Sir Alex Ferguson ist einer der erfolgreichsten Trainer in der Geschichte des Weltfussballs. Und zudem einer der langlebigsten: Seit 37 Jahren ist er im Spitzenfussball tätig, und seit einem Vierteljahrhundert leitet er eine der stärksten und anspruchsvollsten Klubmannschaften der Geschichte - dies sagt alles über seine außergewöhnlichen Fähigkeiten.

Hinzu kommt eine unglaubliche Erfolgsbilanz: Der schottische Coach hat bis heute 48 Titel gewonnen und ist damit der erfolgreichste britische Trainer der Geschichte. Zu seinen größten Erfolgen gehören der zweimalige Gewinn der UEFA Champions League, zwölf englische Meisterschaften und fünf FA-Cup-Siege.

Im zweiten Teil des Exklusiv-Interviews mit FIFA.com analysierte Sir Alex Ferguson die Entwicklung des Fussballs in den letzten Jahrzehnten und sprach über seine außergewöhnliche Karriere.

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Sie sind bereits seit 25 Jahren bei Manchester United und damit der dienstälteste Trainer des Klubs - was ist Ihre Erfolgsformel?
Das hat viel mit dem Klub zu tun. Ich habe die Möglichkeit gehabt, langfristiger zu arbeiten und immer die Richtung einzuschlagen, die ich für richtig halte. Ich kann zwei oder drei Jahre im Voraus planen, das ist an anderen Orten selten bis gar nicht möglich. Dies ist eine Ergebnisbranche - wenn ein Trainer vier oder fünf Spiele in Folge verliert, ist sein Job in Gefahr. Doch bei United ist dieses Szenario schlicht nicht möglich. Ich bin für alle sportlichen Angelegenheiten zuständig: das Scouting von Spielern, Jugendmannschaften usw. In dieser Hinsicht kann ich mich glücklich schätzen, denn ich kann schnell entscheiden, welche meine nächsten Verstärkungen sein werden und woher sie kommen.

Vor einigen Jahren war die großartige Nachwuchsarbeit die Basis der Erfolge von Manchester United. Aber heute bringt sie wenige Talente hervor - was ist der Grund dafür?
Dies hängt mit einer Gesetzesänderung zusammen. Vor einigen Jahren wurde die Regelung eingeführt, dass ein junger Spieler nur unter Vertrag genommen werden kann, wenn er höchstens anderthalb Stunden vom Sitz des Vereins entfernt wohnt. Früher war das nicht so, und daher konnten wir diese fantastischen Jungs rekrutieren. Doch da es sich schlicht und ergreifend als unmöglich herausstellte, jedes Jahr sechs oder sieben Spieler in unmittelbarer Nähe zu finden, beschlossen wir, die Priorität auf unser Scouting-System zu setzen. In der Folge begannen die großen Talente, aus dem Ausland zu kommen, und wir waren auf diese Weise erfolgreich. Aber es stimmt: was die eigene Ausbildung betrifft, haben wir schon lange keinen Spieler vom Schlage eines David Beckham hervorgebracht. Vor kurzem hat sich die Gesetzeslage erneut geändert, und es wird wieder wie vor 15 Jahren sein. Ich bin optimistisch, dass wir wie in der Vergangenheit wieder viele Talente produzieren werden.

Wie sind Sie in die Transfers aus dem Ausland involviert?
Nehmen wir den Fall Javier "Chicharito" Hernández als Beispiel. Unser Chefscout kannte jemanden in Mexiko, der den Namen des Jungen erwähnte, und das war der erste Schritt. Er erhielt einige Videos der Spiele von Chivas und zeigte sie mir. Als wir sie sichteten, dachten wir: 'dieser Junge ist vielversprechend'. Doch eine Verpflichtung lässt sich nicht vor dem Bildschirm entscheiden. Also schickte ich meinen Chefscout für einen Monat nach Mexiko, damit er ihn auf dem Feld, aber auch außerhalb erleben sollte. Und so erfuhren wir, dass sein Vater und Großvater bei Weltmeisterschaften gespielt hatten, und dass der Junge kurz vor der Nominierung in die Nationalmannschaft stand. Danach fiel die Wahl natürlich ziemlich leicht. Wir erledigten die nötigen Formalitäten und konnten ihn noch vor Südafrika 2010 gewinnen, was wichtig war, denn sein Marktwert wäre danach gestiegen.

