Fussball aus aller Welt

Capello: "Das perfekte Spiel ist ein 0:0"

Wenige Menschen auf dieser Welt können von sich behaupten, in ihrem Beruf eine lebende Legende zu sein. Fabio Capello gehört zu ihnen. Der 67-jährige Trainer hat mit dem AC Mailand, Real Madrid und AS Rom alle nur möglichen Titel gewonnen, war englischer Nationaltrainer und schreibt heute als Trainer Russlands, das auf dem Weg zur FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014™ in aussichtsreicher Position liegt, weiter Geschichte.

Als Auswahlcoach des größten Landes der Erde ist Capello zugleich Botschafter der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Russland 2018™. In dieser Funktion war er beim FIFA Konföderationen-Pokal Brasilien 2013, wo er exklusiv mit FIFA.com sprach. Heute präsentieren wir den ersten Teil des Interviews.

Herr Capello, wie fanden Sie den Ausgang des FIFA Konföderationen-Pokals Brasilien 2013?Die Frage war, wie Brasilien gegen das spanische Team auftreten würde, das man sehr gut kennt, das aber bisher kaum zu stoppen war. Prinzipiell denke ich, dass die Mannschaft Scolaris als Gastgeber der WM-Favorit ist, doch dies musste sie beweisen, indem sie gegen eine Auswahl gewinnt, die schon alles gewonnen hat. Das interessanteste war, zu sehen, wie die Brasilianer versucht haben, den Ball im Mittelfeld zu erobern und zu verhindern, dass die Spanier auf ihre gewohnten 65 Prozent Ballbesitz kommen.

Denken Sie, dass ein Präzedenzfall geschaffen wurde, um die bisher fast unschlagbare Roja zu bezwingen?Ich denke, dass auch Italien in seiner Partie im Halbfinale den richtigen Weg eingeschlagen hatte. Mit ihrer Dreier-Verteidigung haben die Italiener den Spaniern das Leben sehr schwer gemacht, vor allem weil sie die Räume im Mittelfeld zugestellt und um Ballbesitz gekämpft haben. Gleichzeitig haben sie es vermieden, lange Bälle nach vorne zu spielen. Das hat der Roja zugesetzt, und es hat den anderen Trainern dabei geholfen, zu verstehen, wie man sie schlagen kann. Und Felipao, der immer sehr gut vorbereitet ist, hat sich mit Sicherheit Notizen gemacht.

Haben Sie das Gefühl, dass die Mannschaft Del Bosques jene Aura der Unbesiegbarkeit verloren hat?Spanien hat eine Schule begründet und spielt ab der Jugend auf diese Weise. Man muss auch daran denken, dass sie einen Tag weniger Pause hatten und die Partie gegen Italien bei großer Hitze in die Verlängerung ging. Bei so schwierigen Bedingungen würde ich es begrüßen, wenn es in jeder Halbzeit eine Minute Pause gäbe, damit die Spieler sich erfrischen können. Ich denke, das würde einen großen Unterschied ausmachen.

Wie ist Ihre allgemeine Einschätzung der brasilianischen Auswahl?Brasilien verfügt über gefährliche Spieler, die jederzeit in der Lage sind, fantasievolle Aktionen zu kreieren. Selbst im Mittelfeld verfügen Sie über Fussballer, die sehr gut mit dem Ball umgehen können. Obwohl es stimmt, dass sie wenig kreative Spieler haben. Es gibt Neymar und ab und zu Óscar. Diese Mannschaft ist zweifellos wuchtiger als sich das die einheimischen Fans wünschen, die sich nach den Mannschaften von 1970 und 1982 sehnen, doch das ist schwer zu übertreffen.

Dieses Pressing im Mittelfeld, von dem Sie sprachen, ist zu einem großen Teil eine Weiterentwicklung Ihres eigenen Systems beim AC Mailand...Damals war es etwas Neues, man war nicht daran gewöhnt, dass die Stürmer Druck ausübten. Inzwischen hat sich die Situation natürlich stark verändert und heute machen es alle. Auf eine andere Weise ist es praktisch unmöglich, im modernen Fussball ein Spiel zu gewinnen. Es erscheint mir fast ein wenig absurd, dass man immer noch von 4-3-3 oder 4-4-2 spricht. Für mich ist die aktuelle Taktik 9-1, neun Spieler, die verteidigen, und neun, die angreifen. Es muss immer ein Block gebildet werden, sogar bei offensiven Spielzügen. Man kann nicht mehr mit einer Mannschaft spielen, die 40 oder 50 Meter des Spielfelds abdeckt, das gibt es nicht mehr. Heute muss man kompakt sein, alle stehen innerhalb von höchstens 20, 30 Metern.

