Olympisches Fussballturnier der Männer Tokio 2020

Olympisches Fussballturnier der Männer Tokio 2020

22 Juli - 7 August 2021

Sydney 2000

Geremi – Den Kopf voller Erinnerungen

Robin Van Persie of the Netherlands (L) in action against Geremi of Cameroon
© Getty Images
  • Vor 20 Jahren gewann Kamerun Olympia-Gold
  • Geremi war damals Kapitän der Unzähmbaren Löwen
  • Für FIFA.com gräbt er in seinen Erinnerungen

Auf den Tag genau vor 20 Jahren konnten die Unzähmbaren Löwen einen der größten Erfolge der kamerunischen Sportgeschichte für sich verbuchen. Sie setzten sich im Finale des Olympischen Fussballturniers Sydney 2000 gegen Spanien durch (2:2, 3:5 i. E.) und errangen damit die erste Goldmedaille für ihr Land.

Die glänzende Medaille hat einen Ehrenplatz im Trophäenschrank von Geremi. Dort finden sich unter anderem auch zwei Trophäen des CAF Afrikanischen Nationen-Pokals aus den Jahren 2000 und 2002, Siegerkronen der spanischen Liga (mit Real Madrid) und der Premier League (mit dem FC Chelsea) und zwei Trophäen der UEFA Champions League.

Am Mikrofon von FIFA.com blickt der ehemalige Mittelfeldspieler und Kapitän der kamerunischen Nationalmannschaft, der mittlerweile zu den FIFA-Legenden gehört, nicht ohne Nostalgie auf den historischen Titelgewinn zurück.

FIFA Legend Geremi of Cameroon poses for a portrait
© Getty Images

Geremi, welche Bilder kommen Ihnen als erstes in den Sinn, wenn Sie an den Titelgewinn beim Olympischen Fussballturnier Sydney 2000 zurückdenken?

Das sind für mich wunderbare Erinnerungen an eine herrliche Überraschung. Wir waren nur eine Bande unbekümmerter Jungs, die ohne wirkliche Ambitionen zu einem Turnier nach Australien gereist waren. Im Turnierverlauf ging uns dann nach und nach auf, dass wir tatsächlich etwas erreichen könnten. Und dann kam das glückliche Ende. Die ersten Bilder, die mir in den Kopf kommen, sind die von der Medaillenübergabe. In diesem Moment wird dir bewusst, dass du in die Geschichte eingehen wirst!

Gilt dieser Titel in Kamerun als größter sportlicher Erfolg aller Zeiten?

Als einer der größten. Die Begeisterung hat sich immer mehr gesteigert. Die Zeitverschiebung war groß, was die Sache nicht gerade einfacher machte. Um unsere Spiele live im Fernsehen zu schauen, musste man in Kamerun sehr früh aufstehen. Die Menschen in Kamerun haben ein Spiel nach dem anderen verfolgt und uns unterstützt. Das ging so weit, dass schließlich ganz Kamerun seinen Lebensrhythmus änderte: Die Leute gingen sehr früh zur Arbeit, gingen früh schlafen und standen in der Morgendämmerung auf, um unsere Erfolge sehen zu können!

Ein weiterer großer Erfolg der Unzähmbaren Löwen war der Einzug ins Viertelfinale der FiFA Fussball-Weltmeisterschaft 1990… Wenn Sie die Wahl hätten, wären Sie dann lieber bei diesem Abenteuer dabei gewesen?

Das war auf jeden Fall eine feine Leistung, nicht nur für Kamerun, sondern für ganz Afrika. Damals erreichte zum ersten Mal ein Land des afrikanischen Kontinents dieses Stadium des Wettbewerbs. Als Kind habe ich sogar vor dem Fernseher geweint. Aber am Ende dieser sicherlich sehr ehrenvollen Etappe steht kein Titel. Und es sind vor allem die Titel, die in der Geschichte Bestand haben.

Cameroon's first ever Gold Medal
© Getty Images

Sie gehören zu den kamerunischen Spielern mit den meisten Titeln. Hat diese Goldmedaille einen ganz besonderen Platz in Ihrem Herzen?

Jeder meiner Titel hat seine Geschichte. Sie alle haben den Spieler geprägt, zu dem ich mich entwickelt habe – von der kleinsten Trophäe, die ich als Kind errungen habe, bis hin zu den größten, die ich auf dem Höhepunkt meiner Karriere verbuchen konnte. Eine ist so wichtig wie die andere: Sie sind die Anerkennung für meine Arbeit auf den Spielfeldern und machen sie zu einer messbaren Größe. Das sind meine Kinder ... und liebt man etwa ein Kind mehr als das andere? Nein! Mit Titeln ist es ganz genauso.

Können Sie sich noch an die Atmosphäre erinnern, die am 30. September 2000 im Olympiastadion von Sydney herrschte, in dem über 100.000 Zuschauer versammelt waren?

Natürlich, das war beeindruckend! Vor allem erinnere ich mich daran, dass diese 100.000 Menschen eine wichtige Rolle bei unserem Sieg gespielt haben. Wir lagen zur Pause gegen Spanien mit 0:2 zurück, und das Publikum hat sich bei der Aufholjagd hinter uns gestellt. Und es waren nicht die kamerunischen Fans, die uns gewöhnlich bei unseren Auftritten mit dem Nationalteam unterstützen! Dieses Publikum hatte uns ins Herz geschlossen. Trotz der drückenden Hitze haben die Zuschauer uns unermüdlich angefeuert. Da habe ich mir gesagt: 'Wow, sie müssen das, was wir gerade tun, wirklich schätzen!'

