Interview der Woche

Xavi: "Ich hätte kein besseres Drehbuch schreiben können"

(FIFA.com)
Barcelona legend Xavi Hernandez poses for a photo in his new Al-Sadd club shirt
© AFP

Als Xavi Hernandez vor einigen Tagen in Berlin die Trophäe der UEFA Champions League in die Höhe reckte, war das seine letzte Amtshandlung nach 17 Jahren und unerreichten 25 Titeln bei seinem FC Barcelona. Nur wenige Tage danach sollte er sich auf dem Platz von Al Sadd Club in Katar ein neues Trikot überstreifen – das erst zweite in der Karriere des Mannes, den nicht wenige als Spaniens besten Fussballer aller Zeiten betrachten.

Nachdem er zum Abschied noch zahlreiche Trikots signiert hatte, nahm sich der Gewinner der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Südafrika 2010™ Zeit für ein ausführliches und sehr persönliches Gespräch mit www.sc.qa. Darin verglich er den Triple-Gewinn des FC Barcelona mit dem von 2009. Xavi sprach aber auch über seinen neuen Klub in Katar und darüber, wie er dem dortigen Fussball helfen will.

Glaubt man Ihrem Biografen, war das gerade die erste offizielle Vorstellung in Ihrem Leben. Was war es denn für ein Gefühl, ein neues Trikot in die Höhe zu halten?
Das war neu für mich, denn ich bin noch nie auf einer offiziellen Pressekonferenz vorgestellt worden. So etwas wie einen Empfang hatte ich allenfalls, als ich mit elf Jahren zum FC Barcelona gekommen bin, aber natürlich nur in ganz kleinem Rahmen. Das kann man so gesehen kaum miteinander vergleichen. Ich bin in Katar fantastisch aufgenommen worden, und ich bin Al Sadd sehr dankbar. Ich bin den Kindern sehr dankbar, die mich heute hier willkommen geheißen haben, und ich bin den fantastischen Fussballfans in diesem Land dankbar, die sich mir gegenüber wirklich toll verhalten.

War es also der perfekte Zeitpunkt, den Klub zu verlassen, bei dem Sie Ihre gesamte bisherige Karriere verbracht haben?Vergangenes Jahr haben meine Mutter und meine Freunde darauf bestanden, dass ich noch eine Saison dranhänge – und nun schauen Sie mal, was mir entgangen wäre, wenn ich nicht auf sie gehört hätte. Ich bin froh, dass ich dieses Jahr noch aktiv miterlebt habe, mit dem Triple und dem ganzen Drumherum. So hatte ich einen echten Traumabschied.

Der FC Barcelona ist die erste Mannschaft, die zwei Mal das Triple holen konnte, und Sie waren beide Male dabei. Welcher Erfolg war schöner – der 2009 oder der 2015?
Da gibt es keinen Unterschied. Das jetzige Triple war eine Mischung aus Aufregung, Freude und Nostalgie, zumal ich wusste, dass es mein letztes Spiel für Barcelona sein würde. Ich wollte unbedingt auf die bestmögliche Weise Abschied nehmen, und ein besseres Drehbuch hätte ich letztlich selbst nicht schreiben können. Beide Triple-Erfolge waren unglaublich. Wir dachten zunächst, es wäre nie wieder möglich, das Triple noch einmal zu gewinnen. Aber im Fussball ist eben nichts unmöglich, und mit der herausragenden Mannschaft, die wir haben, konnten wir den Erfolg tatsächlich noch einmal wiederholen. Ich bin sehr stolz, beide Male ein Teil davon gewesen zu sein.

Was hat letztlich den Ausschlag für einen Wechsel nach Katar gegeben?Es ist das ideale Projekt für mich. Drei Aspekte passen für meine Familie und mich genau ins Konzept. Zum einen kann ich hier bei Al Sadd weiter um Titel spielen: In der Liga, im Pokal und auch in der asiatischen Champions League. Zum anderen gibt es dieses fantastische Projekt bei Aspire, wo meine berufliche Ausbildung weiter gehen wird. Und schließlich kann ich Botschafter der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar sein, was ich sehr spannend finde. Das Team wird kontinuierlich immer wettbewerbsfähiger werden. Ich bin sehr stolz, hier zu sein. Später will ich meine Lizenz als Trainer und als Sportdirektor machen.

Hatten Sie schon Gelegenheit, sich die Stadt anzusehen?Ich war positiv überrascht. Es gibt immer etwas zu unternehmen, und die Menschen haben mich mit viel Leidenschaft aufgenommen. Ich kann nur Gutes über dieses Land sagen, das seinen Fokus so stark auf den Sport ausrichtet. Ich bin sehr gern hier, und es ist großartig, langfristig arbeiten zu können und mit Blick auf die WM 2022 etwas zu entwickeln.

Glauben Sie, dass Sie die Fussballkultur in Katar schon vor diesem Turnier verändern können?Ich will meine ganze Erfahrung aus Barcelona nach Katar bringen. Wie ich gesehen habe, gibt es ja schon jetzt Mannschaften, die so spielen möchten wie wir. Ich weiß, dass Al Sadd und der hiesige Trainer den Spielstil bevorzugen, den auch der FC Barcelona und die spanische Nationalmannschaft in den vergangenen zehn Jahren praktiziert haben. Insofern weiß ich, dass ich mich einbringen kann. Ich habe mir Spiele von Al Sadd angesehen. Die Spielweise ist auf Ballbesitz ausgerichtet und der Stil dem nicht unähnlich, den ich gewohnt bin.

Denken Sie, dass auch die katarische Nationalmannschaft diesen von Barcelona und der spanischen Nationalmannschaft in den letzten zehn Jahren gepflegten Ballbesitzfussball übernehmen will?Ich glaube schon; das dürfte der Grundgedanke hinter dem katarischen Fussball sein. Das Bestreben ist, die Fussballkultur von Barcelona und Spanien zu übernehmen, die in jüngster Vergangenheit international so viele Erfolge gebracht hat. Katar will eine gute Rolle spielen und zur Weltmeisterschaft 2022 eine möglichst konkurrenzfähige Mannschaft haben.

Worin sehen Sie die Hauptvorteile des Turniers?Bislang mussten wir einen Tag vor den Spielen anreisen. Ein Vorteil hier ist, dass man keine lange Anreise hat. Darüber hinaus denke ich, im November und Dezember zu spielen, ermöglicht es den Spielern, zum Turnier in Topform zu sein. Zudem gibt es schon jetzt klimatisierte Stadien mit Klimaanlage, insofern denke ich, die Voraussetzungen sind gegeben, diese WM zu einem großen Erfolg zu machen. Die Spieler werden davon profitieren.

Sie haben 2010 die erste Weltmeisterschaft in Afrika gewonnen. Was können Sie Ihrer Meinung nach tun, um junge Menschen in der Region vor der ersten WM im Nahen Osten zu inspirieren?
Ich möchte gern all meine Erfahrung aus Barcelona einbringen, all die Werte, die mir in La Masía vermittelt wurden: Opferbereitschaft, harte Arbeit, Bescheidenheit. Alles, was mir beigebracht wurde, will ich hierher übertragen. Außerdem will ich in diese wundervolle Kultur hier eintauchen und zugleich in aller Bescheidenheit mit dem, was ich in Barcelona gelernt habe, meinen Beitrag leisten.

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