Tokio 2020 - Frauen

Cristiane: "Marta ist die Größte aller Zeiten"

Cristiane of Brazil poses
© Getty Images
  • Cristiane schwärmt von Marta, Megan Rapinoe und Christine Sinclair
  • Sie analysiert den Einfluss von Pia Sundhage auf das brasilianische Team
  • Die Stürmerin ist überzeugt, dass die Seleção in Tokio olympisches Gold holen kann

War dies der Moment, in dem eine der gefährlichsten Torjägerinnen aller Zeiten die große Bühne des internationalen Fussballs für immer verließ?

Cristiane hatte bei ihrem neunten großen internationalen Turnier (Weltmeisterschaften und Olympische Spiele) vier Tore erzielt, humpelte dann aber in der Verlängerung des Achtelfinalspiels der FIFA Frauen-WM 2019™ im Stade Oceane gegen Gastgeber Frankreich verletzt vom Platz. Wenige Minuten später erzielte Amandine Henry den Treffer, der für Brasilien das Ausscheiden bedeutete.

Die Oberschenkelverletzung verbannte die Spielerin aus Osasco im Bundesstaat São Paulo einige Monate vom Spielfeld. In dieser Zeit blühte die Seleção unter der neuen Trainerin Pia Sundhage regelrecht auf. Bei den Olympischen Spielen von Tokio 2020 würde Cristiane 35 Jahre alt sein. War das Verlangen nach einer Rückkehr in die Seleção stark genug? Würde die schwedische Trainerin sie überhaupt berücksichtigen und dafür auf ein starkes Nachwuchstalent verzichten?

Die Antworten auf diese Fragen gab es Ende des vergangenen Jahres: Sundhage holte Cristiane zurück in die Seleção und stellte sie in zwei Freundschaftsspielen gegen Mexiko in die Startaufstellung. Die Stürmerin bedankte sich prompt mit zwei Toren und herausragenden Leistungen, mit denen sie ihre neue Trainerin zum Schwärmen brachte. Nun bereitet sie sich mit dem Team auf das bevorstehende Tournoi de France vor.

FIFA.com traf sich mit Cristiane zu einem Gespräch über die Höhen und Tiefen von Frankreich 2019, den großen Einfluss der neuen Trainerin Pia Sundhage bei der Seleção, die Jagd nach der Goldmedaille von Tokio, Martas Platz in der Fussballgeschichte, Christine Sinclairs Weltrekord und ihre Rücktrittspläne.

Bei der FIFA Frauen-WM Frankreich 2019™ gelang Ihnen als erster Brasilianerin nach Sissi und Pretinha 1999 in den USA ein Hattrick. Außerdem erzielten Sie das Hyundai Tor des Turniers Aber für Brasilien war mit der Niederlage gegen Frankreich im Achtelfinale Endstation. Wie haben Sie diese WM erlebt?

Für mich war das eine überaus wichtige Weltmeisterschaft. Schließlich hatte das Risiko bestanden, dass ich wegen verschiedener Verletzungen gar nicht dabei sein würde. Ich musste mich in sehr kurzer Zeit erholen, um überhaupt mitfahren zu können. Ich war nicht bei 100 Prozent, wie ich es am liebsten gehabt hätte. Aber dann habe ich mich selbst überrascht, denn ich hätte nie damit gerechnet, einen Dreierpack zu schnüren und so viel Einfluss zu haben. Es war für mich wirklich wichtig, diesen historischen Meilenstein für den brasilianischen Frauenfussball zu erreichen. Leider sind wir dann gegen Frankreich ausgeschieden. Das war ein sehr hart umkämpftes Spiel. Wir haben alle überrascht, auch die Franzosen, die wohl gedacht hatten, es würde leichter. Ich denke, wir haben einen sehr guten Eindruck hinterlassen, trotz der Niederlage.

Haben Sie nach Frankreich 2019 an einen Rücktritt gedacht?

Ich habe schon früher an Rücktritt gedacht, aber mir noch zwei Ziele für die nächsten zwei Jahre gesetzt. Ich wollte diese beiden großen Turniere noch spielen, die WM im vergangenen Jahr und die Olympischen Spiele in diesem Jahr. Manches kann sich zwar ändern, doch ich sehe darin die letzten beiden großen Turniere meiner [internationalen] Karriere. Im Vereinsfussball möchte ich noch spielen, bis ich um die 36 bin. Daneben will ich mich fortbilden und Kurse belegen, damit ich mich nach meiner aktiven Karriere abseits des Platzes für den Frauenfussball einsetzen kann.

Brasilien ist in den acht Spielen seit Pia Sundhages Amtsantritt als Nationaltrainerin ungeschlagen. Sie haben in England gegen England gewonnen, Kanada mit 4:0 geschlagen und Mexiko zwei Mal besiegt. Hat sich die *Seleção* unter Pia Sundhage verbessert?

Ja. Ich finde, sie sieht das Spiel mit ganz anderen Augen. Sie hat Visionen was Taktik und Spielweise angeht. Das ist überaus wichtig. Ich denke, Ihre Erfahrung, Ihre Titel, Ihre gesamte Vergangenheit in Schweden und in den USA kommt uns sehr zugute. Sie sagt immer wieder, dass wir auf jeden Fall genug Talent haben und dass wir geborene Dribblerinnen sind, dass es aber auch andere Aspekte gibt, an denen wir arbeiten müssen, und dass sie genau das mit uns tun wird.

