Die Kunst des Elfmeters

Italy's Roberto Baggio places the ball before taking his penalty in the shoot-out
© Getty Images

Wenn man die Freude mancher Spieler sieht, sobald sie einen Elfmeterpfiff auch nur hören, könnte man annehmen, die (erfolgreiche) Ausführung sei lediglich noch reine Formsache. Doch zwischen dem weißen Punkt auf dem Spielfeld und dem Zappeln des Tornetzes liegen weit mehr als einige wenige Sekunden und elf kurze Meter. FIFA.com wirft daher einen genaueren Blick auf die Kunst des Elfmeterschießens, von der Vorbereitung bis zum Jubel (oder Jammer). Wer waren die Spezialisten dieser Disziplin, wer die historischen Schützen, wer die größten Pechvögel?

Der Reiz des Fussballs, heißt es, liege in seiner Unberechenbarkeit. Doch manche Menschen möchten eben allen Dingen auf den Grund gehen. Und so glauben Forscher der John Moores University in Liverpool, die Formel für den perfekten Elfmeter gefunden zu haben. Zu diesem Zweck haben sie Hunderte von Strafstößen akribisch analysiert und sind zu folgendem Ergebnis gekommen: fünf bis sechs Schritte Anlauf; 105 km/h Schussgeschwindigkeit oder mehr; ein Schusswinkel von 20 bis 30 Grad, damit der Ball in genau 50 Zentimeter Entfernung von Pfosten oder Latte über die Linie geht - schon ist der Elfmeter unhaltbar. Auch das Castrol Statistik-Team hat nach zwei Jahren Auswertung herausgefunden, dass satte 95,4 Prozent der hoch platzierten Elfmeter ins Schwarze treffen, aber nur 71,3 Prozent der flach geschossenen.

Brasilianische Präsidenten und tschechische Helden
Es gibt zahllose Analysen, nach denen man denken könnte, dass Elfmeter mit ein bisschen Training zur Formsache werden können. Tatsächlich gibt es wahre Elfmeterspezialisten, doch im Gegensatz dazu auch Spieler, die aus den unterschiedlichsten Gründen immer wieder versagt haben. Denn außer einem harten und präzisen Schuss benötigt man vor allem Nerven aus Stahl. "Es kommt auf die Psyche und die Entschlossenheit an", weiß etwa der Brasilianer Dunga, selbst im Elfmeterschießen der FIFA Weltmeisterschaft 1994 erfolgreich. "In Brasilien heißt es, Elfmeter seien so wichtig, dass nur der Präsident die Schützen bestimmen sollte!"

Aber auch ohne Hilfe aus der Politik sind einige Fussballer mit ihren Elfmetern bekannt geworden. Der berühmteste ist wohl der Tscheche Antonín Panenka. Dieser hat in seiner gesamten Karriere überhaupt nur einen Elfer verschossen - und das in einem Freundschaftsspiel! Unsterblich gemacht aber hat ihn ein besonderes Ereignis. Im Endspiel um die Europameisterschaft 1976 gegen Deutschland täuschte er im Elfmeterschießen einen Schuss an, um den Ball dann frech mit der Pike mittig über den Torwart zu lupfen. Seitdem ist sein Name untrennbar mit dieser Variante verbunden. "Ich bin glücklich, eine Spur hinterlassen zu haben", sagte Panenka voller Stolz auf diesen Geniestreich. "Dieser Elfmeter hat mich berühmt gemacht. Andererseits bin ich der Meinung, dass ich noch viel mehr gute Spiele gemacht habe, aber dieser Schuss genießt eben Kultstatus."

Auch die Engländer Alan Shearer und Gary Lineker haben es in Sachen Elfmetern zur Meisterschaft gebracht, doch der unumstrittene Elfmeterkönig der Insel hieß Matthew Le Tissier. Der ehemalige Spieler von Southampton verwandelte 49 seiner 50 Elfmeter. Nur gegen Torhüter Mark Crossley von Nottingham Forest zog er einmal den Kürzeren - und dieser galt als ausgesprochener Elfmeterkiller. In Italien weist Roberto Baggio die beste Elfmeterquote im ganzen Calcio auf: 76 Tore bei 91 Anläufen in 22 Jahren Karriere.

Große Spieler, großer Druck
Allerdings würde gerade der ehemalige Juventino all seine in der Meisterschaft verwandelten Elfmeter wohl liebend gern gegen den einen Fehlschuss im Juli 1994 eintauschen. Damals war Baggio im Endspiel um die FIFA-Weltmeisterschaft als zweiter Schütze der *Squadra Azzurra *vorgesehen. Er jagte den Ball in die Wolken, und der Traum vom Titel war ausgeträumt. "Normalerweise hat Baggio immer flach geschossen, aber an diesem Abend versuchte er es mal ganz hoch. Das zeigt, unter welchem Druck die Spieler bei solchen Turnieren stehen", erinnerte sich Branco, der an diesem Tag mit Brasilien Weltmeister wurde.

Für Baggio mag es kein Trost sein, doch auch andere große Spieler zeigten bei Elfmetern Nerven. So auch der französische Spielmacher Michel Platini im Viertelfinale von Mexiko 1986, der bis dahin in seiner ganzen Karriere noch nicht einen einzigen Elfmeter verschossen hatte. Ausgerechnet im Jahrhundertspiel gegen Brasilien mit Zico und Socrates brachte der heutige UEFA-Präsident jedoch lediglich einen Schuss zustande, der höchstens im American Football als Field Goal gezählt hätte. Auch sonst war es nicht der Tag der Techniker, denn auch der *weiße Pelé *verschoss seinen Elfmeter.

