Selten waren die Fangesänge für Liverpool so lautstark zu vernehmen wie an jenem 25. Mai 2005. Es war Halbzeit im Finale der UEFA Champions League - ein Wettbewerb, den die Reds seit 19 Jahren nicht mehr gewonnen hatten. Die Ergebnistafel zeigte einen Vorsprung von drei Toren zugunsten des AC Mailand an. Niemand im zum Bersten gefüllten Atatürk-Olympiastadion konnte sich auch nur ansatzweise vorstellen, dass dieses Spiel noch gedreht werden könnte. Außer vielleicht den Tausenden von Liverpool-Fans, die an jenem Tag ihr Team besangen.

Und dann entfachte Steven Gerrard in der 54. Minute per Kopf die Flamme der Hoffnung neu. Zwei Minuten später gelang Vladimir Smicer mit einem sehenswerten Schuss das zweite Tor. Xabi Alonso schließlich erzielte in der 60. Minute den Ausgleich und bescherte einer nach der Pause wie beflügelt aufspielenden Liverpooler Elf völlig unerwartet die Verlängerung und ein Elfmeterschießen. Der Rest ist Geschichte. Jerzy Dudek wuchs über sich hinaus, und Liverpool krönte sich zum Klub-Europameister.

Der ehemalige tschechische Nationalspieler Smicer (81 Länderspiele, 27 Tore) war damals der Schütze des letzten Versuchs, der Liverpool in diesem berühmten Elfmeterschießen den Sieg brachte. Anlässlich des zehnten Jubiläums blickt der frühere Mittelfeldspieler auf jene denkwürdige Partie zurück und spricht außerdem über seine Spielerkarriere in Frankreich sowie seine Laufbahn als Trainer und Politiker in seiner tschechischen Heimat.

Vladimir, Sie haben 2009 Ihre Karriere beendet. Vermissen Sie das Fussballspielen?
Stellen Sie sich vor: Ich habe meine Spielerkarriere noch nicht endgültig beendet! [lacht] Ich spiele noch in der sechsten tschechischen Liga im Trikot des kleinen Dorfes, in dem ich lebe. So bleibe ich in Form. Aber ja, vor 30.000 Zuschauern in stimmungsvollen Stadien zu spielen, das wird mir mein Leben lang fehlen.

Sie haben einen großen Teil Ihrer Karriere in Frankreich verbracht. Haben Sie gute Erinnerungen daran?
Sicher, ich habe in Frankreich fünf tolle Jahre verbracht. Zuerst drei Jahre in Lens. Es waren drei außergewöhnliche Jahre bei diesem familiären Klub - ich war jung und spielte zum ersten Mal im Ausland. Ich habe eine neue Sprache und Kultur kennengelernt. Es war eine sehr bereichernde Erfahrung. Meine zweite Erfahrung in Bordeaux zwischen 2005 und 2007 war etwas enttäuschender. Wir hatten eine Riesenmannschaft, die sehr stark war, doch aufgrund einer Verletzung musste ich mehrere Monate pausieren. Ich hätte dem Klub gerne mehr geholfen. Doch insgesamt habe ich tolle Erinnerungen an Frankreich.

Und zwischen diesen zwei Engagements gab es Liverpool…

Ein außergewöhnlicher Klub, der mir meine schönste Erinnerung als Fussballer bescherte ...

Sie meinen sicherlich das Finale der Champions League 2005, oder?
In der Tat, das war der Höhepunkt meiner Karriere. Es stand einiges auf dem Spiel. Für Liverpool, weil es in diesem Wettbewerb seit 19 Jahren seinem fünften Titel hinterherlief. Und für mich, weil ich damals 32 Jahre alt war. Ich wusste, dass es mein letztes "großes" Spiel sein würde - in diesem Alter kann man sich nichts Besseres wünschen! Ich hatte einige Jahre zuvor mit der Tschechischen Republik schon ein EM-Finale bestritten. Die Chance, solche Spiele zu bestreiten, bietet sich sehr selten. Und außerdem war diese Begegnung wirklich etwas Besonderes. Ein Finale gegen den großen AC Mailand, ein 0:3-Rückstand zur Pause, dann erziele ich ein Tor und verwandle einen Versuch im Elfmeterschießen. Es war ein wirklich außergewöhnlicher Abend, das größte Spiel meiner Karriere.

