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Afrikas erster Sieg

© AFP
  • ​Ägypten, Marokko und Zaire hatten vergeblich versucht, als erstes afrikanisches Team ein WM-Spiel zu gewinnen
  • Angetrieben von Hugo Sanchez ging Mexiko in Führung
  • Tunesien kam zurück und half mit, dass Afrika 1982 in Spanien einen weiteren Startplatz erhielt

Der afrikanische Fussball kann inzwischen auf eine beständig größer gewordene Sammlung von WM-Höhepunkten zurückblicken: 1970 erhielt der Kontinent erstmals einen garantierten Startplatz für das 16-köpfige Teilnehmerfeld, 1978 gewann ein afrikanischer Vertreter erstmals eine Endrundenpartie, 1986 wurde erstmals die zweite Runde, 1990 erstmals das Viertelfinale erreicht. Heute, im Vorfeld der ersten afrikanischen FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ der Geschichte, stellt der Kontinent bei diesem Turnier erstmalig sechs Teilnehmer.

Jede einzelne dieser Etappen war für den Fussball in Afrika ein wegweisender Erfolg, der dazu beitrug, dass afrikanische Vertreter heute mit den besten Nationen der Welt am selben Tisch sitzen. Lesen Sie auf FIFA.com den Rückblick auf einen überraschenden tunesischen Triumph, der als Meilenstein für die Entwicklung des afrikanischen Fussballs in die Geschichte einging.

*Die Kulisse
*
Tunesiens Erfolg gegen Mexiko bei der Endrunde 1978 war für das Selbstvertrauen des afrikanischen Fussballs ein enormer Schub. Denn der erste Sieg eines afrikanischen Vertreters bei einer FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ führte direkt zu einem zweiten Startplatz für die nächste Endrunde und ermöglichte es den Mannschaften, sich in der Zukunft höhere Ziele zu setzen und nach größeren Erfolgen zu streben. Der Sieg des WM-Debütanten war ein ebenso dramatisches wie historisches Ereignis.

Im Vorfeld der Partie war sowohl den Tunesiern wie auch den Mexikanern bewusst, dass es für beide sehr schwierig werden würde, bei der Weltmeisterschaft 1978 in die zweite Runde einzuziehen. Sie waren die Außenseiter in einer Gruppe, in der neben dem Halbfinalisten des vorangegangenen Turniers, Polen, auch der Titelverteidiger Deutschland vertreten war. In ihrer Auftaktpartie in Buenos Aires trennten sich die zwei Großmächte des damaligen Fussballs mit einem torlosen Unentschieden. Mexiko und Tunesien trafen am nächsten Tag aufeinander und hätten mit einem Sieg zumindest für wenige Tage die Gruppenführung erobern können. Der WM-Neuling Tunesien galt als großer Außenseiter, dem gegen die erfahrenere mexikanische Mannschaft wenig Chancen eingeräumt wurden.

Die Nordafrikaner konnten ohnehin von Glück reden, dass sie überhaupt zur Endrunde zugelassen worden waren. Nachdem die Spieler während einer Partie der CAF Afrikameisterschaft das Feld verlassen hatten, wurde die Mannschaft für zwei Jahre und der als Anstifter identifizierte Schlussmann Attouga Sadouk für drei Jahre gesperrt. Der afrikanische Fussballverband hatte außerdem angekündigt, bei der FIFA die Erweiterung der Sperre auf weltweite Wettbewerbe zu beantragen. Doch nach zehn Tagen bangen Wartens wurde entschieden, dass es zu kompliziert sein würde, so kurzfristig einen neuen Teilnehmer für das Turnier in Argentinien zu bestimmen. Dadurch war dies für Tunesien auch die letzte Chance, in absehbarer Zeit auf der internationalen Bühne zu glänzen, und die Spieler gingen mit besonderer Motivation in die Partie.

*Die Handlung
*
Beide Mannschaften begannen mit enorm hohem Tempo und schienen fest entschlossen, dies bis zum Ende durchzuhalten. Dies führte zu einem spektakulären Schauspiel für die Zuschauer mit packenden Szenen, nur die fehlenden Tore wollten nicht zum Gesamteindruck passen. Dabei schienen beide Mannschaften nichts anderes im Sinn zu haben, als um jeden Preis einen Treffer zu erzielen, und starteten einen stürmischen Angriff nach dem anderen. Um Taktik, besonders in der eigenen Hälfte, schienen sich weder Tunesier noch Mexikaner zu scheren.

