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Chicharito: "Die Realität hat all meine Träume übertroffen"

Chicharito #14 of Mexico celebrates after his goal in front of Andre Blake #1
© Getty Images

Javier Hernández war als Torjäger bereits bei Manchester United und Real Madrid aktiv und steht derzeit bei Bayer 04 Leverkusen unter Vertrag. Daher kann er mit Fug und Recht von sich behaupten, in den wichtigsten Ligen Europas Spuren hinterlassen zu haben. Der Stürmer, besser bekannt unter dem Namen Chicharito (die kleine Erbse), stammt aus einer großen mexikanischen Fussballerfamilie. Chicharito nimmt sich Zeit für ein Gespräch mit FIFA.com, in dem er eine intelligente und ausgesprochen klare Analyse einer Position liefert, die viel komplexer ist, als sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Außerdem spricht der 28-jährige mexikanische Nationalspieler mit uns über seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf Vereinsebene und mit El Tri.

Javier, seit Ihrem Profidebüt sind mittlerweile zehn Jahre vergangen. Hätten Sie damals gedacht, dass eine solche Karriere auf Sie wartet?
Tatsächlich hat die Realität all meine Träume übertroffen. Ich habe damals davon geträumt, mein Debüt in der ersten Liga zu geben, und als es dann soweit war, ist mir gleich im ersten Spiel ein Tor gelungen. Ich wollte mit dem besten Klub Mexikos Meister werden, und auch das habe ich geschafft. Ich habe mir vorgestellt, eines Tages im Verein und in der Nationalmannschaft ein wichtiger Spieler zu sein, und dann bin ich Torschützenkönig geworden und habe an der WM teilgenommen [Anm. d. Red.: 2010 in Südafrika]. Das alles war wirklich unglaublich.

*Und dann ist Ihnen der Sprung nach Europa geglückt.
*
Ja, aber vorher habe ich bei der WM noch ein Tor gegen denselben Gegner erzielt, wie seinerzeit mein Großvater [Tomás Balcázar nahm mit Mexiko an der WM 1954 in der Schweiz teil und erzielte ein Tor gegen Frankreich]. Dann kamen der Wechsel zu Manchester United, zwei Titelgewinne in der Premier League und eine Teilnahme am Finale der Champions League. Später bin ich dann zu Real Madrid gegangen, einem Klub, für den jeder gern spielen würde, und habe im Derby gegen Atlético den entscheidenden Treffer erzielt. Jetzt spiele ich in Deutschland. Ich kann mich wirklich nicht beklagen.

Wie fühlen Sie sich in Deutschland, nachdem Sie zuvor bei zwei der größten Klubs der Welt aktiv waren?
Ich habe die Bundesliga schon immer sehr aufmerksam verfolgt. In dieser Liga werden die besten Aspekte aus England und Spanien vereint. Sie ist nicht so körperbetont wie die eine Liga und nicht so auf attraktiven Fussball fixiert wie die andere, sondern vielmehr eine Mischung aus beidem. Und tatsächlich bin ich hier super aufgenommen worden. Letztes Jahr sind wir Dritter geworden und jetzt kämpfen wir darum, uns unter den Besten zu halten, auch wenn wir nicht so gut in die Saison gestartet sind.

Wo sehen Sie in taktischer Hinsicht auf Ihrer Position die Unterschiede zwischen diesen Ligen?
Sie sind sehr unterschiedlich! Das gilt auch für die Teams, für die ich gespielt habe, sodass ich mich immer anpassen musste. In Manchester haben wir beispielsweise ein 4-4-2-System eingesetzt, mit zwei Außenbahnspielern, die Flanken in den Strafraum geschickt haben. Niemand hat erwartet, dass die Nummer neun das Spiel gestaltet. Daher musste ich mich stärker auf den Abschluss konzentrieren. Bei Real Madrid war das ganz anders. Meine beiden ersten Tore waren Distanzschüsse von außerhalb des Strafraums. So etwas hatte es in der Premier League nicht gegeben. Im spanischen Fussball hast du mehr Zeit und mehr Freiheiten auf dem Platz. Jetzt, bei Leverkusen, lautet die Philosophie des Trainers, dass wir alle bei der Balleroberung mithelfen müssen und alle am Spielaufbau teilnehmen. Ein guter Fussballer muss all seine Fähigkeiten ausbauen, denn man spielt nicht wie man will, sondern so, wie das Team es erfordert.

