FIFA World

"Film ab!" für Amerikanisch-Samoa

(FIFA World)

Ob "Die Stunde des Siegers", "Wie ein wilder Stier", "Cool Runnings" oder "Gegen jede Regel": Hollywood liebt Geschichten aus der Welt des Sports - be­son­ders wenn sie von Außenseitern erzäh­len, die allen Widrigkeiten trotzen und unbeirrt ihren Traum verfolgen. Doch wäh­rend in diesen Spielfilmen die Realität dramatisch in Szene gesetzt wird, gelingt es Dokumentarfilmern nur selten, die Momente, in denen echte Sportgeschichte geschrieben wird, auf ebenso packende Weise einzufangen.

Genau dies geschah jedoch 2011, als der Fussballzwerg Amerikanisch-Samoa in der Auftaktrunde der ozeanischen Qualifikation zur FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2014™ erstmals überhaupt ein offizielles Länderspiel gewann - beobachtet von den Kameras der Londoner Dokumentarfilmer Mike Brett, Steve Jamison und Kristian Brodie.

Während seines Besuchs am FIFA-Sitz in Zürich, bei dem er den so entstandenen Film "Next Goal Wins" ("Das nächste Tor gewinnt") vorstellte, erklärte Regisseur Jamison, wie es dazu kam, dass er sich zu­sammen mit seinen beiden Kollegen im südpazifischen Inselstaat auf die Suche nach dem "wahren Geist" des Fussballs machte.

"Fussballspieler, die eine Niederlage nach der anderen kassieren und dennoch nie auf­geben, müssen den Sport ganz besonders lieben", so Jamison. "Das weckte unsere Neugier …"

Schon wenige Wochen danach trafen Jamison, Brett und Brodie mit einer kleinen Kameracrew in Pago Pago ein, dem beschaulichen Hauptort von Amerikanisch-Samoa. Die Fussballnationalmannschaft des nur gerade 55 000 Einwohner zählenden Landes hatte seit 1994, als sie sich erstmals auf der internationalen Bühne präsentier­te, 30 offizielle Länderspiele in Folge verloren und dabei auch den unrühmlichen Rekord für die höchste Niederlage in einer WM-Qualifikationspartie aller Zeiten aufgestellt: eine 0:31-Klatsche gegen Australien im Jahr 2001. Als die Filmemacher ankamen, stand das Team gerade bei den Pazifikspielen im Einsatz, bei denen es in einer Woche fünf Spiele bestritt und jedes Mal als Verlierer vom Platz ging - ohne dabei auch nur einen einzigen Treffer zu erzielen.

Mit der Zeit erfuhren die Filmer immer mehr über das Team und das Leben auf der Insel und erkannten, dass sich die Probleme des Fussballs auf Amerikanisch-Samoa längst nicht nur auf sportliche Faktoren beschränkten. Die hohe Arbeitslosenrate von fast 25 Prozent zwang viele junge Männer, eine Stelle beim U.S.-Militär oder auf dem amerikanischen Festland anzunehmen. Unter ihnen waren auch Spieler des Nationalteams, die nur einige Male pro Jahr in ihre Heimat zurückkehren konnten, um an Trainings oder Spielen teilzunehmen. Die Herausforde­rungen schienen unüberwindbar.

"Wenn Kinder Fussball spielen, beschließen sie am Ende oft, dass das nächste Tor ge­winnt, und gehen entsprechend noch einmal voll motiviert zur Sache. Genau diese Einstellung versuchen wir in jedem unserer Spiele über 90 Minuten aufrechtzuerhalten - wobei für uns gilt, dass nicht nur das nächste, sondern jedes Tor ein Erfolg ist", erklärt der aktuelle Nationaltrainer Larry Mana'o, der selbst ebenfalls ausgewandert ist und zurzeit in Seattle lebt.

