Ivan Rakitić macht einen glücklichen und zufriedenen Eindruck. Der Mittelfeldspieler hat bei Barcelona eine hervorragende erste Saison gespielt, in der er mit dem Klub bereits zwei Titel holen konnte (die spanische Meisterschaft und die Copa del Rey). Sollte es den Schützlingen von Luis Enrique am nächsten Samstag nun auch noch gelingen, Juventus Turin zu schlagen, dann könnte man die Spielzeit mit Fug und Recht als spektakulär bezeichnen. 

Die Nummer vier der Azulgrana hat bei diesen Erfolgen eine fundamentale Rolle gespielt. Er stand bei 50 der insgesamt 59 Partien Barcelonas auf dem Platz, was einer Einsatz-Quote von 85 Prozent entspricht. Wenige Tage vor dem großen Finale in Berlin spricht der Kroate in einem Exklusiv-Interview mit FIFA.com. Gesprächsthemen sind das bevorstehende Spiel, seine Eindrücke von Barcelona sowie seine Karriere im Allgemeinen. Im Interview strahlt er dabei dieselbe Begeisterung aus, die man von ihm auch auf dem Spielfeld kennt.

Ivan, Ihr Spanisch ist wirklich beeindruckend. Wie haben Sie es geschafft, sich so schnell in Spanien und in der Liga einzuleben?
Als ich [vor einigen Jahren] in Sevilla landete, hatte ich keine Ahnung, wo ich überhaupt hin kam. Ich hatte mir die Stadt auf der Landkarte angesehen, kannte die Geschichte des Teams, aber mehr nicht. Bereits in den ersten Tagen wurde mir dann langsam klar, welche Bedeutung der Klub und die Stadt hatten. Dabei sprach ich damals noch kein Wort Spanisch! Tatsächlich hätte ich nicht erwartet, dass ich mich so gut und so schnell einleben würde. Vor allem, weil in Andalusien mit einem besonderen Akzent gesprochen wird. Ich weiß noch, wie abenteuerlich es war, mich mit meinen Teamkameraden Jesús Navas oder Juan Cala zu unterhalten!

Sie stammen aus einer kroatischen Familie und wurden in der Schweiz geboren. Damit sind Sie ein echter Weltbürger. Glauben Sie, dass Ihnen das in Ihrer Karriere geholfen hat?
Viele Leute haben mir gesagt, dass Menschen vom Balkan besonders anpassungsfähig sind. Kann schon sein! In meinem Fall hatte es glaube ich etwas mit den Leuten in meinem Umfeld zu tun. Es war fundamental, dass ich so gute Freunde gefunden und eine Familie gegründet habe.

Vor Ihrem ersten Engagement in Spanien standen Sie in Deutschland beim FC Schalke 04 unter Vertrag. Dort konnten Sie Ihr Potenzial noch nicht voll ausschöpfen. Was hat sich mit der Ankunft in der spanischen Liga für Sie geändert?
Ja, ich muss akzeptieren, dass mir erst hier der endgültige Durchbruch gelungen ist, aber jede Etappe meiner Karriere war wichtig. Ich habe mich in allen Etappen weiterentwickeln können. Der Stil dieser Liga hat es mir auf jeden Fall leichter gemacht. Außerdem befanden sich sowohl Sevilla als auch Barcelona gerade in einem Umbauprozess, als ich kam, so dass ich sehr früh mehr Verantwortung übernehmen konnte. Das hat mir enormes Selbstvertrauen gegeben.

Barcelona ist vielleicht so etwas wie der Gipfel in der Karriere eines Fussballers. Hätten Sie erwartet, dass Sie bei dem Klub so schnell eine so wichtige Rolle spielen würden?
Ehrlich gesagt wollte ich nicht mit zu vielen Erwartungen an die Sache herangehen. Meine Einstellung war, nicht zu träumen, sondern dort meine Erfahrungen zu machen. Aber mir war ganz klar, dass man sich regelmäßige Einsätze auch erarbeiten muss. In Sevilla habe ich immer gespielt, oftmals sogar mit Verletzungen, gegen den Rat der Ärzte. Meine Devise war immer: Zähne zusammenbeißen und in dem Augenblick bereit sein, in dem ich gebraucht werde. Dafür arbeite und lebe ich.

Erzählen Sie uns etwas über Ihren Trainer, Luis Enrique, über den man vielleicht nicht ganz so viel weiß wie über andere Trainer großer Vereine…
Er ist ein sehr fleißiger Mensch. Er geht bis ins kleinste Detail und versucht immer, uns so gut wie möglich vorzubereiten. Er gehört zu den Trainern, die wissen, wie sie das Beste aus jedem einzelnen Spieler herausholen können, und die Ergebnisse stellen sich sofort ein. Deshalb haben wir so viel Vertrauen zu ihm und bis zum Schluss alle an einem Strang gezogen.

