Die Geschichte von Eric Abidal ist allgemein bekannt. Auf dem Höhepunkt seiner Zeit beim FC Barcelona wurde 2011 bei ihm ein Krebsleiden an der Leber diagnostiziert, so dass er seine Karriere unterbrechen musste, um sich behandeln zu lassen. Am 6. April 2013 kehrte er nach einer Lebertransplantation und einem 402 Tage währenden Kampf gegen die Krankheit, für den ihm aufgrund seiner Kraft und Gelassenheit allgemein Hochachtung entgegengebracht wurde, wieder auf den Platz zurück.

Der französische Verteidiger begnügte sich indes nicht damit, einfach nur wieder zu spielen. Er holte außerdem seinen vierten spanischen Meistertitel, bevor er zum Klub seiner Anfänge, AS Monaco, zurückkehrte. Dort trug er in seiner letzten kompletten Saison 2013/14 dazu bei, in Frankreich den Vizemeistertitel zu erringen, und verdiente sich noch einmal eine Nominierung für die französische Nationalelf.

Nach weiteren sechs Monaten im Trikot von Olympiakos Piräus beendete Abidal Ende 2014 seine Karriere und kann heute mit Stolz auf eine Laufbahn mit vielen Erfolgen zurückblicken: unter anderem drei französische Meistertitel mit Olympique Lyon, zwei Mal der Gewinn der UEFA Champions League mit Barcelona und eine Finalteilnahme bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006 mit Frankreich. FIFA.com sprach exklusiv mit dem ehemaligen Nationalverteidiger.

Eric Abidal, wie erleben Sie Ihren Ruhestand? Was haben Sie nach dem Ende Ihrer Karriere wiedergefunden oder wiederentdeckt?
Am Anfang war ich natürlich trotzdem sehr froh darüber, meinen Beruf wieder ausüben zu können. Doch jetzt nach meinem Karriereende finde ich wieder diese Freiheit vor, die man als Spieler nicht hat. Diese Ruhe im alltäglichen Leben. Es gibt viel weniger Stress und weniger Unruhe. Man hat mehr Zeit für die Familie, die Kinder und freie Wochenenden - kurz, das wirkliche Leben. Es ist ein großer Vorteil, selbst wählen zu können, wann man "Stopp" sagt. Und nicht aufgrund einer Verletzung oder einem anderem Grund aufhören zu müssen. Es war für mich wirklich an der Zeit, aufzuhören, um mich ausgeglichen zu fühlen.

Gibt es Dinge, die Sie vermissen?
Ja und nein. Mein Beruf war ein Mannschaftssport, in dem ich den Alltag mit dem Betreuerstab und den Spielern teilte. Dieser Aspekt fehlt mir, weil man über die Jahre sehr starke und intensive Beziehungen aufbaut. Heute erlebe ich das auf eine andere Art und Weise, wenn ich zu den Klubs zurückkehre, um den einen oder anderen wiederzusehen. Es ist immer noch genauso viel Leidenschaft und Freundschaft vorhanden, selbst wenn man sich nicht täglich sieht.

Haben Sie Umschulungspläne? 
Vertraglich habe ich keine Pläne mehr. Ich arbeite ein wenig als Berater für das Fernsehen, helfe Olympiakos im Sponsoring und Marketing, und ich arbeite auch für die UEFA. Und dann gibt es noch meine Stiftung für den Kampf gegen den Krebs, die meinen Namen trägt. Ich weiß darüber gut Bescheid. Es war wichtig für mich, auf meine Weise helfen zu können, auch wenn es ein schwerer Kampf ist.

Welches Ziel verfolgt Ihre Stiftung? 
Das Ziel besteht darin, Mittel zu sammeln, Behandlungen zu finanzieren und das Bewusstsein für die Organspende zu erhöhen. Nicht alle haben Zugang zu einer Sozialversicherung, und die Medikamente sind teuer. Wir wollen den Kindern und Jugendlichen helfen, aber auch ihre Familien unterstützen, indem wir ihnen in den Krankenhäusern mit psychologischer und materieller Unterstützung allen Komfort zukommen lassen.

Nach dem Karriereende kann man zurückblicken und Bilanz ziehen. Worauf sind Sie am meisten stolz?
Das betrifft nicht unbedingt meine Karriere, sondern dass ich versucht habe, auf dem Platz das umzusetzen, was meine Eltern mir mit ihrer Erziehung beigebracht haben. Das hat mir dabei geholfen, mich weiterzuentwickeln und in allen Klubs in den verschiedenen Ländern anzupassen. Letztlich ist es das, was meine Persönlichkeit ausmacht, und nichts anderes. Meine Eltern haben mir beigebracht, respektvoll, höflich und in jeder Hinsicht gut zu sein.