Auch David Beckham rutschte im Jahr 2003 in einem Qualifikationsspiel zur Europameisterschaft gegen die Türkei aus und erfreute so mit seinem Schuss allenfalls die heimischen Zuschauer auf den Tribünen des Stadions Şükrü Saraçoğlu. Ebenfalls in Istanbul scheiterte einige Monate später der Ukrainer Andriy Shevchenko, damals bester Torschütze Europas, an Jerzy Dudek. Liverpool wurde so zum Gewinner der UEFA Champions League 2005.

Nimmt man den Niederländer Marco van Basten bei der Europameisterschaft 1992, den Spanier Raúl bei der EM 2000 oder den Portugiesen Cristiano Ronaldo im Finale der Champions League 2008 hinzu, versteht man, warum es heißt, dass immer wieder die großen Spieler ihre Elfmeter verschießen. De facto ist das allerdings ein Mythos. Statistisch gesehen vergeben bekannte und gute Spieler ihre Elfmeter nicht öfter als alle anderen. Man erinnert sich nur besser daran.

Verteidiger im Pech*
*
Wenn man indes unbedingt nach Spielern suchen möchte, denen das Pech besonders an den Stiefeln klebte, stößt man beinahe zwangsläufig auf eine statistisch höchst ungewöhnliche Häufung bei den französischen Außenverteidigern. So trat im Finale der Champions League 1991 der eigentlich erfahrene Manuel Amoros, seines Zeichens rechter Verteidiger bei Olympique Marseille, an den Punkt heran und vergab. Sein Pech war, dass es ihm kein Spieler von Roter Stern Belgrad gleichtun wollte. Sieben Jahre später, es ist das Viertelfinale der FIFA Weltmeisterschaft 1998: Bixente Lizarazu, Linksverteidiger der Gastgeber, schießt den Italiener Gianluca Pagliuca praktisch an. Eric Abidal hingegen verfehlte im Viertelfinale der Champions League 2005 das Tor gleich ganz. Lyon war raus, der PSV Eindhoven im Halbfinale.

Es sind natürlich nicht nur die französischen Verteidiger, die mit Grauen an Elfmeter denken. Im Finale der Copa América 2004 etwa verpatzte der Argentinier Gabriel Heinze seinen Elfmeter just gegen Brasilien. Heinze spielte bis kurz zuvor übrigens in Frankreich. Ein Schelm, wer Arges dabei denkt... Oder Sie fragen den heutigen Kölner Pierre Womé nach dem letzten Spiel in der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2006 gegen Ägypten. Damals bekam Kamerun in der letzten Minute einen Strafstoß zugesprochen, der für die *Unzähmbaren Löwen *die Fahrkarte nach Deutschland bedeutet hätte. Der damals bei Inter Mailand beschäftigte Linksverteidiger setzte das Leder formvollendet an den Pfosten und schickte seine Mannschaft ins Tal der Tränen. "Keiner wollte schießen, weil alle genau wussten, was los sein würde, wenn sie vergeben", erinnert sich Womé noch heute. "Ich hatte den Mut, zum Elfmeter anzutreten. In Sydney 2000 schoss ich im Endspiel den letzten Elfmeter. Ich verwandelte, und wir wurden Olympiasieger..."

Glückszahl 3?
Nicht immer allerdings bekommen Außenverteidiger im entscheidenden Moment Nervenflattern und Zitterfüßchen. Man denke nur an Andreas Brehme, der im Endspiel der WM 1990 gegen Argentinien mit einem Elfmeter Deutschland zum Weltmeister machte. Da passt es gut ins Bild, dass Deutschland im Halbfinale zuvor gegen England erst nach Elfmeterschießen weitergekommen war. Vergeben hatte auf Seiten der Engländer unter anderem Stuart Pearce. Und dessen Posten, Sie werden es erraten, war der des linken Verteidigers.

Beenden wollen wir unsere Weltreise aber mit den großen Fussballnationen Brasilien und Argentinien, in denen die Stürmer die Geschichte der Elfmeter prägten. In der Qualifikation für Deutschland 2006 demütigte der Brasilianer Ronaldo seinerzeit die Albiceleste mit drei verwandelten Elfmetern zum Endstand von 3:1. Der Argentinier Martin Palermo hingegen ist in die Annalen der Copa América 1999 eingegangen, weil er in der Partie gegen Kolumbien drei Mal zum Elfmeter antrat - und drei Mal verschoss! Palermo nahm es philosophisch: "Ich hatte im ersten Spiel doppelt getroffen, und es hieß von allen Seiten, ich sei der sicherste Schütze. Drei Tage später hatte ich drei Strafstöße vergeben und war der größte Depp. Da habe ich begriffen, dass du im Fussball an einem Tag ganz oben und am nächsten ganz unten sein kannst."

Und die Moral von der Geschicht'? Es sieht so einfach aus, und ist doch so schwer...

*Ihre Meinung zählt!
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Ist auch Ihnen ein Elfmeter ganz besonders in Erinnerung geblieben? Welcher Ihrer Lieblingsspieler hat in dieser Disziplin Großes geleistet - oder ist kläglich gescheitert? Sagen Sie uns Ihre Meinung, indem Sie unten auf "Kommentar hinzufügen" klicken.

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