Gemütlich sitzt Mansur Faqiryar in einem Restaurant in Oldenburg (Deutschland), genießt seine Ruhe und geht anschließend unbehelligt durch die Innenstadt – ein solches Szenario ist keineswegs etwas Besonderes. Viel interessanter ist die Tatsache, dass der afghanische Nationaltorhüter in seinem Heimatland so etwas wohl nie mehr erleben wird.

Denn der 1987 mit seinen Eltern nach Deutschland geflüchtete Schlussmann stieg im vergangenen Sommer zum Nationalhelden auf, als er mit Afghanistan bei der Südasienmeisterschaft 2013 sensationell den Titel holte. "Es ist einfach ein Fussball-Märchen. Eine bessere Holywood-Story könnte man nicht schreiben. Betrachtet man alle Puzzle-Teile, sieht es so aus, als ob alles vorherbestimmt ist. Ich als gläubiger Mensch glaube daran", beschreibt Faqiryar im exklusiven FIFA.com-Interview die letzten Monate.

Seit diesem Titelgewinn hat sich viel verändert. Staatspräsident Hamid Karsai rief den Tag des Finalsieges als Nationalfeiertag aus, und die Mannschaft wurde bei der Ankunft in der Heimat frenetisch als Helden gefeiert. 40.000 Zuschauer bejubelten im Ghazi-Stadion von Kabul ihre neu entdeckten Stars. Schon der Weg dorthin geriet zum Triumphzug. "Das sind Momente, die erlebt man nicht oft", erinnert sich Faqiryar gerne zurück, auch wenn er mit dem Begriff Held wenig anfangen kann. "Einen Helden definiere ich anders."

Zwischen Studium und Fussballplatz

Normalerweise streift sich der 28-Jährige die Handschuhe für den Regionalligisten VfB Oldenburg über, bei dem er auch als Mannschaftskapitän fungiert, und spielt vor wenigen Tausend Zuschauern. Nebenbei studiert er in Bremen Wirtschafts-Ingenieurwesen und schreibt an seiner Abschlussarbeit. Die allerdings hat er nach dem Triumph zurückgestellt.

"Ich war in den letzten Monaten sehr oft in Afghanistan, da ich nun eine gewisse Verantwortung den jungen Leuten und Kindern gegenüber habe. Ich habe gesehen, was der Fussball bewegen kann und gemerkt, dass die Bedingungen für die jungen Menschen einfach nicht da sind, um Fussball zu lernen und zu spielen. Daher ist es mein Ziel, eine Fussballschule in Kabul aufzubauen."

Der in der Hauptstadt geborene Torhüter will etwas bewegen, in dem Land, dass in den vergangenen Jahren krisengeschüttelt arg gebeutelt wurde. Der Sieg bei der Südasienmeisterschaft war ein erster Schritt.  Als Außenseiter waren die Löwen von Khurasan nach Nepal gereist, doch von Spiel zu Spiel steigerte sich die Euphorie  in der Heimat. "Es ging los vor dem Halbfinale. Niemand hatte damit gerechnet, dass wir Nepal zu Hause schlagen können. Der nepalesische Staatspräsident war im ausverkauften Stadion da. Nach unserem Sieg hat unser Staatspräsident unseren Trainer angerufen. Da haben wir schon gemerkt, dass die Aufmerksamkeit immer größer wird."

Alle wollen Tore schießen
Faqiryar selbst wurde zum Sinnbild des Erfolgs, als er in jenem Halbfinale gleich zwei Elfmeter innerhalb weniger Sekunden parierte [Anm.d.Red.: Der erste Versuch musste wiederholt werden]. Am Ende des Turniers wurde er zum besten Spieler gewählt.

"Das ist schon verwunderlich, denn gerade in Ländern wie Afghanistan spielt man Fussball, um Tore zu schießen. Da wollen alle Stürmer sein. Dass dann da ein Torhüter herausragt, ist schmeichelhaft. Ich habe aber auch nur meinen Beitrag dazu geleistet. Die  beiden gehaltenen Elfmeter waren sicherlich das Highlight, die Sternstunde."

Doch die Euphorie wurde mit dem Titelgewinn noch einmal ins Unermessliche gesteigert. "Am Abend nach dem Sieg saßen wir im Hotel und haben gesehen, was in Afghanistan los war. Dass alle Menschen auf den Straßen getanzt haben. Das war so ein erster 'Wow'-Moment. Als wir dann aus dem Flieger stiegen und uns die wichtigsten Funktionäre des Landes begrüßten und die hunderttausenden Menschen uns in den Straßen gefeiert und uns den ganzen Weg bis zum Stadion begleitet haben. Wir haben für eine zehnminütige Fahrt über zwei Stunden gebraucht. Es war Wahnsinn."

Hoffnungen und Erwartungen sind geweckt

"Ich habe aber noch viele Kontakte nach Afghanistan und in Gesprächen mit Politikern, Unternehmern oder einfachen Menschen, die sich gerne an diesen Tag zurückerinnern, habe ich gemerkt, wie wichtig dieser Erfolg für das Land war. Dies hat den Menschen ein aufwertendes Gefühl gegeben. Die Menschen haben ein Selbstbewusstsein, einen Stolz für ihre Nation entwickelt. Zum ersten Mal haben sich alle als Afghanen gesehen. Die ganzen Probleme, die in dem Land herrschen, insbesondere die der ganzen ethnischen Gruppen. Das wurde alles über einen Haufen geworfen und zum ersten Mal haben alle für Afghanistan gejubelt. Es ist eine Art Aufbruchstimmung im Land zu spüren."

Die Zeiten, in denen er sowohl in Deutschland als auch in Afghanistan unbehelligt ins Restaraunt gehen oder durch die Geschäfte bummeln konnte, sind zumindest in Afghanistan vorbei – ein Opfer, das Faqiryar gerne bringt. "Es zeigt, wie vielfältig das Leben sein kann. Ich liebe es hier, in Deutschland zu sein und habe kein Problem damit, wenn mich keiner erkennt. Es ist aber auch schön, in Afghanistan zu sein. Wenn mich jemand erkennt, dann verbinden die Menschen etwas Positives damit. Das ist mir wichtig."

Was die Zukunft für den Fussball in Afghanistan bringen wird, ist ungewiss. "Es entwickelt sich langsam. Man darf jetzt keine Ziele formulieren, die den Menschen nicht gerecht werden und die utopisch sind. Von der Mentalität sind sie eher südländisch, sehr emotional, mit 100 Prozent Leidenschaft und Engagement. Das ist hilfreich, wenn man neue Sachen angehen will. Das kann dazu führen, dass es schnell vorangeht, aber das heißt nicht, dass es am Ende auch erfolgreich sein muss. Ich glaube schon, dass wir uns fussballerisch weiterentwickelt haben und noch weiterentwickeln, aber wir sollten keine Hoffnungen schüren, die nicht realisierbar sind."

Immerhin: Der Erfolg im vergangenen Herbst hat Hoffnungen und Erwartungen geweckt und das ist zweifelsohne schon mehr als sich das Land vor wenigen Monaten noch erträumt hatte.