In Erinnerung an Rinus Michels

Erfinder und Konstrukteur des "Clockwork Oranje"

Rinus Michel with Johan Cruyff, Johan Neeskens and Ruud Krol
© imago images
  • Heute vor 15 Jahren verstarb Rinus Michels
  • Der Niederländer wurde zum FIFA-Trainer des Jahrhunderts gekrönt
  • Er gilt als "Erfinder" des "Totalfussballs"

Wenn die niederländische Nationalmannschaft in den siebziger Jahren als "Clockwork Oranje" Berühmtheit erlangte, so hatte sie das vor allem Rinus Michels zu verdanken, dem genialen Erfinder und Konstrukteur dieses "Uhrwerks". Er war kein Freund vieler Worte, sondern führte als innovativer Denker die Geschicke seiner Mannschaft mit fester Hand aus dem Hintergrund.

Michels wurde 1928 geboren. Seine Karriere als Spieler verlief durchaus erfolgreich. Für Ajax Amsterdam erzielte er in 269 Spielen 121 Tore und er brachte es immerhin auf fünf Einsätze in der niederländischen Nationalmannschaft. Doch erst als Trainer gelangte Michels dann tatsächlich zu Weltruhm. Die auf dem Spielfeld vom einzigartigen Johan Cruyff angeführte Elf verlor zwar das WM-Finale von 1974, wurde jedoch überall auf der Welt für eine Spielweise gerühmt, die geprägt war vom Glauben des "Generals" Michels an eine Kombination aus mannschaftlicher Geschlossenheit und individuellen Ideen.

Obwohl ihn seine große Karriere als Vereinstrainer in die USA, nach Deutschland und vor allem nach Spanien brachte, wo er eine "Dutch Connection" mit dem FC Barcelona aufbaute, die noch heute existiert, ist Rinus Michels' Name in erster Linie mit Ajax Amsterdam und der niederländischen Nationalmannschaft verbunden. Mit diesen beiden Teams begründete er den als "Fussball total" bezeichneten Spielstil, der gegen Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre zu voller Blüte heranreifte.

Als Michels am 22. Januar 1965 Trainer von Ajax Amsterdam wurde, übernahm er ein Team, das mitten im Abstiegskampf steckte. Innerhalb weniger Jahre formte er aus der Mannschaft eine Elf der europäischen Spitzenklasse. Der Höhepunkt dieser rasanten Entwicklung war 1971 mit dem Gewinn des Europacups der Landesmeister erreicht - und dieses Finale war zugleich das letzte Spiel, bei dem Michels Ajax Amsterdam betreute.

Obwohl die Mannschaft in den folgenden beiden Jahren den Landesmeister-Cup verteidigen sollte, entschied sich Michels - ein intelligenter und ernster Mann, der wegen seiner kompromisslosen Geradlinigkeit den Spitznamen "General" bekommen hatte - für einen radikalen Schritt und stürzte sich mit Barcelona in den Löwenkäfig des spanischen Fussballs.

Zu dieser Zeit war Michels schon für seine taktischen Vorstellungen bekannt, die auf intelligenten Positionswechseln und Spielern mit außerordentlicher Vielseitigkeit beruhten. Mit dem fortschrittlich denkenden katalanischen Klub gewann er die Meisterschaft, doch erst seine Arbeit mit der niederländischen Nationalmannschaft - für die FIFA-WM Deutschland 1974 galt er als logische erste Wahl für den Posten des Nationaltrainers - machte ihn weltberühmt.

Am engsten mit den Erfolgen von Rinus Michels verbunden ist legendäre Johan Cruyff, ein Spielmacher, der über die verblüffende Fähigkeit verfügte, ein Spiel zu lesen, und der in der Lage war, die ehrgeizigen taktischen Pläne seines Trainers auf dem Spielfeld umzusetzen. Cruyff war der Organisator auf dem Feld, der trotz kaleidoskopischer Positionswechsel seiner Mannschaftskameraden, der ständigen Rotation in und aus der Defensive heraus und des Ausschwärmens bei Ballbesitz den Überblick behielt und Michels' Ideen mit Leben erfüllte.

Der Mentor und sein Starspieler arbeiteten zusammen bei Ajax und bei Barcelona, doch erst mit den Oranjes - bei Michels erstem Einsatz als Nationaltrainer der Niederlande; er war damals 46 - präsentierten Cruyff und seine Schar bereitwilliger Komplizen der staunenden Weltöffentlichkeit ihre neue Art von Fussball. Ironischerweise erwartete vor Beginn des Turniers kaum jemand etwas von den Niederländern; Michels war erst nach der Qualifikation als Nationaltrainer engagiert worden und konnte nur drei Vorbereitungsspiele absolvieren, bevor er mit seinem Team nach Deutschland fahren musste.

Doch Michels baute aus dem hauptsächlich aus Spielern von Ajax Amsterdam und Feyenoord Rotterdam bestehenden Kader schnell eine echte Einheit auf und so setzten sich die Niederländer ohne Probleme in den Gruppenspielen durch: Auf einen 2:0-Sieg gegen Uruguay folgte ein 0:0 gegen Schweden und ein 4:1-Kantersieg gegen Bulgarien. Auch in der zweiten Gruppenphase zeigten Cruyff und seine Kameraden - darunter Jonny Rep, Johan Neeskens und Rob Rensenbrink - dass Welten zwischen ihnen und den geschlagenen Rivalen Argentinien (4:0) oder der DDR (2:0) lagen. Selbst das große Brasilien wurde mit 2:0 bezwungen.

