Sanna Nyassi ist weit weg von zu Hause. Für den in Bwiam in Gambias Western River Region geborenen und aufgewachsenen Spieler war es ein langer und harter Weg in den Nordwesten der USA, zur Major League Soccer und zu der Bewunderung, die einem Endspielhelden entgegenschlägt.

"Es war der größte Augenblick in meiner Karriere", erklärt der offensive Mittelfeldspieler in einem Interview mit FIFA.com, nachdem er mit seinen beiden Treffern gegen Columbus Crew zu Beginn des Monats den zweiten US-Open-Cup-Titel in Folge für die Seattle Sounders unter Dach und Fach gebracht hatte. "Wer wäre nicht stolz darauf, zwei Tore in einem Endspiel zu schießen", merkt der 21-Jährige noch an. Das große Talent aus Afrika sorgt mittlerweile nach einem etwas holprigen Start in die MLS für viel Aufsehen.

Nyassi konnte im Jahr 2007 erste Erfahrungen im Fussball auf einem anderen Kontinent sammeln, als Gambia sein Nachwuchssystem umkrempelte und die Qualifikation für die FIFA U-20-Weltmeisterschaft in Kanada schaffte. Als die sogenannten Baby Scorpions in Nordamerika eintrafen, wusste man nur wenig über sie, doch das sollte sich bald ändern. Ihr überraschender Vorstoß ins Achtelfinale offenbarte, dass in dem kleinen Land, das sich noch nie für einen CAF Afrikanischen Nationen-Pokal oder für eine FIFA Fussball-Weltmeisterschaft qualifizieren konnte, eine goldene Generation herangewachsen war.

'Glaub fest an dich'
Doch während Sannas eineiiger Zwillingsbruder Sainey und sein Teamgefährte aus der U-20, Abdoulie Mansally, sofort vom Boss von New England Revolution, dem ehemaligen Liverpool-Star Steve Nicol, unter Vertrag genommen wurden, verlief das Probetraining des 17-jährigen Sanna in den Vororten Bostons weniger erfreulich. "Es hat mich nicht entmutig, dass die Dinge sich nicht gleich so entwickelt haben, wie ich mir das gewünscht hatte", erzählt er, wird aber doch still, wenn er daran denkt, dass er nach seinem Ausflug in die Welt des Profi-Fussballs wieder nach Gambia zurückgeschickt wurde. "Wenn sich eine Tür schließt, geht doch eine andere auf."

Bruder Sainey, der nur einige Augenblicke älter ist, kümmernemte sich sofort um seinen Zwilling und beklagte sich bei seinem Agenten darüber, dass dieses große Talent Tausende von Meilen entfernt im Osten, auf der anderen Seite des Atlantiks, einfach vergeudet wurde. Im nächsten Jahr dann durfte Sanna wiederkommen. Dieses Mal versuchte er sein Glück nicht an der Ost- sondern an der Westküste, mit einem Probetraining bei den Seattle Sounders, einem Verein, den es schon seit 1974 gibt, der jedoch erst 2009 in der MLS aktiv wurde. Dieses Mal wusste er zu beeindrucken und erhielt prompt einen Profi-Vertrag.

"Ich habe einfach weiter hart gearbeitet und immer an mich geglaubt", fügt er hinzu, räumt aber auch ein, dass der Wechsel vom sonnigen Gambia ins regnerische Klima des Staates Washington nicht einfach war: "Das Essen, die Kultur, das Wetter - alles war so anders." Wenn es besonders hart wurde und ihn das Heimweh packte, dann griff er zu seinem Mobiltelefon und rief seinen Bruder, Ratgeber und Verbündeten im fernen Massachusetts an. "Wir haben immer im Wettbewerb miteinander gestanden, womit wir uns immer wieder gegenseitig gepusht haben", erzählt uns Sanna von seinem langjährigen Mannschaftskameraden bei Gambia Ports Authority. "Er gibt mir immer Ratschläge, wie 'Kopf hoch', 'Versuch ein wenig schneller abzuspielen' und 'Glaub fest an dich'."

Große Pläne für Verein und Land
Sanna erklärt, dass es eine komplizierte Sache sei, gegen seinen Zwillingsbruder zu spielen und hofft, dass sie in Zukunft wieder das gleiche Trikot tragen können - wie in ihrer Kindheit. Sannas Ziele sind mittlerweile ganz klar: Erfolg mit den Sounders und weiterhin auf dem Niveau spielen, auf dem er zuletzt fünf Tore in vier Spielen für seinen Verein erzielt hat. Nachdem er den Sounders dazu verholfen hat, im zweiten Jahr in Folge die Playoffs der MLS zu erreichen, hofft er nun, nach dem Sieg im Open Cup, der 97 Jahre alten Version des FA Cup in den USA, weitere Erfolge zu feiern. Er möchte mit seinem Team möglichst bis zum MLS Cup vordringen, dem Endspiel um die U.S.-amerikanische Meisterschaft.

"Wir haben eine Mannschaft, die große Dinge vollbringen kann. Wir haben alles, was man braucht: Talent, Erfahrung und Vielfalt. Das ist schon eine gefährliche Mischung", erklärt Nyassi, der laut Trainer Sigi Schmid "Verteidiger müde jagt, bis sie den Ball nicht mehr sehen wollen." Wenn es um Erfahrung geht, kann sich der junge Sanna auf einige Routiniers verlassen, wie Kasey Keller, die ehemalige Nummer eins im Tor der USA, und den in Kongo geborenen Schweizer Nationalspieler Blaise Nkufo, die für die Mannschaft wie auch für seine eigene Entwicklung enorm wichtig sind. "Es ist toll, Spieler um mich zu haben, die bereits alles erlebt und erreicht haben. Sie haben mich unter ihre Fittiche genommen und zeigen mir, wo's lang geht."

Der junge Nyassi wurde bereits in die A-Nationalmannschaft Gambias berufen, die gegenwärtig versucht, sich zum ersten Mal in der Geschichte des Landes für den CAF Afrikanischen Nationen-Pokal zu qualifizieren und auch schon begierige Blicke auf die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft in Brasilien vier Jahre später geworfen hat, wenn die Goldene Generation herangereift sein dürfte. Erneut mit seinem Bruder und einer ganzen Reihe der athletischen Helden von Kanada 2007 zusammenspielen zu können, ist für den jungen Sanna eine Freude und eine Ehre. "Ich glaube, wir können es schaffen", sagt er im Brustton der Überzeugung und mit dem ganzen Stolz eines jungen Mannes, der in der großen Welt erfolgreich seinen Weg geht. "Ich glaube, dass Gambia das Zeug zu einer großen Mannschaft hat."