Wasser, Toiletten, Bücher und andere Dinge, die ihnen helfen. Wir versuchen auch, Jugendlichen Ausbildungsstellen zu vermitteln, so dass sie einen Beruf erlernen können. Nun haben wir den Wirkungsbereich der Stiftung ausgeweitet und versuchen, Geld für Wohltätigkeitsorganisationen zu beschaffen, die es verdient haben. Mit dem letzten "Spiel der Hoffnung" in Ghana wurde Geld für vier solche Organisationen eingenommen. Wir wollen helfen, wo wir können. Das ist meine Art, den Menschen, die mir beim Erreichen meiner Ziele geholfen haben, und der ganzen Gesellschaft etwas zurückzugeben. Für 2015 ist in London ein weiteres "Spiel der Hoffnung" geplant. Noch stehen wir ganz am Anfang der Planung. Mal sehen, ob wir es schaffen, dass etwas daraus wird.

Mehr zu diesem Thema erfahren

Empfohlene Artikel

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2014™

Essien: "Das Beste, was Ghana zu bieten hat"

22 Mai 2014

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2014™

Die harten Lektionen der Schlussminuten

27 Jun 2014

FIFA Weltmeisterschaft™

WM 2014: Ghana vs. USA in Bildern

16 Jun 2014

FIFA Weltmeisterschaft™

WM 2014: Deutschland vs. Ghana in Bildern

21 Jun 2014