Und in spielerischer Hinsicht? Was hat er in den letzten Monaten von Ihnen gefordert?
Ich musste mir zunächst einmal klar machen, dass rechts von mir der beste Spieler aller Zeiten spielt. Da er etwas ganz Besonderes ist, hat er andere Laufwege als jeder andere Außenstürmer der Welt. Außerdem spielt an meiner Seite auch der beste Außenverteidiger, der sich oftmals in einen weiteren Stürmer verwandelt. Daher gehört es zu meinen Hauptaufgaben, für die richtige Balance zu sorgen und zu entscheiden, was in einem bestimmten Moment von mir gefordert ist. Häufig muss man die anderen glänzen lassen und seine Fähigkeiten in den Dienst der Mannschaft stellen.

[In diesem Augenblick taucht Xavi auf und begrüßt Rakitić.] Nutzen wir diese Gelegenheit doch einmal, um Sie zu fragen, wie es ist, an der Seite eines Mannes zu spielen, der vielleicht zu den besten Mittelfeldspielern aller Zeiten gehört...
Nicht nur vielleicht!
Ganz sicher sogar! [lacht]. Er ist beeindruckend. Es war ein enormes Privileg, von ihm lernen zu können, und zwar nicht nur auf dem Platz, sondern auch abseits davon. Von der Art, wie er sich verhält, wie er sich vorbereitet…Er ist ein Spieler, wie es ihn nur einmal gibt, und ich danke ihm sehr, für alles, was er für mich getan hat. Ich wünsche ihm nur das Allerbeste.

In der Vergangenheit war viel vom Mittelfeld des FC Barcelona die Rede. Jetzt liegt der Fokus auf dem Angriffstrio. Finden Sie, der Arbeit der Mittelfeldspieler sollte mehr Anerkennung zukommen?
Das ist ganz normal. Sie [die Stürmer] sind einfach super gut! Solange wir gewinnen, ist das kein Problem. Der Klub hat viel Geld ausgegeben, um die besten Stürmer der Welt zu bekommen. Da ist es nur natürlich, dass die Leute über sie reden. Das Wichtigste ist, dass wir gemeinsam gewinnen, wenn wir gewinnen, und das haben wir alle verstanden. Wenn man dann auch ein wenig von uns redet, umso besser! [lacht].

Barcelona ist spanischer Meister geworden und hat auch den Pokalwettbewerb gewonnen. In einigen Tagen steht nun das Finale der UEFA Champions League an. Es gab allerdings auch Phasen mit magerer Ausbeute. Wie haben Sie die Konzentration aufrechterhalten?
Ich habe immer gesagt, dass man das alles hier bei Barça genießen muss. Man muss mit einem Lächeln ankommen und mit einem noch breiteren Lächeln wieder gehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es hier jemanden geben könnte, der missmutig ist. Es ist einfach unglaublich, was wir bei diesem Klub haben: die besten Fussballer der Welt, eine erstklassige Fangemeinde, hervorragende Einrichtungen. Die Spielzeiten sind lang, da ist es normal, dass es Höhen und Tiefen gibt, vor allem, weil es vor der Saison viele Veränderungen gegeben hat. Es war wichtig, Ruhe zu bewahren und das Selbstvertrauen nicht zu verlieren. Es ist kein Zufall, dass wir gegen Ende der Saison den besten Rhythmus gefunden haben.

Und wie gehen Sie das Finale gegen Juventus in Berlin an?
Ehrlich gesagt, ganz gelassen. Wir haben darauf hingearbeitet. Wir wollen gewinnen, wir kennen Juve gut und haben großen Respekt vor dem Team, aber wir haben nichts anderes als den Sieg im Sinn. Es ist ein Finale und wir sind Barcelona. Da können wir gar nicht anders denken!

Na gut, aber ein wenig aufgeregt werden Sie doch sein!
Ja, natürlich, aber ich bleibe gelassen. All die Arbeit, die wir geleistet haben, ermöglicht es uns nun, dieses Finale ganz ruhig anzugehen. Bis jetzt ist alles gut gelaufen und ich sehe keinen Grund, warum sich das ändern sollte. Die Emotionen werden schon überschäumen, wenn wir den Pokal in den Händen halten. Vorher müssen wir das Spiel bestreiten.

Noch eine letzte Frage: Wie stellen Sie sich den Augenblick vor, in dem die Partie am nächsten Samstag abgepfiffen wird?
[Lacht] Ich denke nicht gerne so weit voraus! Aber, gut, ich hoffe, dass ich dann einem Teamkameraden in den Armen liegen und den Titel feiern werde. Und dann hoffe ich, dass ich den Pokal in den Händen halten kann, denn ich will ihn wirklich unbedingt haben!