Es war einer dieser Momente, die wie in Zeitlupe ablaufen. Als der Ball am gegnerischen Sechzehner den Fuß von Sandjar Ahmadi verließ, fieberte ein ganzes Land mit und wünschte sich im Stadion oder vor dem Fernseher mit weit aufgerissenen Augen, dass das Runde seinen Weg ins Eckige findet. Als die Kugel knapp unter der Latte das Netz zum Wackeln brachte, gab es nicht nur für Afghanistans Nummer elf kein Halten mehr, sondern eine ganze Nation wurde vom Fussballfieber gepackt.

Nach dem 2:0-Erfolg über Indien im Finale der Südasienmeisterschaft rief Präsident Hamid Karsai einen Nationalfeiertag aus. Doch es wäre vielleicht gar nicht so weit gekommen, wenn der spätere Torheld nicht schon im Voraus des Turniers eine mutige Entscheidung getroffen hätte.

Ahmadi hatte gerade einen Ausbildungsplatz in Hamburg angenommen und war erst ein paar Wochen im Job. Als eine Anfrage der afghanischen Nationalmannschaft ins Haus trudelte, siegte erst die Vernunft über die Leidenschaft und er entschied sich gegen den Sport. Allerdings konnte sich der Vollblutfussballer, der seit seiner Kindheit immer nur das Ziel hatte Profisportler zu werden, nie so richtig mit dem Entschluss, nicht für sein Land aufzulaufen, anfreunden. Kurz vor dem ersten Spiel bei der Südasienmeisterschaft im nepalesischen Kathmandu kam dann der Sinneswandel und es folgte eine Entscheidung, die weitreichende Folgen haben sollte: "Zwei Tage vor dem Länderspiel habe ich mich entschieden, trotzdem zur Nationalmannschaft zu reisen, egal was passiert!"

Eine gute Entscheidung
Gesagt, getan – Ahmadi kam gerade noch rechtzeitig am ersten Spieltag an. Was dann geschah, hätte sich der Angreifer vorher wohl noch nicht einmal zu erträumen gewagt. Der 21-Jährige führte den krassen Außenseiter Afghanistan mit Toren im Halbfinale gegen Gastgeber Nepal und im Finale zum Titel – ein Fussballmärchen. Kickte Ahmadi nur wenige Tage zuvor noch auf Hamburgs Amateursportplätzen in der fünften Liga für den TuS Dassendorf vor 500 Zuschauern, wurde er zurück in seinem Heimatland im Ghazi-Nationalstadion von 30.000 frenetischen Fans für das Erringen des größten Erfolgs in der afghanischen Fussballgeschichte gefeiert.

"Als wir den Pokal nach Hause gebracht haben, sind die Leute durchgedreht. Alle haben sich gefreut und die Straßen waren voller Menschenmassen. Tausende haben meinen Namen gerufen, sie wollten einen anfassen oder küssen. Ich konnte nicht ohne Polizei oder ohne Begleitung  alleine auf die Straße", beschreibt Ahmadi, bei dem jetzt sogar regelmäßig Heiratsanträge ins Haus flattern, immer noch völlig überwältigt, den Ausnahmezustand in seinem Heimatland.

Als der neue Volksheld zurück nach Deutschland kam, wurde er allerdings schnell wieder auf den harten Boden der Realität geholt. Ahmadi verlor seine gerade erst angenommene Ausbildungsstelle. Auf der einen Seite war er weiterhin berauscht vom gerade Erlebten, auf der anderen Seite schlichen sich Zukunftsängste hinzu. Wenige Tage später sollte sich die Gefühlswelt aber wieder völlig auf den Kopf stellen. Sein sehenswerter Heber im Finale sowie das goldene Tor im Halbfinale gegen Nepal hatte auch der Mumbai FC aus der ersten indischen Fussballliga registriert und war gewillt, sich die Dienste des Stürmers, der bisher in 18 Einsätzen im Nationaldress acht Treffer erzielte, zu sichern. Da war sie nun also, die so sehr ersehnte Chance, den Schritt in den bezahlten Fussball zu schaffen.

Ein Traum wird wahr
Nach ein paar Einreiseschwierigkeiten - aufgrund von Problemen mit dem Visum - konnte der in Kabul geborene Ahmadi sein Abenteuer I-League beginnen. Als Ahmadi aus dem Flieger stieg, wehte ihm gleich die erste Auffälligkeit um die Nase. "Das Klima ist hier völlig anders als in Deutschland, daran muss ich mich erst noch gewöhnen."

Untergebracht ist er in einer komfortablen Wohnung, die er sich mit seinem Kapitän aus der Nationalmannschaft, Haroon Amiri, teilt. "Dass Haroon hier ist, hilft mir natürlich sehr und hat mich auch bei der nicht leichten Entscheidung nach Indien, so weit weg von der Familie und Zuhause, zu wechseln bestärkt", so die zukünftige Nummer neun des Mumbai FC.

Nach den ersten Trainingseinheiten zeigt sich der Neuzugang glücklich und ist begeistert, wie freundlich ihn alle aufnehmen. Auch wenn der Fussball in Indien im Schatten vom Nationalsport Cricket steht, berichtet Ahmadi: "Der Fussball ist hier nicht wie in Europa, aber es gibt durchaus Spiele, wo die Stadien gut gefüllt sind und ich meinen Traum vom Fussballprofi wirklich ausleben kann."

Und wer weiß, wann die nächste große Entscheidung auf Sandjar Ahmadi zukommt - und ob das Märchen nicht noch weitere spannende Kapitel für ihn bereit hält.