Ihre Verpflichtung ist ein großes Plus für uns. Sie hat das ganze Team verändert. Unsere tagtägliche Einstellung und unsere Einstellung in den Spielen hat sie enorm verändert. Es gibt jetzt intensive Konkurrenz um die Plätze im Team. Das ist sehr positiv. Wir haben nicht mehr bloß elf Spielerinnen, so wie das in der Vergangenheit leider der Fall war. Wir haben 20 und mehr. Pia sagt uns, dass sie keine Spielerin nominiert, nur weil sie schon bei einer WM dabei war, nur weil sie erfahren ist oder nur weil sie jung ist. Jede Spielerin hat eine faire Chance. Niemand darf bequem werden oder sich auf seinen Lorbeeren ausruhen, auch nicht die Spielerinnen mit großer Vergangenheit. Alle müssen ihr Bestes geben. Außerdem bringt sie uns sehr viel bei und macht uns wirklich glücklich. Sie passt sehr gut zu uns Brasilianerinnen. Wir sprechen Englisch, sie spricht Portugiesisch. Es gefällt ihr, dass wir ständig Witze machen und Musik hören. Sie hat eine Menge Spaß.

Brasilien kam großen Titelgewinnen einige Male nahe, 2004, 2007 und 2008. Sind Sie zuversichtlich, dass die Seleção in Tokio die Goldmedaille holen kann?

Ja, unbedingt. Man muss immer voller Selbstvertrauen in Wettbewerbe gehen. Pia hat uns neues Leben eingehaucht. Sie bekräftigt Tag für Tag, dass wir uns Hoffnungen auf die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen machen können. Wir sind alle sehr gespannt und aufgeregt über die aktuellen Entwicklungen. Wir haben die große Hoffnung, dass wir endlich Gold gewinnen können.

Was für ein Gefühl ist es, die beste Torjägerin in der Geschichte der Olympischen Spiele zu sein?

Darüber bin ich sehr glücklich. Denn ich stehe damit für die Träume vieler kleiner Mädchen in Brasilien, die davon träumen, bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen für die Seleção zu spielen. Ich habe das Glück, diesen Traum wahr zu machen. Wir haben Marta, die erfolgreichste Torjägerin bei Weltmeisterschaften, und mich als beste Torjägerin bei Olympischen Spielen. Das ist also ein brasilianischer Doppelerfolg. Für uns ist das sehr wichtig, nicht nur persönlich, sondern für den Frauenfussball in Brasilien. Bei den Olympischen Spielen anzutreten, ist etwas ganz Besonderes. Erst einmal muss ich hart um meinen Platz im Kader kämpfen, und wenn mir das gelungen ist, muss ich weiter kämpfen, um zum Einsatz zu kommen. Ich denke, das ist sehr wichtig für meine Karriere in der Seleção. Und ich hoffe, dass wir dieses Mal die Goldmedaille gewinnen können, von der wir schon so oft geträumt haben.

Was sagen Sie zu Martas Karriere?

Sie ist die Größte aller Zeiten, kein Zweifel. Wegen all ihrer Erfolge, all ihrer Titel. Wir sind sehr glücklich, dass eine Brasilianerin all dies erreicht hat, insbesondere angesichts all der Hürden und Schwierigkeiten, die der Frauenfussball in Brasilien zu überwinden hatte. Dass Marta uns repräsentiert, erfüllt uns alle mit großem Stolz.

Christine Sinclair wurde kürzlich zur erfolgreichsten internationalen Torschützin aller Zeiten. Was sagen Sie dazu?

Ich habe seit 2002 immer wieder gegen Sinclair gespielt. Damals war es bei der U-19-WM in Kanada (der Vorläufer der heutigen FIFA U-20-Frauen-Weltmeisterschaft). Sie ist im Strafraum unglaublich torgefährlich. Sie ist jederzeit bereit, Fehler von Verteidigerinnen auszunutzen oder abzustauben. Und sie erzielt viele sehr wichtige Tore. Sie ist eine erstklassige Spielerin. Ich denke, dieser Rekord ist für sie und ihr Land sehr wichtig. In Kanada ist man bestimmt sehr stolz darauf. Obwohl sie für ein anderes Land spielt, sollten wir alle uns über solche Rekorde freuen, denn sie sind sehr wichtig für den Frauenfussball. Ich denke, wir gewinnen alle, wenn es Spielerinnen gelingt, Titel zu holen und Rekorde aufzustellen und damit ein so positives Bild des Frauenfussballs zu zeichnen.

Wen halten Sie derzeit für die beste Spielerin der Welt?

Ich denke, Megan Rapinoe. Ehrlich gesagt ist es für mich schwer, das zu beurteilen, weil ich ja nicht in Europa oder den USA spiele und daher nicht alle Spielerinnen verfolgen kann. Aber ich denke, dass es Megan ist, schon allein wegen ihrer Leistungen bei der WM.

Brasilien trifft in einigen Tagen beim Tournoi de France zum Auftakt auf die Niederlande. Was sagen sie zum niederländischen Team und zu Ihrem Gegenüber Vivianne Miedema?

Das Team der Niederlande hat sich enorm verbessert. Sie sind nicht ohne Grund bis ins WM-Finale gekommen. Wir müssen sehr auf der Hut sein, denn sie sind groß und kraftvoll. Miedema ist eine tolle Torjägerin. Und sie ist noch sehr jung. Sie ist wirklich in toller Form und sehr wichtig für ihr Land. Für mich, für uns, ist es immer besonders spannend, gegen großartige Spielerinnen und starke Nationalteams anzutreten.

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