Obwohl die Mannschaft im Finale Gastgeber Deutschland mit 2:1 unterlag, gehören Michels und seine niederländische Nationalmannschaft mit Sicherheit zu den größten Teams, die nie einen FIFA-Weltpokal erringen konnten. Wäre es an jenem berühmt-berüchtigten Tag in München als Sieger vom Platz gegangen, würde man das niederländische Team von 1974 heute noch in einem Atemzug mit Brasiliens großartiger Elf von 1970 nennen. Michels stand eine vielschichtige Generation zur Verfügung, die niederländische Flexibilität mit großem Fussballverstand verband, und seine große Leistung bestand darin, die vielen Bausteine zu einem kompakten Ganzen zusammenzusetzen.

Er schrieb später über diese grundlegende Aufgabe, die er so gut zu beherrschen schien: "Es ist eine Kunst, ein neues Team zusammenzusetzen - die richtige Balance zu finden zwischen kreativen Spielern und jenen mit destruktiven Fähigkeiten, zwischen Verteidigung, Spielaufbau und Offensive, und dabei immer die Qualitäten des Gegners und die besonderen Anforderungen jedes Spiels zu berücksichtigen."

Nach dem bittersüßen Finale wandte Michels sich wieder seiner Vereinskarriere bei Barcelona zu, obwohl er Ajax und der Nationalmannschaft stets eng verbunden blieb. Schließlich hatte er mit keiner anderen Elf so große Erfolge zu verzeichnen wie mit der niederländischen Nationalmannschaft: In seinen insgesamt vier Perioden als Nationaltrainer der Niederlande holte er in 54 Spielen 30 Siege und 14 Unentschieden.

Bemerkenswerterweise gelang es ihm, eine völlig neue Spielergeneration zu europäischem Ruhm zu führen. Dabei bekam Michels seine "Revanche für 1974", als sein Team im Halbfinale der EURO 1988 Gastgeber Deutschland mit 2:1 besiegte - auf dem Weg zu einem 2:0-Finalsieg über die Sowjetunion. Rückgrat dieser Europameister-Elf war eine Achse mit dem abschlussstarken Marco Van Basten im Sturm, dem großartigen Ruud Gullit im Mittelfeld und den unerschütterlichen Verteidigern Frank Rijkaard und Ronald Koeman in der Defensive.

Obwohl er sein Konzept des Fussball total der Zeit angepasst hatte, zeichnete auch diese Mannschaft Michels' wieder aus, dass er Spieler mit großen technischen Fähigkeiten einsetzte, die häufige Positionswechsel vornahmen und sehr offensiven und kreativen Fussball spielen sollten - seine Entscheidung, Rijkaard und Koeman im Abwehrzentrum aufzustellen, unterstrich diese Absicht. Die ganze Welt applaudierte dankbar und wohlwollend, als die Niederländer bei der Europameisterschaft 1988 in Deutschland verdientermaßen ihren ersten großen Turniersieg feierten - wieder unter dem strengen Regiment ihres mittlerweile 60-jährigen Trainers.

Vier Jahre danach führte Michels seine Mannschaft ins Halbfinale der EURO 1992, wo sie erst im Halbfinale und nach Elfmeterschießen an den Turnierlieblingen aus Dänemark scheiterten. Dies war das letzte Kapitel in Michels' Trainerkarriere.

Taktik

Natürlich ist Michels vor allem bekannt für seine im Grunde "Anti-Taktik" des Totalfussballs - eher eine Spielauffassung als eine Strategie, die es allen Spielern erlaubt, ihre Position und Laufwege je nach dem freien Raum anzupassen, den das gegnerische Team zur Verfügung stellt. Michels' legendäres Team von 1974 trat auf den ersten Blick in einem 4-3-3-System an, wobei Johnny Rep über die rechte Außenbahn und Rob Rensenbrink über die linke Außenbahn angriffen. Vorstöße der Verteidiger Wim Suurbier und Ruud Krol erweiterten die Möglichkeiten einer Offensive, die sich scheinbar nach Belieben vor oder zurück bewegte, während Cruyff völlig frei über den Platz lief und nach Möglichkeiten suchte, die gegnerische Verteidigung zu durchbrechen. Die Voraussetzungen für Michels' Konzept waren intelligentes Positionsspiel, gegenseitiges Verständnis und Fitness.

Hätten Sie es gewusst?

  • Als er Anfang 1965 Nachfolger des Engländers wurde, war Michels der erste holländische Trainer von Ajax in einem offiziellen Wettbewerb.
  • Nach seiner Karriere wendete sich Michels zeitweilig vom Fussball ab und arbeitete als Sportlehrer an einer Schule für gehörlose Kinder.
  • Michels erzielte bei seinem Debüt für Ajax Amsterdam beim 8:3-Sieg gegen ADO Den Haag 1946 fünf Tore – ein echter Paukenschlag.
  • Der Tscheche Frantisek Fadrhonc führte die Niederlande als Trainer zur WM 1974. Als Michels übernahm, wurde Fadrhonc sein Assistent.
  • Die 5 Länderspiele, in denen Rinus Michels für Holland spielte, gingen allesamt verloren, und zwar mit einem Gesamttorverhältnis von 4:21.

Ich habe immer seine Führungsqualitäten bewundert. Als Spieler und auch als Trainer habe ich von niemandem so viel gelernt, wie von ihm.

Johan Cruyff

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