Der ehemalige chinesische Nationaltrainer Xu Genbao ist eigentlich nicht dafür bekannt, mit Komplimenten um sich zu werfen. Im Laufe seiner 44-jährigen Laufbahn als Trainer hat er im bevölkerungsreichsten Land der Welt vermutlich mehr Stars hervorgebracht als jeder andere, doch nur wenige seiner Schützlinge, darunter der ehemalige chinesische Kapitän Fan Zhiyi, wurden vom strengen Übungsleiter mit mehr Lob als Kritik bedacht.

Doch trotz seiner harten Schale zeigt der 69-Jährige bei der bloßen Erwähnung des Namens einer Nachwuchshoffnung seinen weichen Kern. Dieser Star ist Wu Lei, ein 21-Jähriger des Klubs Shanghai SIPG, der sich in seinem Besitz befindet. "Eines Tages wird er der chinesische Maradona sein", betonte Xu immer wieder, seitdem er ihn als 13 Jahre alten Teenager verpflichtet hat.

Und der klein gewachsene Stürmer hat ihn bisher nicht enttäuscht. Wu machte erstmals beim AFC U-14-Boys' Festival 2004 auf sich aufmerksam, als er beim chinesischen Triumph, der unter anderem über die Korea Republik und Japan führte, nicht weniger als sechs Treffer erzielte. Zwei Jahre später avancierte er zum jüngsten chinesischen Spieler, der jemals ein Profispiel bestritt. Im Alter von nur 14 Jahren und zehn Monaten wurde er bei einem Zweitligaspiel von Shanghai gegen Lijiang Dongba eingewechselt.

Doch damit nicht genug. In der Qualifikation für die AFC U-19-Meisterschaft 2010 erzielte er neun Treffer für die chinesische Nationalmannschaft, und auch seine Bilanz auf Vereinsebene kann sich sehen lassen: In der vergangenen Saison war er 17 Mal erfolgreich und hatte somit maßgeblichen Anteil am Aufstieg seiner Mannschaft in die chinesische Super League. Xu, der die Basis für die "Goldene Generation" geschaffen hatte, die auch das Rückgrat der chinesischen WM-Mannschaft von 2002 gebildet hatte, konnte seine Bewunderung nicht zurückhalten: "Wu Lei ist ein Geschenk Gottes."

Ein perfekter Start
Der nur 1,73 Meter große Wu Lei ist einer von jenen klein gewachsenen Talenten, zu denen auch der derzeit beste Spieler der Welt zählt, mit dem ihn Xu bereits vergleicht. Bereits zum Saisonauftakt gegen Guoan Peking im März stellte er seine Erstligatauglichkeit eindrucksvoll unter Beweis. Als seine Mannschaft nach 26 Spielminuten mit 0:2 zurücklag, ließ er die gesamte gegnerische Abwehr stehen und verkürzte aus spitzem Winkel auf 1:2. Obwohl Shanghai diese Partie am Ende mit 1:4 verlor, machte Wu Lei seine Gefährlichkeit deutlich.

"Ich bin ein Spieler, der vor allem seinen Kopf einsetzt", sagte der junge Akteur mit dem Milchgesicht im Gespräch mit FIFA.com. "Ich bin nicht nur äußerst erfolgshungrig sondern habe auch einen ausgeprägten Torriecher. Ich suche immer nach guten Gelegenheiten, und wenn sich eine bietet, versuche ich, mich mit meiner Beweglichkeit und meiner Antrittsschnelligkeit gegen die Abwehrspieler durchzusetzen."

Beim dramatischen 3:3-Unentschieden bei Dalian Aerbin konnte er sich erneut als Torschütze auszeichnen, und auch am vergangenen Sonntag steuerte er beim 2:0-Heimsieg über den Champion von 2007, Changchun Yatai, – dem ersten Dreier seiner Mannschaft in der Super League – ein Tor bei. Mit drei Treffern in vier Spielen liegt er in der Torschützenliste auf Rang drei – ein erstaunlich guter Platz für einen einheimischen Spieler, denn für gewöhnlich dominieren in dieser Statistik die Legionäre.

"Nach unserem Aufstieg habe ich mir das Ziel gesteckt, in meiner ersten Super League-Saison mindestens zehn Tore zu erzielen", sagte Wu. "Die Konkurrenz in der höchsten Spielklasse ist sehr stark, es gibt ungleich mehr Topspieler. Doch angesichts der jüngsten Erfolge im Verein und in der Nationalmannschaft werde ich versuchen, mein Leistungsniveau zu halten."

Der Traum von Europa
Seine Torjägerqualitäten entgingen auch dem ehemaligen Manchester United-Star Ole Gunnar Solskjaer nicht, als dieser ihn bei der Sun Cup Trophy 2013 bewundern konnte, die im vergangenen Januar in Spanien stattfand. Wu Lei erzielte zwei Treffer, als seine Mannschaft mit Siegen über Kopenhagen und den norwegischen Klub Tromsø überraschen konnte, ehe man sich dem von Solskjaer betreuten Team von Molde geschlagen geben musste und somit den Einzug ins Endspiel verpasste.

Nachdem Wu die Fans mit fantastischen Dribblings und Traumtoren begeistert hatte, fragte der ehemalige Stürmer chinesische Journalisten sogar nach dem potenziellen Marktwert der Nummer sieben von Shanghai. "Er ist ein guter Stürmer", sagte Solskjaer. "Wenn er zu Molde wechseln würde, könnte er sich weiterentwickeln und in einem Jahr gut genug für ein Team der englischen Premier League sein."

Ein solcher Transfer sollte jedoch nicht zustande kommen. Xu betonte, dass höchstens ein Team wie der FC Barcelona dieses Wunderkind verdient hätte. Auch wenn es diesmal nicht geklappt hatte, räumte Wu Lei ein, dass er bereits als Kind davon geträumt hatte, eines Tages für einen europäischen Topklub zu spielen. "Sollte ein Verein aus Europa an meine Tür klopfen, würde ich das Angebot natürlich annehmen", betonte er.

Da bereits darüber spekuliert wird, dass er schon bald von José Antonio Camacho in den Kader der chinesischen A-Nationalmannschaft berufen wird, steckte sich der Youngster sogleich hohe Ziele: "Ich möchte nicht nur in die Nationalmannschaft, sondern dem Team auch helfen, sich für die WM 2018 in Russland zu qualifizieren."