Inwiefern ist die Teilnahme an den Olympischen Spielen in der Karriere eines Fussballers etwas Besonderes?

Das ist eine der größten Sportveranstaltungen überhaupt! Es gibt keine andere Veranstaltung, die so viele Athleten aus allen Disziplinen in so kurzer Zeit zusammenbringt. Und genau das ist der Zauber dieser Veranstaltung, wenn man als Aktiver bei diesem Wettbewerb dabei ist: Du kannst neben anderen Sportlern im Olympischen Dorf wohnen, Erfahrungen austauschen, beim Mittagessen neben einem berühmten Judoka, einem Basketballstar, einem Fechtmeister oder was weiß ich wem sitzen! Das ist ein einzigartiges Erlebnis.

Cameroon Captain Geremi Fotso Njitap celebrates
© Getty Images

Gibt es Begegnungen, die Sie besonders geprägt haben?

Ja, die mit Serena Williams! Sie war ganz begeistert von unserem Team. Sie hat sogar in unseren Farben gespielt! Sie wollte uns treffen, und ich hatte als Kapitän die Chance, als Botschafter zu fungieren. Ich habe auch den Marathonläufer Haile Gebrselassie und den Basketballer Yao Ming getroffen … Als ich ihn zum ersten Mal sah, spielte er Billard. Er hatte sich nach vorn gebeugt, um einen Stoß auszuführen. Als er sich dann aufrichtete, dachte ich, ich spinne! Ich hatte noch nie zuvor einen so großen Menschen gesehen! Ich bewundere all diese Athleten, und ich glaube, durch den Gewinn dieser Goldmedaille haben wir uns auch deren Bewunderung gesichert.

Vor allem auch, weil diese Medaille mit vielen Schmerzen verbunden war. Fast alle Siege waren hart erkämpft. Es gab mehrere Aufholjagden, knappe Siege in der Verlängerung oder im Elfmeterschießen ...

Anfangs hatten wir nicht den Ehrgeiz, Gold zu gewinnen. Das ist ja das Kuriose! Aber vielleicht war genau das hilfreich. Es gab keinerlei Druck. Wir hatten keine Komplexe, konnten frei aufspielen. Wir waren eine Gruppe unbekümmerter junger Spieler, die sich gut ergänzten und zusammenhielten. In einem Turnier wie diesem ist die Qualität des Gruppenlebens ein grundlegendes Kriterium. Wir haben uns abseits des grünen Rasens sehr gut verstanden, und auf dem Spielfeld war dann alles sehr intuitiv. Die Goldmedaille haben wir auf dem Platz gewonnen, aber unsere Siege haben ihren Ursprung abseits des Spielfelds. Wir waren eine Familie, ein echtes Team ...

Dennoch gab es in diesem Spiel Akteure mit einem großen Ego wie Samuel Eto’o, Pierre Womé, Lauren, Carlos Kameni ...

[Er unterbricht] Damals waren das noch keine starken Persönlichkeiten! Erst danach haben sie an Statur gewonnen. Das gilt auch für mich selbst. Damals waren wir nur Jungs. Wir wollten einfach nur zusammen spielen und Spaß haben und hatten keine anderen Ambitionen. Einfach nur den Augenblick genießen. Wir waren eine Einheit, und das hat sich auf dem Spielfeld bemerkbar gemacht.

Cameroon's players celebrate
© Getty Images

Welches Spiel war das schwierigste?

Fast alle Siege waren Zerreißproben. Bei jedem oder fast jedem Spiel mussten wir einen Rückstand aufholen, an unsere Reserven gehen. Von Kuwait bis Spanien über Brasilien und Chile – unser gesamter Weg war sehr aufreibend ... Wir waren Jugendliche und haben uns geschlagen wie Männer. Wir haben uns diese Medaille mit Leib und Seele erkämpft.

Sie haben im Elfmeterschießen des Finales einen Elfer verwandelt. Erinnern Sie sich noch gut an diesen Moment?

Ich habe während meiner gesamten Karriere bei Elfmetern immer die Verantwortung übernommen ... Kein Spieler wird von sich behaupten, dass er bei einem Elfmeterschießen, insbesondere einem wie diesem, nicht unter Druck steht. Wenn du triffst, gewinnt dein Land und umgekehrt. Du musst deinen Kopf frei bekommen, deine Emotionen kontrollieren. Ich hatte diese Fähigkeit, mich zu konzentrieren, diese mentale Stärke. Einen Elfmeter verwandelst du mit dem Kopf, nicht mit den Füßen! Es nützt nichts, ein guter Techniker zu sein.

Wie haben Sie diese Goldmedaille gefeiert?

Sie können sich ja vorstellen, was bei unserer Rückkehr nach Hause los war! Das gesamte Volk war auf den Beinen, hat am Flughafen auf uns gewartet, auf den Straßen wimmelte es von Fans. Wir sind vom Staatschef persönlich empfangen worden. Wir waren Helden.

Kamerun wird bei der nächsten Auflage des Olympischen Fussballturniers nicht vertreten sein. Werden Sie das Turnier trotzdem verfolgen, vielleicht aus nostalgischen Gründen?

Natürlich! Du schaust dir das Turnier an und denkst: 'Das habe ich auch schon erlebt'. Das ist immer eine emotionale Angelegenheit, aber es ist nicht nur Nostalgie, sondern bereitet mir einfach Freude. Ich schaue mir gerne die Medaillenübergabe an. Das katapultiert mich unwiederbringlich einige Jahre zurück. Diesmal werden es 20 Jahre sein!

Cameroon bench celebrate victory.
© Getty Images

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