Stimmt es, dass Ihnen in Ihrer Zeit bei Real Madrid der Satz zugeschrieben wurde, dass 'der offensive Fussball nicht modern ist'?Das habe ich nie gesagt. Im Internet liest man viele falsche Dinge. In meinem ersten Jahr bei Real Madrid spielten wir mit Raúl, Suker und Mijatovic, Victor auf der rechten Seite und im Mittelfeld standen Redondo und Seedorf - ist das etwa eine defensive Aufstellung? In meiner zweiten Zeit spielten wir ebenfalls mit drei Stürmern. Ich mochte es schon immer, viele Spieler in der Offensive zu haben, doch das bedeutet nicht, dass man automatisch mehr Siege erringt. Eine Zeit lang stellte ich gleichzeitig van Nistelrooij und Ronaldo auf. Die Konsequenz? Von fünf Spielen verloren wir drei und Barcelona hatte neun Punkte Vorsprung. Am Ende gewannen wir mit viel weniger offensiven Spielern den Titel. Man stellt sich vor, dass man mit Stürmern viele Tore schießt, doch das ist nicht zwangsläufig so.

Das berühmte galaktische System war also nicht ganz so effektiv...Wir hatten Beckham auf der rechten Seite, vorne Ronaldo, Van Nistelrooij und Raúl - doch wir gewannen nicht! (lacht) Sehr viel Talent, doch es war einfach nicht möglich, alle gleichzeitig auf den Platz zu stellen.

Zurück zum modernen Fussball. Was bedeutet das im zweiten Jahrzehnt dieses 21. Jahrhunderts?Sprechen wir vom Fussball auf dem Feld oder außerhalb? Denn das sind zwei verschiedene Dinge! In medialer Hinsicht ist er sehr stark gewachsen, er besetzt enormen Raum im TV, in den Zeitungen, im Internet. Es ist ein großes Geschäft. Auf dem Platz denke ich, gibt es eine konstante Demokratisierung. Die Tatsache, dass man heute die Spielweisen auf der ganzen Welt studieren kann, hat dazu geführt, dass sich die Trainer viel mehr weiterbilden. Und das ermöglicht ihnen eine Spielweise, die mehr von der Taktik bestimmt ist. Wenn man nicht über gute Spieler verfügt, ist es schwer, ein Spiel zu gewinnen. Im Halbfinale des Konföderationen-Pokals etwa war die erste Halbzeit zwischen Brasilien und Uruguay sehr taktisch geprägt, es gab keine Räume, da beide Mannschaften perfekt wussten, was der Gegner machen würde. Es scheint, dass heute, wie der italienische Journalist Gianni Brera sagte, 'das perfekte Spiel ein 0:0 ist'.

Ist es noch möglich, innerhalb dieser Ausgeglichenheit innovativ zu sein?In der jüngeren Geschichte des Fussballs gab es drei Revolutionen. Ajax in den 70er Jahren, mit der Abseitsfalle und dem Pressing, der AC Mailand in den 80er und 90er Jahren und aktuell der FC Barcelona, der nicht nur zeigt, wie man den Ball hält, sondern wie man bei Ballverlust aggressiv nachsetzt. Wie wir gesehen haben, entstehen Innovationen, wenn diese Neuerungen studiert und kontrolliert werden können.

Und wann erleben wir die nächste? Wie wird der Fussball der Zukunft?Das ist eine gute Frage! Das ist nicht einfach. Diese Revolutionen fanden mehr oder weniger alle 15 Jahre statt, und die durch den FC Barcelona ist noch nicht so lange her. Deshalb denke ich, werden wir noch ein wenig warten müssen, um zu erfahren, was passieren wird.

Verpassen Sie nicht, den zweiten Teil des Exklusiv-Interviews mit Fabio Capello zu lesen. Er erscheint am morgigen Dienstag hier auf FIFA.com.

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