*Neuer Coach, neues Glück *Die Ankunft des Niederländers Thomas Rongen, der die Mannschaft nach den Pazifikspielen übernahm, sollte sowohl für die Spieler als auch für die Filmer zu einem Schlüsselmoment werden.

Wir hatten schon mehrere Monate mit dem Team verbracht, als dieser Wirbelsturm namens Thomas Rongen hereinfegte", erinnert sich Brett. "Durch ihn veränderte sich alles: Die Mannschaft begann, konsequenter und intensiver zu arbeiten, und auch unser Projekt nahm nun richtig Fahrt auf."

Rongen, der zuvor sieben Jahre lang das U-20-Nationalteam der USA betreut hatte, sollte das Team auf das bevorstehende WM-Qualifikationsturnier im benachbarten Samoa vorbereiten und stellte die Ent­schlossenheit, mit der er seine neue Auf­gabe in Angriff nahm, schon bald unter Beweis.

So weigerte sich der überzeugte Atheist zunächst, bei seiner Trainingsplanung die täglich stattfindenden Gottesdienste zu berücksichtigen (98 Prozent der Bevölkerung von Amerikanisch-Samoa sind Christen); zudem beabsichtigte er, die Schlüssel­positionen mit im Ausland wohnhaften Spielern zu besetzen. In der Folge wurde ihm jedoch rasch bewusst, dass an seinem neuen Arbeitsort nicht alles nach seinen Vorstellungen verlaufen würde.

"Eigentlich wollte ich hier alles um­krempeln und zum Beispiel täglich zwei Trainingseinheiten ansetzen, aber das erwies sich als ein Ding der Unmöglichkeit", erzählte der Niederländer mit der Reib­eisenstimme Anfang Februar in einem Telefon-Interview mit FIFA World. "Stattdessen tauchte ich in die Kultur des Landes ein, warf mein ursprüngliches Konzept in den Müll und stellte
ei­nen neuen Trainingsplan auf.

Da allerdings in den wenigen Wochen bis zum Turnier auch das beste Training keine Wunder bewirken konnte, holte ich zusätz­lich vier in den USA lebende Spieler an Bord. Alles für den ersten Sieg - das sahen nach anfänglichen Bedenken auch die einheimischen Spieler so."

Seine wohl kontroverseste Entscheidung war die Rückkehr von Torhüter Nicky Salapu, der 2001 beim 0:31 gegen Australien zwischen den Pfosten stand und, wie im Film zu sehen ist, auch über ein Jahrzehnt danach immer noch mit dieser vernichtenden Niederlage zu kämpfen hatte. Trotzdem wollte ihn der neue Trainer unbedingt dabeihaben.

"Jeder kennt Nicky - schließlich ist dieses Spiel eines der meistgesehenen YouTube-Videos überhaupt", so Rongen. "Ich rief ihn an und bat ihn, zurückzukommen und sich seinen Dämonen zu stellen. Zwar wusste ich nicht, ob er imstande sein würde, sich im Vergleich zu vor zehn Jahren zu verbessern, aber ich brauchte jemanden im Team, der sich erwiesenermaßen auch von so einem Tiefschlag nicht entmutigen ließ. Wenn das Training nicht gut lief, musste ich die anderen Spieler nur daran erinnern, was Nicky durchgemacht hatte; wenn er trotzdem noch an den Erfolg glaubte und alles dafür gab, dann konnte das der Rest des Teams auch."

*Das dritte Geschlecht *"Next Goal Wins" handelt jedoch nicht nur von den überraschenden Fortschritten, die das Team unter Rongen machte. Eine der Hauptfiguren des Films ist Johnny bzw. "Jaiyah" Saelua - eine "Fa'afafine", wie die Angehörigen eines in der samoanischen Kultur verwurzelten dritten Geschlechts bezeichnet werden. Saelua, die biologisch ein Mann ist, aber rund um die Uhr als Frau lebt, entwickelte sich zu einer zentra­len Stütze des Teams und hat auch neben dem Platz eine wichtige Funktion, wie Rongen im Film betont: "Jaiyah ist ein großartiges Symbol für die Integrations­kraft des Fussballs und eine sehr inspirie­rende Persönlichkeit."

