David James zählt zu jenen Profis, die auf eine außergewöhnlich lange Karriere verweisen können. Deren wichtigste Eckdaten sind drei Teilnahmen an der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ - zuletzt in Südafrika 2010 - als Stammtorhüter und fast 1.000 Pflichtspiele als Profi. Eine höchst beeindruckende Bilanz, die den mittlerweile knapp 42-Jährigen zu einem der beständigsten Torhüter Englands der letzten Jahrzehnte machten.

Darüber hinaus ist James ein Kenner seines Fachs, der als TV-Experte überzeugt, zuletzt während der UEFA EURO 2012. Am Rande des kontinentalen Turniers traf sich James zu einem Exklusiv-Interview mit FIFA.com, in dem er über den Turnierauftritt der englischen Nationalmannschaft, die derzeit besten Torhüter der Welt und seine eigene Karriere im britischen Fussball sprach.

David James, wie beurteilen Sie den Auftritt des englischen Nationalteams bei der UEFA EURO 2012?
England hat ein gutes Turnier gespielt. Zum Auftakt gelang uns ein Remis gegen die Franzosen, die zuvor 20 Spiele ohne Niederlage geblieben waren. Danach haben wir gegen Schweden einen sehr wichtigen Sieg eingefahren, und zum Schluss haben wir auch die Ukrainer geschlagen. Da es im letzten Gruppenspiel gegen die gastgebende Mannschaft ging, kommt diesem Erfolg eine besondere Bedeutung zu, weil solche Spiele nie leicht zu gewinnen sind und es zudem um den Einzug ins Viertelfinale ging. Dort sind wir dann leider gegen Italien ausgeschieden, was wiederum überhaupt keine Schande war. Daher konnten wir die Heimreise auch erhobenen Hauptes antreten.

Sie haben über ein Jahrzehnt für die englische Nationalmannschaft zwischen den Pfosten gestanden. Finden Sie, dass die englischen Auswahlteams seitens der Medien und der Fans einem zu hohen Druck ausgesetzt sind?
Ich denke schon. Wenn man als Spieler von einem Fan oder einem Journalisten vor einem Spiel oder einem Turnier gefragt wird, ob man es denn auch gewinnen möchte, bleibt einem doch gar nichts anderes übrig, als 'Ja' zu sagen, weil das in England einfach jeder so will. Im Vorfeld der UEFA EURO 2012 wurde Steven Gerrard gefragt, ob er in der Auftaktpartie gegen Frankreich auch mit einem Unentschieden zufrieden wäre. Als er das bejahte, war ganz England überrascht! Ich glaube, dass er nur ehrlich seine Meinung geäußert hat, und so sollte es meines Erachtens auch sein.

Wie beurteilen Sie als Torhüter die Leistung von Joe Hart bei seinem ersten bedeutenden Turnier als Stammspieler?
Überragend. Wir haben uns jede Menge SMS geschrieben. Daher weiß ich, dass er dieses Turnier sehr genossen hat. Nachdem ich ihn bei der jüngsten Weltmeisterschaft in Aktion gesehen hatte, war ich mir sicher, dass er genügend Qualität besitzt, um Stammtorhüter zu werden. Als man mir sagte, dass ich bei unserem WM-Auftaktspiel nicht in der Startformation stehen würde, dachte ich sofort, dass man Joe Hart den Vorzug gegeben hätte. Am Ende entschied sich Capello jedoch für Robert Green. Was dann passierte, ist ja hinlänglich bekannt. Jedenfalls stellt Joe sein Talent schon seit geraumer Zeit unter Beweis.

Außerdem ist er im internationalen Vergleich ein noch recht junger Torhüter…
Ich glaube nicht, dass das Alter dabei eine entscheidende Rolle spielt. Bei mir war es so, dass ich erst mit 27 Jahren mein Debüt in der A‑Nationalmannschaft feierte und als 31-Jähriger erstmals bei einem großen Turnier im Nationaltrikot zum Einsatz kam, also reichlich spät! Das lag allerdings daran, dass ich mit David Seaman eine englische Torwartlegende als internen Konkurrent vor mir hatte, an dem nur schwer vorbeizukommen war. Joe ist erst 25 Jahre alt und hat schon 20 Länderspieleinsätze auf seinem Konto. Das ist schon mal nicht schlecht für den Anfang. Hinzu kommt, dass die Fans von ihm begeistert sind und ihn zweifellos für den besten Torhüter in England halten.