Sie gehören zu den wenigen Franzosen, die beim FC Barcelona Erfolg gehabt haben. Sind Sie von der Leistung von Jeremy Mathieu in dieser Saison überrascht?
Nein, das überrascht mich nicht, denn er ist ein netter und gut erzogener Mensch. Ich kenne ihn gut, und seit er nun bei Barcelona ist, sehen wir uns öfter. Er hat eine normale Laufbahn gehabt und einen Schritt nach dem anderen gemacht. Er hat von Valencia nach Barcelona eine weitere Hürde genommen. Es war sein Ziel, bei einem großen Klub zu spielen und sich in der Nationalmannschaft durchzusetzen. Ich denke, er ist nicht mehr weit davon entfernt. Er ist ein vielseitiger Spieler, das ist für einen Trainer immer sehr nützlich.

Sie haben bei Barça so manchen Spieler kommen und gehen sehen. Wie schätzen Sie angesichts dessen, was Sie selbst schon erlebt haben, das Wahnsinns-Trio Messi-Suarez-Neymar ein?
In den sechs Jahren, die ich dort war, konnte ich sehen, dass der Klub immer versucht hat, ein hochklassiges Angreifertrio zu haben, in dem jeder am Ende gute Statistiken vorweisen kann. Die Schwierigkeit besteht darin, drei Spieler auf diesem Niveau zu finden, die harmonieren können. Ich freue mich heute für sie, weil sie es sehr gut machen, und sie versetzen alle Abwehrreihen in Europa in Angst und Schrecken. Alle drei sind verschieden, doch auf seine Weise erledigt jeder seinen Job für die Mannschaft.

Sie haben im Laufe Ihrer Karriere mit zahllosen Stürmern gespielt. Wer hat sie aus Verteidigersicht im Training am meisten beeindruckt?
Im Training hat man selten die Möglichkeit, echte Elf-gegen-Elf-Situationen zu erleben. Es sind eher kleine Spiele auf 30 Metern, in denen öfter geschossen als gedribbelt wird. Für mich bleibt Messi der Beste. Ich habe mit Zidane, Henry, Anelka zusammen trainiert. Jeder war mit seinen Qualitäten einzigartig, doch sie waren alle sehr schwer zu bewachen und zu decken. Das hat mir dabei geholfen, mich auf der Position des Verteidigers weiterzuentwickeln und durchzusetzen.

Wie sehen Sie die Entwicklung Messis in dieser Saison?
Leo verfügt über sehr viel Spielintelligenz. Er hat sehr jung in Barcelona angefangen und in jeder Saison eine neue Stufe erreicht. Er bleibt ein wahrer Torjäger und ist gleichzeitig ein kompletter Spieler, der in der Lage ist, aus dem Mittelfeld zu kommen und den Unterschied zu machen. Oder er legt einen Sololauf über 40 Meter hin, um den letzten Pass zu geben oder selbst abzuschließen. Für mich ist und bleibt er die Nummer eins.

Sprechen wir ein wenig über die französische Nationalmannschaft. Patrice Evra hat kürzlich geäußert, dass "der Alte kein bisschen nachlassen wird" und diejenigen, die ihm seinen Platz als Linksverteidiger nehmen wollen, "aufwachen" müssen. Welchen Rat würden Sie Gael Clichy, Lucas Digne, Benoit Trémoulinas oder Layvin Kurzawa geben, um ihn zu verdrängen?
[Lacht] Ich muss ihnen keine Ratschläge geben, denn ich denke, dass die Wachablösung von ganz alleine kommen wird. Es ist gut, dass er so spricht, dass kann den Jungen gut tun. Es kann sie anspornen, ihr Spielniveau noch mehr zu steigern, um auf ordentliche Weise seine Nachfolge anzutreten.

Der moderne Fussball verlangt den Außenverteidigern sehr viel ab. Man darf niemanden durchlassen und muss gleichzeitig viel zum Angriff beitragen. Finden Sie nicht, dass es eine undankbare Position ist?
[Lacht] Nein, undankbar nicht. Wenn sie alle Außenverteidiger fragen würden, ob sie gerne auf dieser Position spielen, würden alle bejahen. Früher war ein Verteidiger zum Verteidigen da. Seit einigen Jahren muss er auch in der Lage sein, nach vorne zu gehen und Vorstöße zu machen, um auch beim Abschluss da zu sein. Es ist spannend, Verteidiger zu sein, und am Ende der Saison die Statistiken eines Mittelfeldspielers zu haben. Physisch muss man gut vorbereitet sein und man darf nicht aus dem Blick verlieren, dass die Defensive Vorrang hat.

Wer ist Ihrer Meinung nach heute der beste Außenverteidiger der Welt?
Ich würde Philipp Lahm von Bayern München nennen. Er ist vielseitig einsetzbar, kann rechts, links oder im Mittelfeld spielen. Als Linksverteidiger sind David Alaba, Jordi Alba oder Kurzawa sehr stark. Doch für mich ist Philipp Lahm der kompletteste Spieler.