Fussball-Historie

Die Jagd auf den "Schwarzen Panther"

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In den kulturell radikalen 60er Jahren waren Wildkatzen in europäischen Aristokratenkreisen zeitweise sehr en vogue. Der spanische Meister des Surrealismus, Salvador Dali, und sein Ozelot "Babou" waren unzertrennlich. In Russland waren Tiger unter Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ein beliebtes Geschenk, und in Londons nobler Regent Street teilten sich zwei schrullige Australier ihre Wohnung mit "Christian", einem Löwen, der es später zu weltweitem Ruhm bringen sollte.

Ein 61-jähriger Ungar hingegen hatte nicht die Absicht, dem Klub der Wildkatzenbesitzer beizutreten, als er gegen Ende des Jahres 1960 seine Wohnung verließ. Er wollte sich nur die Haare schneiden lassen. Doch beim Barbier saß neben ihm zufällig ein ehemaliger Schützling, der in lyrischen Worten von einem schwarzen Panther schwärmte, den er während einer Reise nach Mosambik mit eigenen Augen gesehen habe. Das Interesse des Ungarn war geweckt, und fünf Tage später saß er im Flugzeug nach Maputo. Dort zog ihn das Raubtier in seinen Bann.

Doch dieser schwarze Panther suchte sich seine Opfer eher auf dem Fussballplatz als im Dschungel. Der Mensch, der hinter diesem Spitznamen steckte, hieß Eusebio. Derjenige, der ihn einfangen wollte, war der Cheftrainer von Benfica Lissabon, Bela Guttmann, der heute als sein Entdecker gilt. Den Tipp hatte Guttmann wiederum von Bauer erhalten, der einst beim FC Sao Paulo unter ihm gespielt hatte.

*Ein Transfer mit Hindernissen *
Die Verpflichtung des damals 17-Jährigen war indes nicht frei von Hindernissen. Eusebio spielte für Sporting de Lourenco Marques, einem Kooperationspartner des portugiesischen Topklubs Sporting, und die Vereine hatten bezüglich der Verpflichtung des Stürmers bereits eine Übereinkunft getroffen. Eilig legte Guttmann dem Jugendlichen aus ärmlichen Verhältnissen, obwohl er noch ein völlig unbeschriebenes Blatt war, einen Vertrag vor, der ihn auf einen Schlag in dieselbe Gehaltsklasse wie Mario Coluna beförderte, einem in Mosambik geborenen Mittelfeldakteur, der sich als einer der besten Spieler Europas etabliert hatte. Ins Blaue hinein forderte Eusebios Bruder kurzerhand das Doppelte. Woraufhin Guttmann ohne zu zögern nickte.

In der Folge spielten sich um den zukünftigen Star Szenen wie aus einem Agenten-Thriller ab. Eusebio lief nicht etwa vom Abflugsteig zum Flugzeug, das ihn vom Maputo International Airport nach Lissabon bringen sollte, er wurde eigens in einem Auto bis zur Maschine chauffiert. Es sollte vermieden werden, dass ihn außer den Passagieren andere Menschen sehen konnten. Unmittelbar nach der Landung in der portugiesischen Hauptstadt schickten ihn die Verantwortlichen von Benfica aus Angst vor einem Entführungsversuch der gegnerischen Klubs in eine entlegene Gegend in der Algarve, wo er sich zehn Tage lang aufhielt. Und selbst wenn die Spione des Rivalen Sporting so gründlich gewesen wären, die Gästelisten der Hotels in der südlichsten Region Portugals zu prüfen, hätten sie ihn nicht finden können - denn er hatte unter dem Namen Ruth Malosso eingecheckt!

Es war ein unerhörter Aufwand für den Klub, den Afrikaner zu sich zu holen, doch es wurde sehr schnell klar, dass er sich lohnen würde. Eusebio sollte zunächst in der Reservemannschaft zum Einsatz kommen, doch nach seinem ersten Training im Vorfeld der Saison 1961 im Juni erklärte Jose Aguas, Benficas damaliger Mittelstürmer und Kapitän: "Wenn es mich trifft, dann sei es so, aber irgendjemand muss rausfliegen, damit er spielen kann."

638 Tore in 614 Spielen für Benfica
Aguas hatte noch vor wenigen Wochen an der Seite von Mario Coluno, Joaquim Santana, Jose Augusto und Domiciano Cavem jenes spielstarke Offensiv-Quintett gebildet, das mit einem historischen 3:2-Finalerfolg gegen den FC Barcelona den Europapokal der Landesmeister für Benfica holte. Wie sollte Guttmann im Vorfeld der entscheidenden Partie des Tournoi International de Paris gegen einen herausragenden FC Santos guten Gewissens einen von ihnen aus der Startelf verbannen?

Ein 0:5-Rückstand nach Hinspiel, durch je zwei Doppelpacks von Pelé und Pepe sowie einem weiteren Treffer durch Coutinho, waren Rechtfertigung genug. Guttmann ließ den schwarzen Panther von der Leine, der auf Anhieb mit einem sensationellen Hattrick innerhalb von 17 Minuten debütierte und sogar noch einen Elfmeter herausgeholt hatte, den Augusto vergab. Am folgenden Tag zierte das kamerascheue Gesicht eines Mosambikaners, das die Fans von Benfica noch nie gesehen hatten, das Titelblatt des renommierten Magazins France Football. Das angesehene Blatt verzichtete darauf, den 6:3-Gesamterfolg von Santos zu melden, und titelte stattdessen: "Eusebio - Pelé 3:2"

Am Ende jener Spielzeit sollte es Eusebio auf im Durchschnitt 1,4 Tore pro Partie in der höchsten portugiesischen Spielklasse gebracht haben. Und im Finale des Europapokals der Landesmeister gegen Real Madrid schlug er beim Stande von 3:3 gleich doppelt zu, um Benfica einen sensationellen 5:3-Triumph und die erfolgreiche Verteidigung des kontinentalen Titels zu bescheren. Es war nur der Auftakt einer märchenhaften 15-jährigen Beziehung zu dem Klub, den Eusebio zu elf Ligatiteln und fünf Pokalsiegen führte und für den er 638 Tore in 614 Spielen erzielte.

