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Capello: "Die richtige Wortwahl kann alles ändern"

Russia's national football team head coach Fabio Capello reacts
© AFP

Fabio Capello ist nicht nur technisch ein guter Coach. Der Italiener versteht es auch hervorragend, Spieler auszubilden und auf ihre Aufgaben vorzubereiten. Stars vom Format eines Ruud Gullit, Marco van Basten, Francesco Totti, Gabriel Batistuta und Ronaldo sind durch seine Hände gegangen, und er hat sie in vier unterschiedlichen Teams in Italien und Spanien zu Titeln geführt.

Im zweiten Teil des Exklusiv-Interviews mit FIFA.com wirft der aktuelle Nationaltrainer Russlands einen Blick auf die unterschiedlichen Stationen seiner Karriere und teilt uns seine Ansichten von der aktuellen Situation des Weltfussballs mit. Auch sein großes Steckenpferd, die Taktik, kommt natürlich nicht zu kurz. Sie fließt in fast jede seiner Antworten mit ein.

Den ersten Teil des Gesprächs mit Capello, den wir am gestrigen Montag veröffentlicht haben, können Sie über den entsprechenden Link in der rechten Menüleiste anklicken.*

Herr Capello, Sie gehören zu den renommiertesten Trainern in Italien. Wie sehen Sie die aktuelle Auswahl der *Azzurri?Sie ist sehr interessant, verfügt über gute Spieler und einen sehr guten Trainer. Das könnte eines der ganz großen Überraschungsteams der WM werden. Cesare Prandelli hat eine Mannschaft mit Siegermentalität geformt. Meiner Meinung nach hat er hervorragende Arbeit geleistet.

Inwiefern weicht die Taktik von der ab, die Sie zu Ihrer Zeit als Trainer in Italien angewendet haben?Mit dem AC Mailand habe ich immer ein 4-4-2-System gespielt, das sich in ein 4-3-3 verwandeln ließ, weil mein rechter Mittelfeldspieler in den Sturm aufrückte. Das galt sowohl für Ruud Gullit als auch für Dejan Savicevic. Tatsächlich griffen wir mit fünf oder sechs Spielern an. Mit dem AS Rom haben wir den Scudetto mit drei Verteidigern gewonnen, bei Real Madrid kamen dann wieder vier Abwehrspieler zum Einsatz, genau wie in den letzten Jahren in der englischen und russischen Nationalmannschaft. Meiner Meinung nach geht es im Augenblick darum, mehr Mittelfeldspieler auf das Feld zu bringen, weil sie sich besser an die unterschiedlichen Situationen eines Spiels anpassen können und einem mit ihrer Kreativität einen Vorteil verschaffen können. Wenn es einem gelingt, Spieler wie Pirlo, Xavi oder Iniesta zu neutralisieren, hat man einen wichtigen Schritt nach vorn getan.

Glauben Sie also an die Philosophie, Mittelfeldspieler auf unterschiedlichen Positionen einzusetzen, die durch den FC Barcelona in Mode gekommen ist?Ja, aber wenn die Spieler nicht über die Qualität der Akteure verfügen, die Guardiola eingesetzt hat, dann kommt man damit nicht weit. Es geht auch nicht darum, einfach irgendwelche Mittelfeldspieler einzusetzen! Sie müssen wirklich gut sein. Nehmen wir zum Beispiel einmal die Partie zwischen Italien und Spanien beim Konföderationen-Pokal, in der De Rossi letztendlich als Libero spielte und Javi Martínez als Nummer neun. Wenn man Spieler von einem solchen Niveau hat, ist alles möglich.

Wo liegen für Sie die Hauptunterschiede zwischen der Arbeit als Vereins- und Nationaltrainer?Bei einem Klub kann man die ganze Zeit mit den einzelnen Spielern reden, die Bedürfnisse der Mannschaft besser verstehen und erkennen, wo die Probleme liegen. Es ist einfacher, ein Team zu bilden, und vor allem ist es möglich, die Spieler bei der Verbesserung ihres Niveaus zu unterstützen und taktische Varianten zu trainieren. Bei einer Nationalmannschaft kommt man erst vier Tage vor einer Partie mit den Spielern zusammen und die Sache ist viel komplizierter. In diesem Fall ist die Einstellung der entscheidende Faktor. Man muss einen Teamgeist schaffen, damit alle an einem Strang ziehen, und vor allem muss man den Spielern in der kurzen Zeit verständlich machen, was man von ihnen will. Das ist eine ganz andere Arbeit - und auch der Druck ist ein ganz anderer.

