Interview

Kaká: "Ein Beispiel an Deutschland nehmen"

(FIFA.com)
Kaka of Sao Paulo in action during the match between Sao Paulo and Sport Recife
© Getty Images

Kaká wusste bereits in sehr jungen Jahren zu beeindrucken. Mittlerweile ist der Spieler mit dem jungenhaften Gesicht 32 Jahre alt und gehört zu den ganz großen Routiniers. Zudem ist er ein beliebter Gesprächspartner.

Nach über 18 Monaten wurde der frühere FIFA Weltfussballer vom neuen Nationaltrainer Carlos Dunga an diesem Freitag wieder in den Kader der brasilianischen Nationalmannschaft nachnominiert. Der Mittelfeldmann soll den verletzten Ricardo Goulart bei den anstehenden Testspielen gegen Vize-Weltmeister Argentinien (11. Oktober) und Asienmeister Japan (14. Oktober) ersetzen.

FIFA.comsprach kürzlich mit dem Weltmeister von 2002, der bislang 87 Länderspiele absolviert hat, aber bei der Endrunde im eigenen Land in diesem Jahr nicht dabei war, vor dem Training beim FC São Paulo über seine bisherige Karriere, seine neue Rolle und den brasilianischen Fussball nach der FIFA WM 2014™.

Muricy Ramalho, der Trainer von São Paulo, hat viel über den positiven Einfluss gesprochen, den Sie auf die Mannschaft haben. Seinen Angaben zufolge gehören Sie zu denjenigen, die am engagiertesten auftreten und die längsten Laufwege zurücklegen, obwohl sie mittlerweile weltweit große Anerkennung genießen. Gab es in Ihrer Karriere auch jemanden, der eine solche Rolle gespielt hat und wichtig für Sie war?Ich habe mit hervorragenden Spielern zusammengearbeitet, insbesondere bei den großen Klubs. Dort gab es außer dem Mannschaftskapitän immer noch mehrere andere Führungsspieler. Hier möchte ich vor allem [*Gennaro] *Gattuso nennen, denn er war ein Spieler, der immer viel gelaufen ist und sich voll ins Zeug gelegt hat, und zwar unabhängig davon, um welches Spiel es sich handelte, wie der Gegner hieß, ob es ein wichtiges Spiel oder ein Freundschaftsspiel war. Wenn ich also sah, wie Gattuso rannte, war es nur natürlich, zu denken: 'Donnerwetter, wie der läuft! Da muss ich ihn einfach unterstützen.' Das ist ein aktiver Führungsstil, der sich beträchtlich auf eine Mannschaft auswirkt.

Ihr Aufstieg im Fussball war so kometenhaft, dass Sie lange Zeit irgendwie wie ein Nachwuchsspieler behandelt wurden. Kommt es Ihnen merkwürdig vor, dass Sie jetzt die Rolle des Routiniers spielen?Das ist eine neue Phase in meiner Karriere und in meinem Leben als Fussballprofi. Ich glaube, mir ist diese neue Rolle bewusst geworden, als ich nach der WM 2010 zum ersten Mal für die brasilianische Seleção nominiert wurde. Ich kam an und sah all diese Nachwuchsspieler, den Generationswechsel. Einige Spieler sagten zu mir: 'Ich komme aus der Nachwuchsabteilung des FC São Paulo. Du warst mein Idol.' Ich glaube, in diesem Augenblick wurde mir wirklich klar, dass ein neuer Abschnitt begonnen hatte. Aber es ist ein schöner Abschnitt. Ich sehe mich noch heute, wie ich damals mit den Stars am Tisch saß und sie immer wieder bewundernd anschaute. Heute passiert dasselbe, nur dass ich in der Starrolle bin. Manchmal sitze ich mit den anderen Spielern am Tisch und bemerke, wie mich jemand so anschaut. Das ist eine sehr schöne Phase.

