Fussball aus aller Welt

Boateng: "Ich bin sicher nicht perfekt"

Jerome Boateng of Germany poses for photographs with his daughter
© Getty Images

Die Meinungen der Experten gingen auseinander, als Jerome Boateng im Sommer 2011 von Manchester City zu Bayern München wechselte. Klar verfügte der junge Innenverteidiger über besondere Qualitäten, doch gelegentliche Fehler und Unkonzentriertheit brachten dem heute 26-Jährigen auch immer wieder Kritik ein.

Mittlerweile hat Boateng jedoch alle Kritiker verstummen lassen. Sowohl bei den Bayern als auch in der deutschen Nationalmannschaft ist am 1,92 Meter großen Abwehrspezialisten kein Vorbeikommen mehr - weder für Gegner noch für seine Trainer.

In den deutschen Medien wurde er bereits als "Mister Unbesiegbar" betitelt. Bis zum Rückrundenstart vergangenen Freitag gegen Wolfsburg, den der Rekordmeister mit 4:1 verlor, absolvierte Boateng für die Bayern 56 Ligaspiele in Folge ohne Niederlage und stellte damit einen neuen Rekord auf. Zudem spielte der in Berlin aufgewachsene Modellathlet beim WM-Triumph der Deutschen in Brasilien eine Schlüsselrolle und gehörte im Finale von Rio zu den herausragenden Akteuren.

Im Exklusiv-Interview mit FIFA.com spricht der Vater von Zwillingen unter anderem über seine Leistungsexplosion, seine Gefühle nach dem Abpfiff des WM-Endspiels, seine Ziele für die verbleibende Saison und wie es ist, wenn man mit der Nationalmannschaft gegen den eigenen Bruder spielt.

Jerome, Sie haben damals in England erlebt, wie es ist, eine Saison zu spielen ohne Winterpause. Wie wichtig war und ist Ihnen die Winterpause?Nach der WM war sie sehr wichtig. Das ist auch insgesamt gut für den Fussball, wenn man zwischendrin mal eine Pause hat zum Durchschnaufen und Kräfte tanken. Das war sehr wichtig.

Hätten Sie dieses Jahr nicht gerne weitergespielt? Sie waren in großartiger Form vor der Pause...Danke. Klar spielt man gerne weiter, wenn man im Fluss ist. Aber mit Hinblick auf die Spiele, die im April oder Mai kommen, wenn es dann um die Titel geht, ist die Winterpause schon sehr gut, um noch einmal neue Kräfte zu sammeln.

Die Konkurrenz auf der Innenverteidigerposition bei den Bayern ist sehr groß. Neben Ihnen stehen Trainer Pep Guardiola noch Dante, Medhi Benatia und jetzt auch wieder Holger Badstuber, der nach seiner Verletzung zurückkehrt, zur Verfügung. Wie sicher sind Sie sich, dass sie erneut in der Startelf stehen werden?Ich werde von Training zu Training versuchen zu zeigen, dass ich es weiterhin verdient habe, bei den Spielen auf dem Platz zu stehen. Ich will es dem Trainer richtig schwer machen.

Seit ungefähr zwei Jahren spielen Sie auf einem sehr hohen Niveau, beinahe ohne Fehler. Das war nicht immer der Fall. In einem Champions-League-Spiel im Dezember 2012 gegen Bate Borisov haben Sie wegen eines Fouls an der Mittellinie eine Rote Karte bekommen. Als diese Sperre abgesessen war, waren Sie wie ausgewechselt und die Formkurve ging steil nach oben. Was ist da passiert?Ich denke auch, dass es von da an bergauf ging. Ich habe mir viele Gedanken gemacht und sehr hart an mir gearbeitet. Ich habe Einzeltraining mit [Co-Trainer] Peter Hermann gemacht und viel mit Jupp Heynckes gesprochen. Da ist dann viel voran gegangen.

Was können Sie jetzt noch an sich verbessern?Alles. Ich kann nie auslernen. Stellungsspiel, Kopfballspiel, Torgefahr, Zweikampfverhalten, das sind alles Punkte, die man stetig verbessern kann. Ich bin sicher nicht perfekt.

Bei der Gala zum FIFA Ballon d'Or wurde auch die Weltauswahl des Jahres vorgestellt. Hat es Sie gewundert, dass Sie nicht dabei waren?Es wäre schön gewesen, aber ich habe den WM-Titel gewonnen und das zählt für mich viel mehr als in einer Weltauswahl zu stehen.

Wie oft denken Sie noch an den Titel zurück?Eigentlich wird man viel mehr immer wieder von außen daran erinnert. Selbst fange ich nicht an nachzudenken, wie das eigentlich war in Brasilien. Ich werde das noch etwas sacken lassen und mir dann irgendwann später noch einmal alles ansehen und durch den Kopf gehen lassen. Das ist dann viel mehr wert.

Welchen Platz hat die WM-Medaille bekommen?Die hängt zuhause und hat dort einen schönen Platz bekommen.

