Der Mittelfeldspieler Ahmed Hassan hat im Februar eine beeindruckende Bestmarke gesetzt. Sein 179. Einsatz für Ägypten bedeutet Länderspielrekord bei den Männern. FIFA World hat mit dem Marathonmann über seine Karriere, die Tragödie in Port Said und die Zukunft des Fussballs in Ägypten gesprochen. 

Gratulation zum Länderspielrekord. Wie haben Sie es über all die Jahre geschafft, Ihre Form und Fitness zu halten?
Ich bin sehr stolz auf diesen Rekord, nicht nur für mich selbst, sondern auch für meine Landsleute, weil es für einen Ägypter eine große Leistung ist, internationaler Rekordnationalspieler zu sein. Es war nicht einfach, so oft im Nationalteam zu stehen. Um so weit zu kommen, brauchte es viel Kraft und Ausdauer. Ich habe nie mit so vielen Länderspielen gerechnet, als ich mit dem Fussball anfing. Ich träumte einfach nur davon, ein guter Fussballer zu sein und für Ägypten zu spielen. Mit 19 erhielt ich mein erstes Aufgebot fürs Nationalteam. Ich habe stets versucht, der Nationalmannschaft zur Verfügung zu stehen. Mit den Jahren und vor allem in den letzten drei Jahren haben mich die Leute darauf aufmerksam gemacht, dass ich den internationalen Rekord brechen könnte. Der Rekord wurde so zu einem Ziel von mir. Es dauerte schließlich länger, weil ich mir 2010 eine schwere Knieverletzung zuzog. Zum Glück erholte ich mich sehr schnell und schaffte es doch noch.

Sie haben mit Ägypten schon Höhen und Tiefen erlebt. Nach drei Titeln beim Afrikanischen Nationen-Pokal in Folge scheiterte Ägypten als Titelhalter zuletzt schon in der Qualifikation. Wie sehen Sie die Zukunft des Teams?
Wir haben eine der besten Zeiten im ägyptischen Fussball erlebt. Es ist nach den tollen Leistungen während so vieler Jahre nur natürlich, dass es Rückschläge gibt. Nach all den Erfolgen in den letzten Jahren haben wir unsere Gegner schlicht unterschätzt. Aber wir haben unsere Lektion gelernt, auch wenn wir dafür die harte Tour gehen mussten. Wer immer das Team in Zukunft anführen wird, hat einen harten Job, besonders nach der Absage der Meisterschaft und angesichts der instabilen Lage im Land. Es wird nicht einfach werden.

Am Abend, als Sie den Rekord brachen, sprachen Sie viel von der instabilen Lage in Ägypten und den gemischten Gefühlen, die dieser Rekord so kurz nach der Stadiontragödie im Februar in Port Said in Ihnen auslöse. Wie hat Sie die Tragödie persönlich getroffen?
Sie hat uns alle in der Fussballgemeinde betroffen gemacht. Es ist traurig, wenn der Sport, den wir alle lieben, so viel Leid verursacht, aber hier ging es um Fanatismus. Ich muss sagen, dass auch die Medien eine große Rolle spielten, indem sie die Aggression der Fans anstachelten, statt zu versuchen, die Dinge zu beruhigen. Ich möchte an dieser Stelle den Familien der Fans, die bei dieser Tragödie ihr Leben verloren, mein Beileid aussprechen, und hoffe, dass dies die letzte Tragödie war und der Fussball allen Ägyptern fortan wieder Spaß und Freude bereitet.

Sie haben in Ägypten, der Türkei und Belgien gespielt. Wie haben Sie die Fankultur in diesen Ländern erlebt? Gibt es Unterschiede?
Heute haben in Ägypten alle großen Teams wie Al-Ahly, Zamalek, Ismaily und Al-Masry ihre "Ultras", was toll ist, wenn sie ihr Team in einem vernünftigen und ethischen Rahmen unterstützen. Aber sobald die Grenze überschritten ist und es aggressiv oder gar ein Vehikel für etwas wird, das absolut gar nichts mit dem Fussball zu tun hat, ist es inakzeptabel und kann zu einer Katastrophe führen. Überall auf der Welt unterstützen "Ultras" ihre Klubs über organisierte Fanchöre, was sehr unterhaltsam sein kann. Das wollen wir Spieler auf den Rängen sehen. Wenn sie aber in den Stadien für Gewalt sorgen, können wir das nicht tolerieren.

Nach den Ereignissen in Port Said haben viele Spieler ihren Rücktritt bekanntgegeben. Wie lange braucht der ägyptische Fussball, um sich von dieser Tragödie zu erholen?
Es geht nicht nur um den Fussball. Das gesamte Land leidet unter einem Mangel an Ethik und Sicherheit. Das führt in allen Lebensbereichen zu Problemen. Es braucht einige Zeit, bis die Wunden heilen. Der Fussball wird zweifellos zurückkommen, aber das ganze Land muss aus diesem dunklen Tunnel herausfinden. Stabilität wird es nur geben, wenn alle Mitglieder der Gemeinschaft – ob Spieler, Fans, Schiedsrichter, Journalisten oder Sicherheitsbeamte – ihre Rolle wahrnehmen, sich daran halten und die Rolle der anderen respektieren.