Saelua, trotz ihrer erst 24 Jahre schon seit einem Jahrzehnt Mitglied des National­teams, dürfte der erste Transgender sein, der jemals ein WM-Qualifikationsspiel bestritt - auch wenn es, wie sie sagt, auf Amerikanisch-Samoa viele Fussball spielende Fa'afafine gibt.

"Ich bin Verteidigerin, wie die meisten Fa'afafine. Wir rennen vielleicht wie Mädchen, aber das ist auch der einzige Unter­schied. Sobald ich auf dem Feld stehe, sind mir Geschlechterfragen egal. Ich bin dann einfach ein Fussballspieler - keine Frau, kein Mann, keine Fa'afafine und kein Trans­gender, sondern einfach ein Sportler, der gewinnen will."

Dass sie die Vorbereitung auf die WM-Qualifikation unter einem neuen Trainer absolvieren sollte, bereitete ihr zunächst einiges Unbehagen: "Anfangs verhielt ich mich auf und neben dem Platz so männlich wie möglich, weil ich wusste, was die meisten 'Palagi' [Weißen] von Transgen­dern im Sport halten. Unter unseren letzten beiden weißen Trainern kam ich nie zum Einsatz. Aber als mich Thomas fragte, ob ich Jaiyah oder Johnny genannt werden will, war mir klar, dass ich mich vor ihm nicht zu verstellen brauchte."

In der Folge überzeugte sie Rongen rasch von ihren fussballerischen Fähigkeiten und stand im ersten Qualifikationsspiel in Samoas Hauptstadt Apia prompt in der Startelf.

"Natürlich wollte ich das Vertrauen des Trainers nicht enttäuschen und sagte mir: 'Jaiyah, jetzt musst du alles geben!' Das klappte so gut, dass ich auch in den anderen beiden Partien durchspielte, obwohl ich mit kleineren Verletzungen zu kämpfen hatte. Das Spiel gegen Tonga werde ich nie vergessen: Bei unserem ersten Sieg spielte ich zum ersten Mal von Anfang an und über die vollen 90 Minuten, wurde erstmals zum besten Spieler der Partie gewählt und gab meine erste Torvorlage. Ich war extrem stolz auf mich."

*Der historische Sieg *Ramin Ott und der erst 17-jährige Shalom Luani schossen die Tore zum 2:1 gegen Tonga und sorgten so dafür, dass an diesem 22. November 2011 die ewig lange Nieder­lagenserie von Amerikanisch-Samoa endlich ein Ende nahm.

Seine großartige Leistung bestätigte das Team zwei Tage danach mit einem 1:1 gegen die Cook-Inseln und wahrte sich damit sogar noch die Chance, in die nächste Qualifi­kationsrunde vorzustoßen. Obwohl dann aber die entscheidende Partie gegen Samoa durch ein Tor in der 89. Minute knapp mit 0:1 verloren ging, konnten die Spieler den Platz erhobenen Hauptes verlassen.

"Wir haben Amateurfussball vom Fein­s­ten gezeigt", so Rongens Bilanz. "Beson­ders freue ich mich für unseren Torhüter Nicky, der das Trauma des 0:31 gegen Australien nun endlich überwinden konnte. Nach dem Spiel gegen Tonga weinte er und sagte: 'Nun kann ich meinen Kindern sagen, dass ich ein Gewinner bin.' Dieser Moment war für mich noch schöner als der Sieg."

Durch seine starken Auftritte beim Quali­fikationsturnier gab Amerikanisch-Samoa nicht nur die rote Laterne in der FIFA/Coca-Cola-Weltrangliste ab, sondern bescherte den Machern von "Next Goal Wins" auch ein unerwartetes Happy End für ihren Film, der im Vorfeld der FIFA Fussball-Weltmeister­schaft 2014™ erscheinen soll.