Glauben Sie, dass damit die Frage nach der Nummer eins im Tor des englischen Nationalteams endgültig geklärt ist?
Wie ich ihn kenne, braucht Joe den Konkurrenzdruck, und der ist auch wichtig. Die Position des Torhüters ist insofern eine besondere, da man als Torwart – solange man sich nicht verletzt oder für längere Zeit ausfällt – in der Regel nur ganz selten seinen Posten als Stammspieler verliert. Um physisch und mental in Bestform zu bleiben, braucht man als Torhüter jemanden, der für genügend Motivationsdruck sorgt. Im Moment ist er klar der Beste. In drei bis vier Jahren könnte dies jedoch zu Problemen führen, sofern bis dahin kein neuer Torhüter auftaucht, mit dem er konkurrieren muss. In dieser Hinsicht vertraue ich voll auf Jack Butland, der bei der jüngsten UEFA EURO Englands Nummer drei im Tor war. Meiner Meinung nach wird er schon bald seine Ansprüche anmelden und sich seine Einsatzchance verdienen wollen!

Und wer ist in Ihren Augen der aktuell beste Torhüter der Welt?
Jahrelang war das für mich Gianluigi Buffon, inzwischen ist es Joe Hart. Ich halte Gianluigi Buffon immer noch für einen herausragenden Torhüter. Nur war er in letzter Zeit eben sehr oft verletzt, dadurch ist er nicht mehr ganz so stark wie früher. Hinzu kommt, dass er auf der Torwartposition in Italien zurzeit keine Konkurrenz befürchten muss. Das Gleiche gilt für Iker Casillas, der einfach alles gewinnt und deshalb auch nicht in Frage gestellt wird. Da interessiert es niemanden, ob er weiterhin der Beste ist oder nicht. Víctor Valdés und Pepe Reina sind auch gute Torhüter. Allerdings kommen beide in der Nationalmannschaft so gut wie nie zum Einsatz, so dass es praktisch unmöglich ist, ihr wahres Leistungsvermögen einzuschätzen. Damit will ich aber keinesfalls sagen, dass Iker Casillas kein guter Torhüter ist. Im Gegenteil! Immerhin ist er Welt- und Europameister und hat bisher über 130 Länderspiele für sein Land bestritten. Das ist schon beeindruckend! Nur ist es eben nicht gerade leicht, die Frage nach dem momentan besten Torhüter an bestimmten Kriterien festzumachen.

Glauben Sie wirklich, dass Joe Hart zum besten Keeper in Europa aufgestiegen ist?
Ich verfolge den europäischen Fussball sehr intensiv und sehe mir viele Spiele an. Und im Moment kann ich keinen Torhüter erkennen, der mich mehr beeindruckt hätte als er. Casillas zum Beispiel glänzt zwar mit spektakulären Reflexen, bei Flanken hat er aber häufig Probleme. Und sein Spiel mit dem Ball am Fuß ist eher durchschnittlich. Buffon zeichnet sich durch exzellente Reaktionen bei der Abwehr von Schüssen aus der mittleren Distanz und durch ein sicheres Stellungsspiel aus. Doch wenn er den Ball mit dem Fuß spielen muss, wirkt er meist weniger souverän. Joe Hart dagegen kann in allen Belangen punkten, daher ist er derzeit auch der vielseitigste von allen.

Kommen wir zu Ihnen. Sie sind jetzt fast 42 Jahre alt, wie sehen Sie Ihre Zukunft?
Die vergangene Saison habe ich bei Bristol City durchgespielt, und ich würde gern noch ein Jahr dranhängen. Zurzeit bereite ich mich gerade darauf vor, die A‑Lizenz für den Trainerschein zu erwerben, um in Zukunft als Trainer tätig zu werden. Aber die ist noch eine Weile hin, denn im Moment bin ich einfach noch nicht bereit, meine aktive Laufbahn zu beenden.

Was treibt Sie um, dass Sie in einem Alter, in dem andere ihre Fussballschuhe längst an den Nagel gehängt haben, immer noch weitermachen?
Der sportliche Anreiz, denn der ist nach wie vor da. Ich habe rund 960 Spiele bestritten und würde gern noch die 1.000 voll machen. Auch würde ich gern noch einmal eine Erstligapartie spielen wollen, vielleicht auch 100 (lacht). Für mich wäre es eine große Freude, noch einmal für einen Klub der Premier League zwischen den Pfosten zu stehen. Aber das ist schwierig, denn dort gibt es 20 Mannschaften und Hunderte Torhüter. Doch wer weiß, vielleicht klappt es ja doch noch irgendwie…

Und danach?
Werde ich als Trainer arbeiten, und mein vorrangiges Ziel dabei wird es sein, die von mir betreute Mannschaft zum Erfolg zu führen. Die größte Herausforderung für die Zeit nach meiner aktiven Karriere sehe ich indes darin, die jungen Spieler bei der Entfaltung ihres ganzen Potenzials gezielt zu unterstützen, damit sie später zu den Besten aufschließen und dann das Niveau möglichst lange halten können. An Arbeit wird es mir also nicht mangeln. Und dazu habe ich bereits zahlreiche Ideen im Hinterkopf, auf deren baldige Umsetzung ich mich schon jetzt freue.