Sind Sie der Ansicht, dass Sie in diesem Fall das System an die Spieler anpassen müssen?Natürlich. Man muss eine Formation finden, die mit ihren Talenten vereinbar ist, und nicht umgekehrt. Ein guter Trainer schafft es, die Spieler auf den Positionen einzusetzen, auf denen sie die besten Leistungen bringen können.

Mit welchen speziellen Problemen sind Sie als Trainer der russischen Nationalmannschaft konfrontiert?Die erste Schwierigkeit liegt darin, dass ich auf einen Dolmetscher angewiesen bin, denn man weiß nie, ob er wirklich genau das rüberbringen konnte, was man sagen wollte. Das gilt besonders im Spiel, wo die richtigen Worte eine große Hilfe für die Spieler sein können. Die richtige Wortwahl kann alles ändern. Im Training ist das einfacher, aber auch hier fehlt einem manchmal die Kraft gewisser Worte.

Es ist sicher auch schwieriger als bei Ihren vorherigen Engagements, beispielsweise in England, Spieler für bestimmte Positionen zu finden, oder?Eine der großen Schwierigkeiten liegt darin, dass bei den lokalen Teams nur vier oder fünf russische Spieler aktiv sind, und das auch nur, weil die Klubs dazu verpflichtet sind. Die Möglichkeiten, Spieler auszuwählen, sind im Vergleich zu Spanien, Italien oder Frankreich sehr begrenzt. Daher kommt es darauf an, intensiv zu suchen und eine gute Wahl zu treffen. Ich lebe in Moskau und schaue mir drei oder vier Partien pro Woche an, genau wie meine Assistenten. Wir haben nur 60 Spieler zur Auswahl, und daher muss man besonders aufmerksam sein, um am Ende die besten von ihnen zu berufen.

Zudem gibt es nicht viele russische Fussballer in den großen Ligen der Welt...Das ist ein Problem. Wir haben nur vier Spieler, die außerhalb Russlands unter Vertrag stehen, und wir verfügen auch nicht über Akteure mit ausländischen Wurzeln, wie das bei Deutschland, Frankreich, England und Portugal der Fall ist. Auch dadurch sind unsere Optionen beschränkt. Die russischen Spieler sind technisch sehr versiert, aber es werden Stars benötigt, die den Unterschied ausmachen. Ich glaube, dass einige Top-Verpflichtungen in der russischen Liga den lokalen Spielern zugute kommen können.

Standen Sie in England nach eigenem Empfinden stärker unter Druck?Auf dem Platz vielleicht schon, aber abseits davon lebt man sehr gut. Der Druck der englischen Medien ist enorm, das ist klar, aber ein Vergleich mit der Situation in Russland ist nicht so leicht, weil ich nicht verstehe, was die Journalisten schreiben [lacht]. In Wirklichkeit beschäftigt mich das nicht besonders.

Wie würden Sie Ihre Etappe als englischer Nationaltrainer mit etwas Abstand bewerten?Ich finde, dass es eine sehr gute Etappe war, aber sie hätte sogar noch besser sein können. Das Ausscheiden gegen Deutschland tut noch immer weh *[Anm. D. Red.: im Achtelfinale der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2010™]. *Einmal abgesehen davon bin ich zufrieden. Als ich übernahm, hatte man sich nicht für die EURO 2008 qualifiziert, und in den beiden Qualifikationswettbewerben meiner Amtsperiode haben wir das Ticket jeweils problemlos gelöst. Der Siegesrekord war auch sehr gut, und positiv war außerdem, dass ich sehr viele junge Spieler integriert habe: Danny Welbeck, Jack Wilshere, Phil Jones, Ashley Jones, James Milner, Joe Hart. Theo Walcott hatte zuvor schon eine Partie bestritten, konnte seinen Platz im Team in meiner Amtszeit aber festigen. Ich habe ein gutes Vermächtnis hinterlassen.

Zum Abschluss noch eine Frage in Bezug auf Ihre Erfahrungen in England: Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass die englische Nationalmannschaft nie den letzten Schritt tun und ganz oben landen konnte?Das liegt daran, dass die Mannschaft erschöpft in die Wettbewerbe geht. Sie ist von allen Teams am wenigsten frisch, weil die Liga nicht pausiert. Das ist wie beim Autofahren: Wenn du auf halbem Wege eine Tankpause einlegst, kommst du sicher ans Ziel. Wenn du aber beschließt, das nicht zu tun, besteht immer die Möglichkeit, dass du mit leerem Tank dastehst, bevor du dein Ziel erreicht hast. Meiner Meinung nach wird in England in der Hinrunde der Meisterschaft viel besserer Fussball geboten als in der Rückrunde. Daher muss ein Team in der Premier League auch über einen großen Kader verfügen, um erfolgreich zu sein. Das ist allerdings ein Luxus, den sich die Nationalmannschaft nicht leisten kann.

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