Fast 7.000 Kilometer liegen zwischen Bad Homburg und Kabul. Für Slaven Skeledzic bedeutet der lange Weg von der idyllischen Kleinstadt vor den Toren der deutschen Bankenmetropole Frankfurt in die Hauptstadt des kriegsgeplagten Afghanistan nicht etwa die Reise von einer heilen Welt in das ungewisse Gegenteil. Für den 43-jährigen Deutschen mit bosnischen Wurzeln ist sie weit mehr als das. "Ich freue mich auf meine Aufgabe. Ich will etwas bewegen. Ich will den Menschen dort wieder ein Lächeln schenken", sagt er. Seine Gesichtszüge signalisieren dabei Entschlossenheit. Seine Augen funkeln.

Skeledzic steht die bisher größte Herausforderung seines Lebens bevor. Vor zwei Wochen wurde er auf einer Pressekonferenz in Kabul als neuer Nationaltrainer Afghanistans vorgestellt. Der erfahrene Fussball-Lehrer begeisterte die Offiziellen ebenso wie die Fans und die Medien im Land des 144. der FIFA/Coca-Cola-Weltrangliste mit seinem Tatendrang. Schritt für Schritt wolle er in der Entwicklungsarbeit vorankommen und mit seiner Auswahl sportlich für Furore sorgen. Doch im FIFA.com-Gespräch sagt er auch: "Meine Erfahrungen werden mir helfen, mich besser in die Menschen hineinzuversetzen."

Offen für eine andere Kultur
Der neue Hoffnungsträger des afghanischen Fussballs weiß, wovon er spricht. Im zarten Alter von vier Jahren verließ Skeledzic gemeinsam mit seinen Eltern seine im heutigen Bosnien-Herzegowina liegende Geburtsstadt Vareš. Man wollte sich in der Metropolregion Frankfurt eine Zukunft aufbauen. "Ich habe den Krieg in Bosnien zwar nicht hautnah miterlebt, aber viele unserer Verwandten machten als Flüchtlinge auf ihrem Weg Zwischenstation bei uns zuhause. Diese Zeit prägte mich. Ich wollte helfen", erinnert er sich. Dann nippt er an seinem Tee und fügt entschlossen hinzu: "Nun kann ich auf andere Weise in einer anderen Region helfen. Dank des Fussballs, denn er ist das Instrument, das die Herzen erreicht und die Menschen stolz macht."

Es ist die Leidenschaft, die Skeledzic und den afghanischen Fussball so gut zusammenpassen lassen. Sechs Millionen Menschen sollen auf den Straßen Kabuls eine ganze Nacht lang gefeiert haben, als man 2013 völlig überraschend die Südostasien-Meisterschaft gewann. "Ich habe dort bei meinem ersten Besuch eine unglaubliche Warmherzigkeit gespürt. Jeder ist sehr bemüht, den anderen zu respektieren. Ich werde alles daran setzen, authentisch zu bleiben und mit meiner Offenheit auf die Menschen zuzugehen", so der Trainer. "Ich glaube, wenn man in einem neuen Land etwas bewegen möchte, muss man die dortige Kultur annehmen und mit in die Arbeit einfließen lassen. Mein Ziel ist es, diese Aspekte mit Impulsen zu vermischen, die mich in Deutschland geprägt haben, und europäischen Fussball spielen zu lassen. Dieser Mix wird uns zu mehr Professionaliät und langfristig zu Erfolgen führen."

Auf der Suche nach dem Kollektiv
Skeledzic freut sich schon darauf, Anfang März mit seinem erweiterten Kader erstmals in Kabul zu arbeiten, während er parallel die Junioren-Nationaltrainer in Schulungen auf seine Philosophie der Trainingsgestaltung einstimmt. "Entscheidend wird sein, dass wir uns fragen: 'Was wollen wir?' Es funktioniert nur, wenn wir alle gemeinsam in eine Richtung laufen."