Dass die Erfolgsgeschichte von Amerika­nisch-Samoa eine Fortsetzung findet, hoffen auch die Londoner Dokumentarfilmer, die einen Teil der Einnahmen für die weitere Förderung des Fussballs auf der Insel spenden wollen.

*Vorfreude auf die Premiere *Während Steve Jamison, Mike Brett und Kristian Brodie das letzte Jahr damit verbrachten, 300 Stunden Filmmaterial zu sichten und zusammenzuschneiden, hatten die Spieler sowie Trainer Thomas Rongen Zeit, auf die außergewöhnliche Erfahrung, im Fokus eines Dokumentarfilms zu stehen, zurückzublicken. Bereits im Vorfeld des Projekts hatten Rongen und die Filmemacher vereinbart, die Dreharbeiten abzubrechen, falls sie die Konzentration der Spieler stören würden.

"Hätten sich die Spieler vor den Kameras wie Stars aufgeführt, hätte ich ihnen gesagt: 'Jungs, hört auf, ihr schadet damit dem Team.' Doch dies war nie der Fall, und deshalb glaube ich auch, dass der Film die Realität sehr gut wiedergeben wird", betont Rongen. "Mike, Steve und Kristian haben viel Zeit, Geld und Leidenschaft in dieses Projekt investiert, was höchsten Respekt verdient. Ihre Hingabe und ihr Engagement waren wirklich bewundernswert."

Durch Rongens erfolgreiche Arbeit auf Amerikanisch-Samoa wurde der FC Toronto auf ihn aufmerksam und verpflichtete ihn als Leiter seiner Fussballakademie. Nichtsdestotrotz steht er immer noch in engem Kontakt mit seinem ehemaligen Team, hält sich - wie die Spieler auch - über die Neuigkeiten rund um die Fertigstellung und den geplanten Start von "Next Goal Wins" auf dem Laufenden und freut sich jetzt schon auf das Wiedersehen bei der Premiere des Films.

Natürlich hoffen alle Beteiligten, dass der Film dazu beitragen wird, das Fussballfieber, das der Sieg gegen Tonga auf der südpazifischen Insel ausgelöst hat, noch weiter anzuheizen. Der Fussballverband von Amerikanisch-Samoa hat festgestellt, dass sich seither deutlich mehr Kinder für die Teilnahme an Fussballschulen und Trainingslagern interessieren, und will alles tun, um von der momentan herrschenden Begeisterung auch langfristig zu profitieren.

"Durch 'Next Goal Wins' kommen unsere Landsleute hoffentlich auf die Idee, dass sie ihre Kinder statt zum American Football auch zum Fussball schicken könnten", sagt Jaiyah Saelua stellvertretend für das ganze Team. "Ich bin sicher, dass die Zuschauer spüren werden, wie sehr wir unseren Sport lieben. Wir mögen zwar eines der schlechtesten Teams der Welt sein, aber punkto Einsatz und Leidenschaft brauchen wir uns auch vor Topnationen wie Brasilien oder Spanien nicht zu verstecken!"

*Endlich ein Sieg! *Wie steinig der Weg zum ersten Sieg für Amerikanisch-Samoa war, zeigt der Blick auf einige statistische Werte:

*30 - *Niederlagen in Folge seit dem internationalen Debüt des Teams

*31:0 - *Rekordniederlage gegen Australien (WM-Qualifikation, April 2001)

*129:2 - *Torverhältnis bis zum Beginn der Qualifikation zur FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2014™

*1 - *Länderspielsieg (2:1 gegen Tonga im ersten Spiel der WM-Qualifikation 2014)

*1 - *Unentschieden in Länderspielen (1:1 gegen die Cook-Inseln zwei Tage danach)

*1:0 - *Endstand bei der Niederlage gegen Samoa, durch die das Team den Einzug in die nächste Runde nur knapp verpasste

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