Im Buch 'One Night in Rio' haben Sie geschrieben, dass der Moment nach dem Schlusspfiff im Finale ein ganz besonderer gewesen sei, der nur Ihnen gehörte. Lassen Sie uns teilhaben, was Ihnen da durch den Kopf gegangen ist...Ich war zuerst einfach dankbar, dass ich an dieser Stelle stehen durfte und die Möglichkeit hatte, den WM-Titel mit dieser Mannschaft zu gewinnen. Und dann bin ich noch durchgegangen, wie ich angefangen habe mit dem Fussball. Damals vor der Haustüre mit meinem Vater. Als ich mit drei Jahren gegen den Ball gekickt habe. Und dann sind mir im Schnelldurchlauf meine Stationen durch den Kopf gegangen. Das war ein Moment für mich selber. Das war unbeschreiblich.

Gibt es einen Punkt in Ihrer Karriere, den Sie jetzt ändern würden, wenn Sie könnten?Überhaupt nicht. Ich bereue keinen meiner Schritte. Auch nicht den nach Manchester, was ein unglückliches Jahr war mit zwei schlimmen Knieverletzungen. Ich denke, so wie es ist, habe ich es richtig gemacht und bin zufrieden. Ich lerne auch in den schweren Phasen viel. Als ich in Hamburg war, gab es ebenfalls eine Phase unter [Martin] Jol, in der es schwierig war. Ich bin jetzt seit 2011 hier beim FC Bayern und ich glaube mit all dem, was ich bisher erreicht habe, darf ich mich nicht beschweren.

Bei der WM sind Sie in der Partie gegen Ghana auf Ihren Bruder Kevin-Prince getroffen. Wie ist es, wenn der Bruder in einer anderen Nationalmannschaft spielt?Das ist schon komisch auf der einen Seite, aber auf der anderen auch etwas Tolles, dass so etwas zustande kommen kann und dass es in unserer Familie zwei Fussballer gibt, die auf so einer Ebene spielen dürfen.

Haben Sie darüber auch schon mit ihm gesprochen, dass es komisch sei?Ja, schon. Aber es ging immer mehr darum, dass wir uns vor den Spielen ausgetauscht haben. Dass es komisch ist, wussten wir ja schon vorher. Wir sind ja auch daran gewöhnt. Als wir klein waren, haben wir nie zusammen gespielt und danach, außer dann bei der Hertha, auch nicht.

Was ist dieses Jahr noch drin mit den Bayern?Eine Menge! Wir sind noch in jedem Wettbewerb vertreten und die Ziele sind hoch gesteckt und groß. Aber wir wissen, dass wir dafür hart arbeiten müssen und zum richtigen Zeitpunkt eine gute Form brauchen. Aber wir haben das Potenzial und die Chancen stehen gut, wenn wir unsere Leistung abrufen.

Mit der Nationalmannschaft steht die Qualifikation zur EURO an. Nach der WM war der Start etwas holprig. Glauben Sie, dass auch hier wieder die Wende kommt?Ja, es muss ja. Nach der WM war es nicht einfach, aber trotzdem hätten wir da mehr Punkte sammeln müssen. Es kommen jetzt viele Spieler zurück. Wir hatten jetzt auch wieder eine richtige Vorbereitung und ich bin zuversichtlich, dass wir die Qualifikation gut angehen und die EM dann auch erreichen.

Woran lag es, dass es solche Probleme gab?Es ist klar, dass alle den Weltmeister schlagen wollen, aber wir haben einfach meistens nicht gut gespielt. Nur gegen Polen finde ich, dass wir nicht schlechter waren, sondern eher besser. Aber gegen Irland und Schottland hätten wir besser spielen müssen und uns mehr Chancen herausspielen müssen. Vor allem gegen Irland auf Schalke war das viel zu wenig.

Mehr zu diesem Thema erfahren

Empfohlene Artikel

Jerome Boateng

FIFA Weltmeisterschaft™

Jerome Boateng

29 Jan 2015

Boateng: Zwei Brüder, zwei Nationen

FIFA Weltmeisterschaft™

Boateng: Zwei Brüder, zwei Nationen

02 Jun 2014

FIFA WM 2014: Deutschland feiert in der Kabine

FIFA Weltmeisterschaft™

FIFA WM 2014: Deutschland feiert in der Kabine

14 Jul 2014

FIFA World Coach of the Year for Men's Football nominee Joachim Loew of Germany poses with the FIFA World Cup Trophy

FIFA Ballon d'Or

Löw: "Nahe am Maximum"

15 Jan 2015

Manuel Neuer of Germany in action

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2014™

Neuer: "Du kriegst als Weltmeister nichts geschenkt"

24 Okt 2014

Shkodran Mustafi (L) and Christoph Kramer of Germany celebrate in the tunnel

Fussball aus aller Welt

Mustafi: "So ein Jahr ist nicht leicht zu toppen"

08 Dez 2014