Kommen wir einmal auf den brasilianischen Fussball zu sprechen. Nach der 1:7-Niederlage [gegen Deutschland] wird viel darüber gesprochen, was sich hier ändern muss. Wie sehen Sie das?Ich glaube, die Seleção und der brasilianische Fussball sind zwei unterschiedliche Dinge, was Verbesserungen angeht. Die meisten Nationalspieler sind im Ausland aktiv und der Trainer muss anders arbeiten… In der brasilianischen Meisterschaft gibt es allerdings viel Verbesserungsbedarf. Wir haben das spielerische Potenzial, zu den besten Ligen der Welt zu zählen. Der Wettbewerb ist stark, es mangelt allerdings an Organisation, Planung und Umsetzung dieser Planung. Und zwar sollte die Planung nicht ergebnisorientiert, sondern langfristig ausgelegt sein. Es mag sein, dass die Ergebnisse ein oder zwei Jahre lang nicht unseren Erwartungen entsprechen, aber langfristig wirkt sich das aus. Hier können wir uns ein Beispiel an Deutschland nehmen, denn dort plant man seit 2006, seit der WM im eigenen Land, und hat 2014 die Früchte geerntet. Und das kommt nicht von ungefähr: Sie haben dort eine Planung erstellt, diese umgesetzt und die Früchte geerntet.

Sie haben bei der WM 2006 ebenfalls eine Periode erlebt, in der die Seleção in der Kritik stand. Dann waren Sie einer der wenigen, die 2010 unter Dunga erneut bei der Weltmeisterschaft dabei waren. Ist er der richtige Trainer für diesen neuerlichen Umbruch?Dunga ist ein Trainer, der es schafft, die Spieler bei der Umsetzung einer Strategie in die Pflicht zu nehmen. Ich habe vier Jahre lang unter ihm gearbeitet, und anfangs war es nicht einfach. Das lag daran, dass ich schon 2006 dabei gewesen war. Dann saß ich zunächst auf der Bank und musste mir meinen Platz erst wieder erobern. Er hat es immer geschafft, alle in die Pflicht zu nehmen, sogar die Fans in gewisser Hinsicht. Ich glaube, dass Dunga auch jetzt wieder derjenige sein kann, der dafür sorgt, dass alle sich wieder engagieren. Wobei man nicht sagen kann, dass es 2014 an Engagement gemangelt hätte. Da kamen einige Faktoren zusammen. Aber er ist auf jeden Fall einer, der einen sehr positiven Einfluss auf die Seleção haben kann.

Wo wir schon beim Thema sind: Sie haben nie gesagt, dass die Seleção nicht mehr in Ihren Plänen vorkommt. Welche Rolle spielt sie in Ihrem jetzigen Leben?Die brasilianische Nationalmannschaft wird für mich eine Art Bonus sein, in Abhängigkeit von meinen Leistungen auf Vereinsebene. Ich möchte also möglichst regelmäßig zum Einsatz kommen und gute Spiele abliefern. Wenn man dann im Trainerstab der Ansicht sein sollte, dass ich die Kriterien erfülle, dann ist mir eine Berufung in die Seleção willkommen. Sollte man der Ansicht sein, dass ich nicht mehr ins Team passe, dann habe ich das Ziel, hier bei São Paulo regelmäßig zu spielen, gute Leistungen abzuliefern und weiterhin auf hohem Niveau zu spielen.

Haben Sie zu Ihrer Zeit bei Real Madrid jemals daran gedacht, zu den beiden Klubs zurückzukehren, zu denen Sie die engste emotionale Verbindung hatten, nämlich zum AC Mailand und São Paulo?Die Dinge haben sich nach und nach so entwickelt. Anfangs hatte ich natürlich geplant, meinen sechsjährigen Vertrag bei Real Madrid zu erfüllen. Aber dann war die Entwicklung so, dass eines Tages der Moment kam, an dem ich mich für eine Rückkehr nach Mailand entschied, um weiterhin genügend Spielpraxis zu bekommen. Ich dachte mir: 'Ich brauche kontinuierliche Einsätze und muss wieder gut spielen, um die Chance zu wahren, bei der WM 2014 dabei zu sein.' Ich habe das so entschieden, bin zurückgekehrt und wurde trotzdem nicht in die Nationalmannschaft berufen. Dennoch war ich sehr glücklich über meine Wahl, weil ich wieder zum Einsatz kam und gut spielte.