Ganz ehrlich: Haben Sie in der Halbzeit noch daran geglaubt?
Ehrlich gesagt: nein. Doch es waren 45.000 Zuschauer da, die diese Reise auf sich genommen hatten, und sie ließen nicht nach und feuerten ihre Mannschaft weiter an. Also nahmen wir uns vor, ihnen Freude zu bereiten und nebenbei auch uns ein wenig. Dazu durften wir keine Tore mehr kassieren und mussten selbst eins schießen - und wenn wir eins erzielen, können wir den Motor vielleicht wieder zum Laufen bringen. Man weiß nie, was im Fussball passiert. Angesichts der ersten Halbzeit schien das undenkbar. Dem Mailänder Team war nicht beizukommen - Kaka zeigte eine Galavorstellung, Hernan Crespo war heiß gelaufen. Wir glaubten nicht daran, dass wir das Spiel noch gewinnen konnten, doch wir wollten es erhobenen Hauptes beenden. Und dann schießen wir in sechs Minuten drei Tore. Ein verrücktes Spiel.

Sie selbst erzielten den zweiten Treffer mit einem Flachschuss aus 20 Metern … 
Ja, und dieses Tor gab uns trotz allem neue Hoffnung. Doch in dem Moment war ich mir noch nicht einmal sicher, getroffen zu haben - mir war die Sicht versperrt, Dida berührte den Ball noch und keiner meiner Mitspieler bejubelte das Tor. Sie waren in Gedanken schon dabei, das dritte zu versuchen!

Xabi Alonso schaffte den Ausgleich. Dann kamen die Verlängerung und vor allem das Elfmeterschießen. Wie wird entschieden, wer einen solchen Elfmeter schießt?
Der Trainer, Rafael Benitez, kam auf mich zu und fragte mich, ob ich mich in der Lage fühlte, einen zu schießen. Ich war selbstbewusst, hatte ein Tor gemacht und für Liverpool schon zuvor Elfmeter verwandelt. Er fragte mich: "Willst du einen machen?" Ich habe spontan "ja" geantwortet. Daraufhin sagte er: "Ok, du bist der vierte Schütze!" Und plötzlich spürte ich, wie mich ein enormer Druck überkam. Doch ich habe mich zusammengerissen. Ich glaube, ich hatte das Alter und die Erfahrung, um diese Verantwortung zu übernehmen. Ich war es mir schuldig, Reife zu zeigen. Man ist sich nie sicher, einen Elfmeter zu treffen. Ich wusste, dass es mein allerletzter Schuss für Liverpool sein würde. Ich hatte keine Wahl: Die letzte Erinnerung, die ich dem Klub hinterlasse, musste eine gute sein.

In der Folge haben Verletzungen Ihre Spielerkarriere beeinträchtigt. Vier Jahre später haben Sie Ihre Fussballschuhe an den Nagel gehängt und als Manager für Ihre Nationalmannschaft gearbeitet. Welche Bilanz ziehen Sie aus dieser Erfahrung?
Es war eine sehr gute Erfahrung. Ich habe meine Karriere am 9. November 2009 bei Slavia Prag beendet, und am nächsten Tag bot man mir diesen Job als Manager an. Das Vorbild war ein wenig das, was Oliver Bierhoff bei der deutschen Mannschaft macht. Es waren vier schöne Jahre in dieser Position, vor allem die ersten beiden! Wir haben uns für die Europameisterschaft 2012 qualifiziert und das Viertelfinale erreicht, das wir gegen die Portugiesen um Cristiano Ronaldo verloren. Danach aber haben wir die Qualifikation zur WM verpasst - das hat mich wirklich enttäuscht, denn wir hätten es schaffen können! Daraufhin wurde der Mitarbeiterstab ausgetauscht, und ich bin als Trainer zu Slavia zurückgekehrt. Kurze Zeit später habe ich entschieden, ein wenig Abstand vom Fussball zu nehmen. Ich hatte nie eine Pause gemacht. Ich musste durchatmen, mich ausruhen und Zeit mit der Familie verbringen. Ich habe mich einem anderen Kampf gewidmet in der Politik: Ich bekämpfe die Fettleibigkeit bei jungen Menschen.

Es läuft besser für die Tschechische Republik. Das Team liegt in der Gruppe A der Qualifikation zur UEFA EURO 2016 auf dem ersten Platz. Wie sehen Sie die Leistungen der Mannschaft?
Wir sind gut in die Qualifikation zur EURO 2016 gestartet. Das erste Spiel hat eine gute Dynamik entfacht, als wir  zu Hause gegen die Niederlande gewonnen haben. Das war der Knackpunkt, den wir nach dem Scheitern in der WM-Qualifikation für Brasilien und den vier Niederlagen in den darauffolgenden Freundschaftsspielen brauchten. Wir standen also unter Druck, und auf einmal lief es wie von selbst: Wir haben in der Türkei, in Kasachstan und gegen Island gewonnen. Kürzlich gegen Lettland haben wir es nicht so gut gemacht, doch wir haben zu meiner großen Freude trotzdem einen guten Start hingelegt. Da die EURO in Frankreich stattfindet, ist es mir besonders wichtig, dass meine Tschechische Republik dabei ist - das würde mir sehr viel bedeuten.