Ungarn hatte seit 30 Jahren nicht mehr an der Endrunde eines großen internationalen Wettbewerbs teilgenommen. Daher bot das Auftaktspiel des Teams bei der EURO 2016 Anlass zu einem doppelten Trommelwirbel und festlicher Garderobe. Und so sollte es auch kommen. Im Stadion von Bordeaux gab es im Spiel der Gruppe F gegen Österreich Tore im Doppelpack, erzielt von Adam Szalai und Zoltan Stieber, die dem Team den Sieg gegen das Nachbarland bescherten. Außerdem erschien der Protagonist des Abends im langen Beingewand.

Wobei das bei Gábor Király nichts Außergewöhnliches ist. Den ungarischen Schlussmann kann man sich in kurzer Hose nämlich gar nicht mehr vorstellen. In all den Jahren, die er bereits im Profibereich aktiv ist, ist er seiner grauen Baumwoll-Jogginghose treu geblieben. "Sie ist einfach bequemer. Schließlich bin ich Torwart und kein Top-Model!", so seine Argumentation.

Dieses Mal kombinierte er sein klassisches Beinkleid mit einem auffälligen, neongrünen Trikot. Und so gekleidet ging er in die Geschichte ein. Denn bei Ungarns erster Partie in Frankreich avancierte Király mit 40 Jahren und 74 Tagen zum ältesten Spieler, der je an einer Europameisterschaft teilgenommen hat. Bislang hatte diesen Rekord Lothar Matthäus gehalten, der seinerzeit 39 Jahre und 91 Tage alt war.

"Dieser Turnierauftakt war sehr wichtig für uns", so der legendäre Torwart wenige Minuten nach dem Abpfiff der Partie im Gespräch mit FIFA.com. "Wir haben zwei Tore erzielt, kein einziges kassiert und drei Punkte mitgenommen. Mehr konnte man wirklich nicht verlangen. Das erste Spiel ist in jedem Wettbewerb entscheidend, und wir waren der Sache gewachsen", analysiert er mit derselben Bestimmtheit, die er auch 90 Minuten lang auf dem Platz an den Tag gelegt hatte.

Und es ist nicht einfach, einer solchen Herausforderung gewachsen zu sein, wenn man nach so vielen Jahren zum ersten Mal wieder an einem internationalen Wettbewerb teilnimmt. Das gilt umso mehr, wenn man gegen ein Team mit Spielern vom Format eines David Alaba, Marc Janko und Christian Fuchs antritt, das in der FIFA/Coca-Cola-Weltrangliste den zehnten Platz belegt. Der Torhüter, der bereits 104 Länderspiele auf dem Buckel hat, erklärt, welche Faktoren für ihn der Schlüssel zum Erfolg waren.

"Wir wollten uns nicht so sehr auf den Gegner konzentrieren, sondern vielmehr auf uns selbst, und uns so gut wie möglich auf das Spiel vorbereiten. Das haben wir auch getan. Wir haben so gespielt, wie wir es am besten können, und das umgesetzt, was wir erarbeitet haben. Deshalb haben wir gewonnen."

Gefeiert haben die Ungarn dieses ausgesprochen positive Debüt nur kurz. Kiraly und seine Teamkameraden waren in Gedanken bereits bei der nächsten Partie. "Wir sind in einer sehr ausgeglichenen Gruppe, in der es keine Favoriten gibt. Seit wir unsere Gegner kennen, hatten wir das Gefühl, dass hier jeder gegen jeden gewinnen kann. Und so wird es für den Rest des Turniers bleiben. Das muss unsere Einstellung gegen Island und für die kommenden Spiele sein. Nur so können wir Geschichte schreiben", erklärt er mit Ehrgeiz in der Stimme.

Auch mit seinem persönlichen Rekord hält er sich nicht lange auf, obwohl er keinen Hehl daraus macht, dass er sich darüber freut, nun ältester Spieler der EM-Geschichte zu sein. "Natürlich ist es gut, einen Rekord zu brechen! Trotzdem ist für mich wirklich viel wichtiger, was wir als Mannschaft erreicht haben", meint er ganz nüchtern. "Ich habe mich immer in den Dienst meiner Teamkameraden gestellt, und heute haben wir sehr gut gespielt. Darüber freue ich mich – mehr als über alles andere."

Die Nummer eins der Ungarn konzentriert sich auf das wirklich Wichtige und misst den zahlreichen Kommentaren zu seiner Spielkleidung keine besondere Bedeutung bei. "Vor 20 Jahren habe ich beschlossen, solche Hosen zu tragen. Und natürlich sind sie in dieser Zeit schon irgendwie zu einem Markenzeichen geworden. Da dies ein so wichtiges Turnier ist, gibt es auf der ganzen Welt viele Leute, die sie zum ersten Mal sehen. Daher verstehe ich, dass sie überrascht reagieren. Aber für mich ist das ganz einfach ein weiteres Spiel mit dieser Hose. Und ich hoffe, ich werde hier noch einige mehr damit bestreiten können!"

Als nächstes stehen für Ungarn die Begegnungen mit Island in Marseille und Portugal in Lyon auf dem Programm. Auch hier wird Király sich wieder die Strümpfe über die weiten, schlabbrigen Beine seiner grauen Hose ziehen, um seinen Rekord auszubauen und zu versuchen, mit den Magyaren bei einem großen Turnier zu zaubern.

Wer weiß, vielleicht leitet er ja auch einen neuen Modetrend ein...