Dabei hat der gelernte Speditionskaufmann, der seit mehr als zehn Jahren über die höchstmögliche Trainerlizenz verfügt, bereits präzise Vorstellungen. "Ich erwarte Spieler, die technisch begabt sind. Ich möchte daher zunächst mein Augenmerk auf meine Spielphilosophie, die Taktik, die Fitness und die Identifikation legen. Für mich ist wichtig, dass wir relativ schnell eine Philosophie finden. Eine gewisse Struktur auf und außerhalb des Feldes. Und dann werden wir nach Qualität und nach Lernwilligkeit beurteilen. Ich brauche eine Mannschaft, bei der jeder bereit ist, sich in die Gemeinschaft einzufügen."

"Wir sind voneinander überzeugt"
Eine Schlüsselposition nimmt dabei Co-Trainer Ali Askar Lali ein. Der 57-Jährige absolvierte in den 70er Jahren 25 Länderspiele für Afghanistan, lebt seit 1981 in Deutschland und wird für Skeledzic nicht nur sprachlich eine wertvolle Hilfe sein. Gemeinsam wolle man in den nächsten Monaten einige Freundschaftsspiele absolvieren und mehrere Trainingslager in Dubai und Deutschland abhalten, um das erste große Ziel anzugehen. Am 11. Juni startet die Asien-Qualifikation für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2018™. Skeledzic: "Ich bin natürlich Realist und weiß, dass der Weg nach Russland für uns wahrscheinlich noch eine Nummer zu groß sein wird. Aber im Fussball ist wichtig, das man sich nicht vor Träumen fürchtet."

In Kabul ist man stolz, erneut auf einen Nationaltrainer aus dem Land des amtierenden Weltmeisters verweisen zu dürfen, nachdem Klaus Stärk und zuletzt übergangsweise auch Erich Rutemöller bereits die sportliche Leitung inne hatten. "Ich wurde von den Afghanen kontaktiert, und wir haben schnell gemerkt, dass wir voneinander absolut überzeugt sind", berichtet Skeledzic, dem die Vorfreude auf sein neues Abenteuer deutlich anzumerken ist. Es geht voran bei den Löwen, wie sie von ihren Anhängern liebevoll genannt werden. Auch weil in den letzten 15 Jahren mithilfe zweier Goal-Projekte der FIFA ein neues Headquarter und zwei neue Trainingsplätze gebaut wurden.

Zwischen Kabul und Mitteleuropa
Und wie sieht der Alltag in Skeledzics neuem Job aus? "Wenn ich nicht in Afghanistan bin, werde ich sehr viel reisen, beobachten und Gespräche führen. Sie würden nicht glauben, wie viele talentierte afghanische Fussballer es in Mitteleuropa gibt", so der erfolgreiche Juniorentrainer und Nachwuchskoordinator, der in den letzten 15 Jahre für Eintracht Frankfurt, Hansa Rostock, Hannover 96 und den FSV Frankfurt arbeitete. "Drei afghanische Talente habe ich bei der Eintracht selbst mit ausgebildet. Wenn wir es schaffen, die besten jungen Afghanen aus allen Ecken des Globus zu begeistern und mit den Topspielern aus der einiheimischen Liga zu vereinen, bin ich zuversichtlich, dass wir ein starkes Kollektiv mit einer intakten Hierarchie bauen können."

Das neue Leben des mutigen Fussball-Lehrers klingt ebenso spannend wie abwechslungsreich. Trotz sportlichem Ehrgeiz will Skeledzic jedoch das Menschliche niemals aus dem Fokus verlieren. "Ich habe nun die Chance, etwas zu tun, wovon ich immer geträumt habe. Auf dem Weg dorthin haben mich meine gesamte Familie und meine Lebensgefährtin Anke Schulz immer unterstützt. Dafür kann ich ihnen ebenso wie dem afghanischen Verband für dessen Vertrauen in mich gar nicht oft genug danken." Man sollte aufmerksam verfolgen, für wieviele lächelnde Gesichter diese außergewöhnliche und vielversprechende Mischung aus Warmherzigkeit, Entschlossenheit und Disziplin in Afghanistan sorgen wird.