In der ganzen Zeit, die Sie bereits im Fussball tätig sind - haben Sie das Gefühl, dass sich der Sport stark verändert hat?
Enorm. Das sieht man alleine schon daran, dass es vor 37 Jahren, als ich als Trainer anfing, noch keine Spielerberater gab - stellen Sie sich das einmal vor! Es gab keine Vertragsfreiheit, die Spieler waren an ihre Klubs gefesselt. In dieser Hinsicht war die Veränderung unvermeidlich. Doch ich denke, dass das Gewicht sich jetzt komplett auf die andere Seite verlagert hat, und ich bin mir nicht sicher, ob das gut für den Fussball ist. Natürlich hat sich auch die Medienwelt verändert. Es herrscht viel größerer Druck auf den Journalisten, dicke Schlagzeilen zu produzieren. Nicht nur im Sport, sondern generell, und das spiegelt sich zweifellos auch bei uns wieder.

Und in sportlicher Hinsicht? Die Plätze oder Spieler?
Ich denke, die größte Veränderung in den letzten zehn Jahren in dieser Hinsicht ist, dass die Spielfelder viel besser geworden sind. Heute sind sie fantastisch. Angesichts der technischen Fortschritte auf diesem Gebiet ist es sehr unüblich geworden, auf einem schlechten Platz zu spielen. Und die andere große Veränderung ist die Sportwissenschaft, die auf beeindruckende Weise fortgeschritten ist. Als ich bei Manchester United anfing, zum Beispiel, bestand mein kompletter Trainerstab mit Assistenten, Konditionstrainern und Scouts aus acht Personen. Heute habe ich allein zehn Sportwissenschaftler! Ein brutaler Wandel.

Denken Sie, dass der Fussball heute deshalb schneller geworden ist?
Das ist unvermeidlich, der Fortschritt bringt ein höheres Tempo mit sich. Die Autos sind schneller, die Eisenbahn ist schneller, der Alltag ist schneller und auch die Athleten in anderen Sportarten sind schneller. Und nun, bei all dieser Geschwindigkeit, ist es logisch, dass auch der Spielrhythmus im Fussball schneller wird. Und dies hat auch dazu geführt, dass das Risiko, schwere Verletzungen zu erleiden, stark gestiegen ist. Kreuzbandrisse etwa gab es vor 30 Jahren eigentlich gar nicht, heute aber sind sie sehr häufig.

Wenn Sie einen Moment in Ihrer langen und erfolgreichen Karriere hervorheben müssten, welcher wäre das?
Der Sieg bei jenem Champions-League-Finale gegen Bayern München in Barcelona, ohne Frage. Ich hatte diesen Wettbewerb selbst noch nie gewonnen, und das letzte Mal, dass der Klub ihn gewann, war 1968. Es war damals also eine große offene Rechnung. Nicht zu vergessen, dass es natürlich auch ein tolles Spiel war!

Zum Abschluss: Sie hatten schon einmal Ihren Rücktritt erklärt und kehrten zum Fussball zurück. Denken Sie, dass der endgültige Abschied nun näher rückt?
Meine Philosophie ist: solange mir meine Arbeit Spaß macht und ich bei guter Gesundheit bin, mache ich hier weiter. Ich denke, dass man sich keine Grenzen setzen kann, aber auch nicht zu weit im Voraus planen sollte, denn man weiß nie, was morgen passiert. Der Moment wird kommen, das ist klar, doch momentan denke ich nicht daran.