"Wie beim Start einer Sputnik ins All"
Sein verblüffender Erfolg verdankte sich in erster Linie seiner außergewöhnlichen Athletik. Eusebio rannte die 100 Meter in 10,8 Sekunden – der damalige Weltrekord in jener Disziplin lag nur acht Zehntel darunter. Er hatte den Oberkörper eines Hünen, aber die tänzelnde Leichtigkeit einer Ballerina. Eine spektakuläre Sprungkraft erlaubte es dem 1,75 Meter großen Spieler, sich per Kopf auch gegen weit größere Akteure durchzusetzen. Und nach Auskunft des ebenfalls in Mosambik geborenen portugiesischen Nationalspielers Matateu, steckte in Eusebios rechtem Fuß eine ähnliche Kraft wie in der Schlagfaust von Cassius Clay. Der berühmteste Boxer aller Zeiten wurde nur acht Tage vor Eusebio geboren und in den 60er Jahren in Afrika wie ein Halbgott verehrt. Er gewann in dieser Zeit alle seine 29 Kämpfe, die meisten durch K.o.

Guttmann zog es vor, Eusebios geradezu waffenscheinpflichtigen Schuss mit einem sowjetischen Satelliten zu vergleichen: "Zu sehen, wie der Ball Eusebios Stiefel verlässt, ist wie beim Start einer Sputnik ins All zuzusehen! Und er schlug den Ball mit ebenso viel Präzision wie Kraft. Er war zudem unglaublich schnell, explosiv und ein großartiger Dribbler – er war solch ein kompletter Fussballer! Die Verpflichtung Eusebios war der größte Triumph, den Benfica jemals über Sporting erzielen wird."

Aber auch wenn Eusebios Erfolge für Benfica eine Stadt entzweiten, einten seine Leistungen in einem anderen roten Trikot eine ganze Nation. Er erzielte 41 Tore in 64 Länderspielen für Portugal, und auch wenn er nur einmal die Chance erhalten sollte, seine unwiderstehlichen Fähigkeiten bei einem großen internationalen Wettbewerb zu zeigen, machte er zweifellos das Beste daraus.

So gut wie Pelé

Tatsächlich drückte Eusebio der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft England 1966™ seinen Stempel auf. Gegen den zweimaligen Titelverteidiger Brasilien erzielte er zwei Tore und führte Portugal damit ins Viertelfinale, in dem er gleich vier Treffer zur sensationellen Aufholjagd der Mannschaft nach 0:3-Rückstand gegen Korea DVR beisteuerte, die am Ende 5:3 enden sollte. Im folgenden Halbfinale war Englands Nationaltrainer Alf Ramsey trotz zweier Weltklasseverteidiger wie Bobby Moore und Jack Charlton besorgt genug, um in Nobby Stile einen Manndecker für Eusebio abzustellen. Ein Tor gelang ihm dennoch, wenn auch vom Elfmeterpunkt, aber England gewann mit 2:1.

Der eben erwähnte Charlton sagte daraufhin: "Eusebio war ein wirklich fantastischer Spieler. Er war sehr schnell, kräftig, er hatte eine perfekte Balance und war gut am Ball. Er konnte auch wirklich gut schießen. Meiner Ansicht nach war er genauso gut wie Pelé. Der Chef hätte sonst nie jemanden in Manndeckung genommen. Er tat es gegen [Wolfgang] Overath im Finale nicht und auch nicht gegen Pelé [in Mexiko 1970]. Das zeigt, wie viel Respekt er vor Eusebio hatte."

Den hatte nach 90 Minuten an jenem Juliabend auch der bedauernswerte Stiles – der vorbildliche Kämpfer von Manchester United nahm während seiner aufopferungsvollen Verfolgungsjagd auf Eusebio bis in jede Ecke des Wembley-Stadions vier Kilogramm ab!

*Alles Gute zum 70. Geburtstag *
Trotz dieser Niederlage verabschiedete sich Eusebio noch standesgemäß von der WM, als er im Spiel um Platz drei einen Treffer zum 2:1-Sieg gegen die Sowjetunion beisteuerte, durch den sich Portugal den dritten Rang und ihr Torjäger mit neun Toren die Auszeichnung mit dem goldenen Ball von adidas sicherte.

"Ich war immer sehr stolz, wenn ich einen Preis erhielt", sagte Eusebio, der für sein außergewöhnliches Können 1965 mit dem Ballon d’Or ausgezeichnet wurde, "denn es war nicht nur für mich, sondern auch für Portugal und ganz Afrika."

Nachdem er sowohl Portugiesen wie auch Afrikaner mit Stolz erfüllt hatte, bereitete er in weiteren Engagements Fans in Kanada, Mexiko und den USA Freude. 1979 schließlich beendete Eusebio nach 745 Spielen, in denen seine Bewunderer 733 Tore bejubeln konnten, seine sagenhafte Karriere.

Für den Weltfussball ist heute der Moment gekommen, Eusebio ein glorreiches Jubiläum zu wünschen - alles Gute zum 70. Geburtstag, schwarzer Panther!

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