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Ein Sonntag mit TV und Pizza veränderte Camilas Leben

Camila Pescatore
© Others
  • Tobin Heath motivierte eine Venezolanerin, ihren Traum wahr zu machen
  • Während sie in England dafür sparte, nahm sie 25 Kilo zu
  • Heute genießt die U-20-Nationalspielerin Camila ein Stipendium in den USA

Die damals 15-jährige Camila freute sich in Valencia im Norden Venezuelas auf einen ganz normalen Sonntag.

"Am Wochenende ging ich oft meine Freundin besuchen, um gemeinsam mit ihr den Tag zu genießen, mit Pizza vor dem Fernseher", erzählte sie FIFA.com. "Aber an diesem Abend im Jahr 2015 hatten wir keinen Film, den wir sehen wollten. Daher habe ich einfach durch die Programme gezappt.

Es lief nichts Interessantes… doch dann plötzlich fand ich das Finale der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™ zwischen den USA und Japan. 'Warum hat mir niemand davon erzählt?!', schrie ich. "Ich war ganz aus dem Häuschen und bin regelrecht ausgeflippt!"

"Dieses Spiel hat mein Leben verändert. Ich wurde von einem Tag auf den anderen ein großer Fan des U.S.-Teams. Ich war beeindruckt von der Spielweise, der Kameradschaft, der Technik, der Leidenschaft. Über Männerfussball wusste ich schon alles, aber von nun an war ich völlig besessen vom Frauenfussball. Ich saß stundenlang am Computer und habe alles darüber rausgesucht. Ich fing an, den Spielerinnen in den Sozialen Medien zu folgen.

"Ich hatte schon oft daran gedacht, meinen Traum aufzugeben, Fussballerin zu werden. Aber an diesem Tag habe ich den festen Entschluss gefasst, alles zu tun, um es zu schaffen.

"Tobin [Heath] hat mich ganz besonders inspiriert. Sie war damals schon eine überragende Spielerin und ist es noch heute. Ihr Können ist einfach beeindruckend. Sie setzt sich voll ein und motiviert die ganze Zeit ihre Teamkameradinnen. Und mit ihrer Persönlichkeit abseits des Spielfelds beeindruckt sie mich sogar noch mehr. Sie gibt nichts auf all den Ruhm und die Aufmerksamkeit. Ich wollte und will immer noch wie Tobin sein."

Camila Pescatore begann mit sechs Jahren mit dem Fussball und wurde als 13-Jährige erstmals in ein Trainingslager der venezolanischen U-17-Auswahl eingeladen.

"Ich wusste damals nichtmal, dass es überhaupt ein venezolanisches Nationalteam gab", erinnert sie sich. "Ich glaubte meinem Trainer einfach nicht, bis ich dann tatsächlich im Trainingslager stand. Aber ich habe den Sprung ins Team nicht geschafft. Sie sagten mir, ich wäre zu klein. Ich war am Boden zerstört.

"Ich dachte ein paar Mal daran, ganz aufzuhören. Aber als ich dann das Finale 2015 sah, war ich fest entschlossen, ein Fussballstipendium in den USA zu ergattern. Auch nachdem ich die FIFA U-17-Frauen-WM 2016 verpasst hatte und mir von allen Seiten wieder und wieder anhören musste, ich sei doch gut genug und warum ich denn nicht dabei sei, war ich immer noch fest entschlossen, in Tobins Fußstapfen zu treten."

Schließlich zahlte sich Camilas Hartnäckigkeit aus, als sie für die Qualifikationsspiele Venezuelas für die FIFA U-20-Frauen-WM Frankreich 2018 nominiert wurde. Doch bei dem U.S.-Stipendium gab es immer noch ein schier unüberwindliches Hindernis: "Es hätte Geld gekostet und meine Familie hatte keins."

Dann allerdings brachte Camilas Mutter Italia ein enormes Opfer: Sie zog in das Land um, nach dem sie benannt wurde, um dort Geld zu verdienen und zu sparen, um ihrer Tochter die Verwirklichung ihres Traums zu ermöglichen. Die offensive Mittelfeldspielerin fand als 18-Jährige einen Klub in England, nämlich Leyton Orient, und zudem auch noch einen Job – und schon war sie unterwegs. Doch dieser Schritt erwies sich zunächst nicht als Fortschritt.

"In Venezuela hatte ich zwei Mal am Tag trainiert, in England dann plötzlich nur noch ein Mal die Woche", so Camila. "Ich habe zwölf Stunden täglich ein einem Cafe gearbeitet. Immer wieder gab es dort Essen umsonst, das kurz vor dem Ablaufdatum war. Also habe ich immer wieder dort gegessen, weil ich kaum Geld hatte. Das war alles ungesundes Zeug.

Innerhalb von vier Monaten nahm ich 25 Kilo zu! Dann bekam ich plötzlich Angebote für College-Stipendien. Ich habe mich für die William Carey University entschieden. Sie hatten Videos von mir gesehen, bevor ich so stark zugenommen hatte. Daher war ich echt besorgt, sie würden mich sofort wieder wegschicken, wenn sie mich in natura sehen würden.

"Aber dazu kam es nicht. Ich habe wieder sehr hart trainiert, deutlich abgenommen und seitdem läuft alles wirklich gut. Ich will mit meinem College in jedem Jahr Titel gewinnen, so lange ich hier bin."

Damit sind Camilas Ambitionen aber noch längst nicht erschöpft: "Ich will dazu beitragen, dass es Venezuela zur FIFA U-20-Frauen-WM schafft. Ich würde unheimlich gern für Houston Dash spielen. Und es wäre unglaublich, einmal gegen Tobin zu spielen. Vielleicht können wir ja sogar mal Seite an Seite spielen."

Die Zeit wird zeigen, ob Heath und Pescatore tatsächlich eines Tages auf dem gleichen Spielfeld stehen. Auf jeden Fall allerdings erinnert Camila mit ihren eigenen Fussballkünsten, den heruntergerollten Stutzen und der Nummer 17 auf dem Rücken – "Ich habe den Trainer regelrecht bekniet, diese Nummer tragen zu dürfen" – in jedem Stadion ein bisschen an den Flair von Tobin Heath.

Camila Pescatore
© Others

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