Sind Sie wie viele auch der Meinung, dass die politischen Unruhen im letzten Jahr zur Misere des ägyptischen Fussballs beigetragen haben?
Sie waren sicher ein Faktor, aber nicht der Hauptgrund. Wir sind alle Teil dieses Landes, und alles, was passiert, betrifft uns. Das lenkt uns natürlich ab. Wir können uns nicht einfach auf unsere Aufgabe konzentrieren, wenn es in unserem Land zu solchen Tumulten kommt. Hinzu kam, dass wir lange nicht spielen konnten, weil die Liga für fast vier Monate unterbrochen war. Aber wie gesagt, die Unruhen waren nicht der einzige Grund. Wir waren einfach auch zu selbstsicher geworden und dachten, dass die Qualifikation für den Afrikanischen Nationen-Pokal ein Kinderspiel würde. Als wir nach den ersten beiden Spielen gegen Sierra Leone und Niger merkten, dass das ein Trugschluss war, war es schon zu spät.

Sie sind ein Riesenidol in Ägypten – haben Sie je daran gedacht, in die Politik einzusteigen?
Nein, ich will mit der Politik nichts zu tun haben. Ich bin nur ein Fussballer, und das will ich auch bleiben. Ich wurde schon als Kandidat für die Parlamentswahlen angefragt, aber ich habe kategorisch abgelehnt. Verschiedene Personen haben mich um Unterstützung gebeten, aber auch hier habe ich nein gesagt, weil ich politisch nicht Partei ergreifen und die Meinung der Menschen in keiner Weise beeinflussen will. Die Menschen sollen einen Kandidaten wählen, weil er gute Arbeit geleistet hat und nicht, weil er ihnen von einem bekannten Star empfohlen wurde.

Neuer ägyptischer Trainer ist Bob Bradley, der 2009 beim FIFA Konföderationen-Pokal mit den USA Ägypten eliminiert hat. Was haben Sie für einen Eindruck von ihm? Ist er anders als ägyptische Trainer?
Ich stecke aufgrund ihrer Herkunft weder Trainer noch andere in Schubladen. Ob Ägypter oder Amerikaner, jeder Trainer will mit seinem Team Erfolg haben, weil sein Ruf auf dem Spiel steht. Bradley ist ein großartiger Trainer. Er hat eine Vision. In dieser Zeit ägyptischer Nationaltrainer zu sein, ist ein extrem harter Job. Ich kann mit ihm mitfühlen. Er hat viele neue Spieler und Strategien getestet, was für das Team und die Zukunft des ägyptischen Fussballs gut ist.

Wie stehen Ägyptens Chancen, sich für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien zu qualifizieren?
Es wird hart. In der jetzigen Situation ist es für die Spieler schwierig, in Form zu bleiben und Möglichkeiten zu finden, um sinnvoll zu trainieren und zu spielen. Es ist möglich, wenn wir die Fehler von der Qualifikation für den Afrikanischen Nationen-Pokal 2012 nicht wiederholen. Wir müssen jedes Spiel sehr ernst nehmen, von der ersten Minute an, und dürfen keinen Gegner unterschätzen.

Sie sind einer der wenigen Spieler, die für die beiden Erzrivalen Al-Ahly und Zamalek gespielt haben. Wie war das?
Ich sehe das sehr nüchtern. Das ist mein Job, und die beiden sind die größten Klubs nicht nur in Ägypten, sondern in ganz Afrika. Es war deshalb eine Ehre, für beide zu spielen. Ich hatte nie Probleme mit den Fans von Al-Ahly. Selbst nach meinem Wechsel zu Zamalek wurde ich überraschenderweise von den Al-Ahly-Fans weder ausgebuht noch angefeindet, was alles ziemlich einfach machte und vom respektvollen Verhältnis zeugt, das ich zu allen ägyptischen Fans habe.

Sie sind auch einer der wenigen Ägypter, die in Europa als Profi Erfolg hatten. Wieso hatten andere Spieler in Europa Mühe? Was braucht es, damit ein Ägypter in Europa Erfolg hat?
Die ägyptischen Spieler haben leider noch nicht begriffen, was Profifussball bedeutet und dass es nicht nur um Spaß oder um ein Hobby geht. Die Mentalität der ägyptischen oder arabischen Spieler im Allgemeinen ist ziemlich anders. Sie halten den Fussball noch immer für ein Freizeitvergnügen, nicht wie europäische Spieler, die Fussball leben und atmen und ihr ganzes Leben auf eine Karriere als Profi spieler ausrichten. Wenn Ägypter auch eine solche Professionalität an den Tag legen, werden sie den Durchbruch schaffen, weil wir viele große Talente haben, aber das allein genügt nicht. Die Einstellung ist für die Karriere eines Spielers ebenso wichtig.

Sie hätten länger in Europa bleiben können. Wieso sind Sie zurückgekehrt?
Ich hatte großen Erfolg in der Türkei und Belgien und spielte zehn Jahre in Europa. Richtig, ich hätte länger bleiben können, aber ich war der Meinung, dass ich alles erreicht hatte und es an der Zeit sei, in meine Heimat zurückzukehren, um in Ägypten Titel zu gewinnen und ein Erbe zu hinterlassen. Ich hatte auch persönliche Gründe: Ich wollte, dass meine Kinder in meiner Heimat inmitten unserer Sitten und Traditionen aufwachsen.

Und zum Schluss die unweigerliche Frage: Wann hängen Sie die Fussballschuhe an den Nagel?
Die Zeit meines Abschieds wird kommen, das lässt sich nicht vermeiden. Aber ich habe noch keinen Entschluss gefasst. Ich werde erst zurücktreten, wenn ich spüre, dass ich nicht mehr Fussball spielen kann oder will. Dann werde ich mir neue Ziele setzen, höchstwahrscheinlich als Trainer oder in den Sportmedien.