In Kürze steht ein neuer Abschnitt an: der Wechsel zu Orlando City. Welche Rolle hat die private Seite bei dieser Entscheidung gespielt, der Wunsch, in einem anderen Land zu leben?Bei der Entscheidung, in die USA zu wechseln, haben mehrere Faktoren eine Rolle gespielt. Es geht nicht nur darum, in eine Liga zu wechseln, die expandiert. Natürlich fällt die berufliche Seite beim Abwägen ins Gewicht, aber es kommen noch andere Dinge hinzu: in einem Land zu leben, in dem ich noch nie gelebt habe, noch eine neue Kultur kennenzulernen. All dies hat zu der Entscheidung geführt, in dieser Liga zu spielen, die derzeit expandiert. Ich genieße meine Zeit beim FC São Paulo im Augenblick sehr, weil es sehr schön war, hierher zurückzukehren. Später werde ich mir dann Gedanken über diese neue Phase meiner Karriere machen.

Haben Sie schon Pläne für die Zeit nach Ihrer Spielerkarriere? Wollen Sie auf die eine oder andere Weise weiterhin im Fussball tätig sein?Ich habe noch keine Pläne. Im Augenblick habe ich einen Vertrag mit São Paulo, der im Prinzip bis Dezember läuft, danach habe ich noch drei Jahre in den USA vor mir. Weiter habe ich noch nicht geplant. Vieles wird dann von meiner physischen Kondition und meiner Motivation abhängen, wenn es darum geht zu entscheiden, ob ich weiterspielen oder etwas anderes machen will.

Und habe Sie schon eine Vorstellung davon, worum es sich dabei handeln könnte?Wenn man mir sagen würde: 'Kaká, du hörst heute auf zu spielen', dann würde ich keine Tätigkeit direkt auf dem Spielfeld ausüben, wie Trainer oder Assistenztrainer. Ich würde gern etwas machen, was mit Fussball und Verwaltung zu tun hat. Vielleicht eine Managerposition oder etwas Ähnliches. Aber ich kann nicht sagen, wie das in drei oder vier Jahren aussehen wird.

Kennen Sie jemanden, der diese Entscheidung getroffen und bei Ihnen diesen Wunsch geweckt hat?Ich habe gesehen, dass Leo [Leonardo Araújo, von 2008 bis 2009 technischer Direktor beim AC Mailand] das sehr gut gemacht hat. Mit ihm unterhalte ich mich viel und wir haben eine gute Beziehung. Und jemand anders, der dafür gesorgt hat, dass ich viel darüber nachdenke, war [Zinédine]** Zidane. Als er damals im Trainerstab von Carlo Ancelotti anfing, fragte ich ihn: 'Aber warum kehrst du jetzt zurück?' Daraufhin sagte er: 'Weil mir das Spielfeld jetzt einfach gefehlt hat. Als ich aufgehört habe, habe ich es nicht vermisst, auf dem Platz zu stehen, sondern andere Dinge. Ich wollte Zeit mit meiner Familie, meinen Kindern verbringen. Ich war Botschafter des Klubs und habe sporadisch das eine oder andere gemacht, aber ich habe es nicht vermisst, auf dem Spielfeld zu stehen. Erst jetzt hat mir das alles gefehlt. Ich habe eine Ausbildung begonnen, dann bot sich die Möglichkeit mit Ancelotti, und ich habe beschlossen, zurückzukehren.' Ich sehe das so: Ich weiß nicht, was in vier Jahren in meinem Kopf vorgehen wird, ob ich es vermissen werde, auf dem Platz zu stehen, oder ob ich das Ganze hinter mir lassen möchte. Ich lasse das auf mich zukommen.

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