Sie machen gerade eine Torflaute durch. Setzt eine solche Situation einen Stürmer unter Druck?
Mich persönlich bringt das nicht zur Verzweiflung. Wirklich nicht. Zehn Jahre lang habe ich ein Tor pro Spiel erzielt, und zwar fast pausenlos. Trotzdem habe ich mich nicht für den Besten der Welt gehalten. Daher deprimiert es mich jetzt auch nicht gleich, wenn ich mal einige Monate kein Tor schieße. Der Fussball ist meine absolute Lieblingsbeschäftigung. In diesen Spielen habe ich die Mannschaft auf anderen Positionen unterstützt, und ich sehe das als eine Art Ausbildung, um ein noch kompletterer Spieler zu werden. Ich will nicht nur ein Strafraumstürmer sein, sondern mitspielen, in die Zweikämpfe gehen, mit zurückgehen und andere Dinge tun.

Aber, ganz ehrlich, vermissen Sie die Torerfolge nicht?
Wer schießt nicht gern Tore? Ich glaube, wenn man sie darauf anspricht, würden sogar die Torhüter gern mal eins schießen! [lacht]. Und wir Stürmer werden natürlich daran gemessen. Wenn du schlecht spielst, aber drei Tore schießt, beglückwünscht dich alle Welt. Ich gehe gern mit dem Gefühl vom Platz, alles gegeben zu haben. Das hört sich an wie ein Klischee, aber ich möchte meinem Team helfen. Was nützt es, wenn ich das Tor treffe und wir trotzdem verlieren? Cristiano [Ronaldo] hat die The Best-Auszeichnung gewonnen, weil er gut spielt, aber auch, weil er die EURO und die Champions League gewonnen hat. Sonst hätte er diese Anerkennung nie erhalten. Die Tore sind das Sahnehäubchen auf dem Kuchen, und wenn ich gut spiele, werden sie schon irgendwann wieder fallen. Wenn ich allerdings schlecht spiele und keine Tore erziele, dann bin ich schon nicht mehr so zufrieden [lacht].

Sie haben uns etwas über das Dasein eines Stürmers in Europa erzählt. Wie ergeht es Ihnen als Stürmer in der aktuellen mexikanischen Nationalmannschaft?
Sehr gut! Der Trainer Juan Carlos Osorio ist sehr risikobereit. Er mag offensiven Fussball, und wir setzen immer auf Angriff. Das ist sehr mutig und bedeutet, dass er enormes Vertrauen zu den mexikanischen Spielern hat. Das spiegelt sich auch auf dem Spielfeld wider, denn er gibt uns viele Freiheiten. Er bereitet sich gut vor und plant die Partien so, dass wir uns auf dem Spielfeld wohl fühlen und offensiv auftreten können.

Gehen wir noch etwas näher auf El Tri ein. Kürzlich hat das Team mit dem Sieg in den USA eine Negativserie beendet. War das eine Art Befreiungsschlag?
Nein, ganz und gar nicht. Sie werden mir das vielleicht nicht glauben, aber unter uns war das gar kein Thema. Wir wussten, dass wir auswärts gegen eine gute Mannschaft antreten würden und dass wir die drei Punkte brauchten, um gut in die Hexagonal [Anm. d. Red.: die abschließende Sechserrunde der CONCACAF-Qualifikation] zu starten. Folglich haben wir uns ganz auf das Spiel konzentriert, und nicht auf die Ereignisse im Umfeld. Wir haben taktisch, physisch und mental gearbeitet, um ein ganz wichtiges Spiel zu gewinnen, und wir haben es geschafft, ohne uns dabei vom Umfeld beeinflussen zu lassen.

Sie haben gesagt, die Realität habe all Ihre Träume übertroffen. Ist für El Tri bei der WM 2018 der Zeitpunkt gekommen, ebenfalls alle Träume zu übertreffen?
Ich will ganz ehrlich sein. Seit meiner Kindheit habe ich bei allen Weltmeisterschaften daran geglaubt, dass jetzt der Augenblick für die mexikanische Mannschaft gekommen sei! [lacht]. Wenn alles so läuft wie in meinen Träumen und wir uns für die WM qualifizieren, verfügen wir meiner Meinung nach über viel Talent. Ich hoffe, dass wir dann auch das Quäntchen Glück haben, das uns bisher immer gefehlt hat, um den letzten Schritt zu tun.

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