In der ersten Halbzeit erspielte sich die mexikanische Mannschaft dank ihrer Mittelfeldasse Hugo Sanchez und Leonard Cuellar - mit seiner unverwechselbaren Haarpracht nicht zu übersehen - ein leichtes Übergewicht. Tunesien hatte nervös begonnen und hätte bereits nach sechs Minuten in Rückstand geraten können, doch Mohsen Jendoubi rettete bei einem Schuss der Mexikaner auf der Linie. Mexiko sollte trotzdem noch vor der Halbzeitpause in Führung gehen. Nach einem Handspiel von Omar Jebali verwandelte Arturo Vasquez den fälligen Elfmeter.

Doch zur allgemeinen Überraschung starteten die Afrikaner in der zweiten Hälfte eine muntere Aufholjagd und erzielten gegen eine mexikanische Mannschaft, die sich nicht von dem Druck befreien konnte und zusehends müde wirkte, drei Treffer. Der Ausgleich fiel bereits in der zehnten Minute der zweiten Halbzeit nach einem Zusammenspiel zwischen Tarek Dhiab und Ali Al Kaabi, dessen eigentlich missglückter Schuss Torhüter Jose Pillar Reyes überraschte. Dieses Tor setzte Kräfte frei, und die entfesselten Tunesier überrannten ihren Kontrahenten ein ums andere Mal. Zehn Minuten vor Schluss schließlich gelang Nejib Ghommidh nach einem Angriff über den rechten Flügel der Führungstreffer.

Ghommidh legte kurz vor Ende der Partie noch das dritte Tor auf. Mit einem präzisen Pass bediente er zentimetergenau Mokhtar Douieb, der den Ball aus vollem Lauf über den herausstürmenden Schlussmann spitzelte. Als die Mannschaften das Spielfeld verließen, skandierten die Zuschauer lautstark: "Tunez, Tunez, Tunez!"

*Der Star
*
Mit seiner charakteristischen aufrechten Körperhaltung zog der elegante Mittelfeldregisseur Tarek Dhiab wie ein Puppenspieler die Fäden im Zentrum der tunesischen Mannschaft. Er suchte und passte, erkämpfte Bälle, leitete Angriffe ein und war zu jeder Zeit auf der Höhe des Geschehens. Bereits in der Qualifikation zur Weltmeisterschaft hatte Dhiab, der 1977 im zarten Alter von 23 Jahren zu Afrikas Fussballer des Jahres gewählt wurde, dieselbe Präsenz und Dominanz zur Schau gestellt.

Die Reaktionen
*"Die Franzosen haben ihre 68er, revolutionäre Studenten, die ihre Spuren in der sozialen und kulturellen Landschaft ihrer Heimat hinterlassen haben. Wir haben unsere 78er, eine Generation von Fussballern, die herausragend waren."
*
Abdelmajid Chetali (Trainer, Tunesien)

*Das geschah danach
*
Tunesien verlor die zweite Partie gegen Polen nur denkbar knapp mit einem Tor Unterschied, während Mexikos Elf völlig auseinander fiel und gegen den amtierenden Weltmeister mit 0:6 unter die Räder geriet. Mexiko war damit bereits aus dem Rennen, während Tunesien nach wie vor weiterkommen konnte – doch dazu musste Deutschland geschlagen werden. Es war eine unlösbare Aufgabe, doch die Nordafrikaner gaben ihr Bestes und trotzten dem Weltmeister ein respektables torloses Unentschieden ab. Mexiko musste nach einer weiteren Niederlage gegen Polen (1:3) die Heimreise ohne jeden Punkt und mit zwölf Gegentreffern antreten. Tunesien leistete mit dieser erfolgreichen Teilnahme einen wichtigen Beitrag für die weitere Entwicklung des Fussballs in Afrika, da dem Kontinent ab der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 1982 in Spanien ein zusätzlicher Startplatz garantiert wurde.

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