Die Erfolgsgeschichte der französischen Nationalmannschaft bei FIFA Fussball-Weltmeisterschaften begann vor gut 50 Jahren und scheint sich seither alle 20 Jahre zu wiederholen. Tatsächlich haben die Bleus seit 1958 im Abstand von jeweils zwei Jahrzehnten ein Stück Fussballgeschichte geschrieben. Großen Anteil daran hatten Spieler, die direkt oder in zweiter Generation aus Einwanderfamilien stammten.

Kopa wurde als Raymond Kopaszewski geboren und unter dem Namen Raymond Kopa eingebürgert. In seinem autobiografischen Buch "Kopa über Kopa" beschreibt er, wie er schon als Kind in einer "Nationalmannschaft" gespielt hatte: "Wir waren eine Jungenbande, die sich zum größten Teil aus Kindern polnischer Eltern zusammensetzte. Später kamen aber auch ein paar französische Jungs dazu. Und schon war die Idee geboren, unsere ersten "Länderspiele" zwischen Polen und Franzosen auf die Beine zu stellen."

Kopa und Platini erhielten als erste Franzosen den Goldenen Ball
Im Sommer 1958 waren dann nicht mehr die Straßen seines Wohnviertels der Schauplatz für die Fussballkünste des Napoleon des Fussballs, wie Kopa später von den Franzosen genannt wurde, sondern die WM-Stadien in Schweden. Mittlerweile hatte Kopa "eine Kugel, die aus alten Stofflappen oder manchmal auch aus einer Konservendose bestand und als Spielgerät diente", gegen einen richtigen Lederball eingetauscht und trug nun das Nationaltrikot der Bleus.

Abgesehen von einer Niederlage gegen Jugoslawien (2:3) vermochten es in den Gruppenspielen weder Paraguay (7:3) noch Schottland (2:1), die damaligen Schützlinge von Nationaltrainer Albert Batteux zu bremsen. Gleiches wiederholte sich dann im Viertelfinale mit Nordirland, das gegen Frankreich mit 0:4 förmlich unter die Räder kam. Erst Brasilien mit einem gewissen Pelé in seinen Reihen gelang es, den französischen Siegeszug zu stoppen und so die Hoffnungen auf den WM-Titel zunichte zu machen. Am Ende konnten sich die Bleus dank eines 6:3-Erfolgs über Deutschland noch mit Platz drei trösten. Und der Sohn von François Kopa, der im Jahr 1919 mit seinen Eltern und sechs weiteren Geschwistern nach Noeux-les-Mines gekommen war, konnte seine Tränen ob des verpassten Titelgewinns mit zwei Einzelpreisen trocknen: Raymond Kopa wurde als bester Spieler des Turniers ausgezeichnet und erhielt ein paar Monate später den erstmals vergebenen Goldenen Ball als bester Spieler Europas. Damit war er der erste Franzose überhaupt, dem diese Ehre zuteil wurde.

"Vom Herzen her Franzose"
Und gleichfalls der letzte, bis ein gewisser Michel Platini mit der gleichen Auszeichnung geehrt wurde. Der heutige UEFA-Präsident fühlte sich lange Zeit zwischen Frankreich, also jenem Land, in dem er geboren wurde und aufgewachsen ist, und Italien, dem Land seiner Vorfahren, hin- und hergerissen. In seiner Autobiografie "Ma vie comme un match" (etwa: "Mein Leben ist wie ein Fussballspiel") schreibt er dazu, dass er sich sehr oft folgende Frage gestellt habe: "Jedes Mal, wenn ich vor einem Länderspiel zwischen Frankreich und Italien die Nationalhymnen beider Länder hörte, habe ich mich gefragt, wer ich eigentlich bin. Natürlich bin ich vom Herzen her Franzose. Andererseits habe ich aber auch das italienische Blut der Familie meines Vaters in meinen Adern..."

Dennoch wurde aus dem Enkel von Francesco Platini, den es einst als 16-Jährigen aus dem heimischen Piemont nach Lothringen verschlagen hatte, jener Ausnahmefussballer, der die französische Nationalmannschaft wieder in die Erfolgsspur zurückführen sollte. Nach einer zwölf Jahre andauernden Durststrecke - seit England 1966 - leistete Platoche, wie Michel Platini fortan von seinen Fans gerufen wurde, einen entscheidenden Anteil an der Qualifikation der Bleus für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Argentinien 1978.

Zidane führte die Bleus nach ganz oben
Auch wenn sie dort bereits nach der Gruppenphase die Koffer packen musste, konnte sich die Leistung der Mannschaft unter dem damaligen Trainer Michel Hidalgo insgesamt durchaus sehen lassen. In besonderer Erinnerung blieb die erste Begegnung von Roi Michel (König Michel), wie Platini jenseits der Alpen genannt wird, gegen Italien im Rahmen einer FIFA Fussball-Weltmeisterschaft. Ausgerechnet gegen die Mannschaft aus dem Land seiner Ahnen hatte Platini seinerzeit mit 1:2 das Nachsehen.

Und schon wären wir beim Dritten im Bunde angelangt. Dabei kann eigentlich nur die Rede vom FIFA WM-Turnier France 98 sein, denn dort schlug die Sternstunde von Zinédine Zidane, genannt Zizou, dem vorerst letzten großen Helden des französischen Fussballs. Von allen dreien ist Zidane derjenige, für den die Zugehörigkeit zu zwei verschiedenen Kulturen die größte Bedeutung hat. In seinem Buch "Le roman d'une victoire" (wörtlich: "Der Roman eines Sieges"), dessen deutsche Übersetzung inzwischen unter dem Titel "Der mit dem Ball tanzt" erschienen ist, macht er keinen Hehl daraus, welchen Stolz er empfand, als er am 27. Mai 1998 während eines zu Ehren von König Hassan II. veranstalteten Fussballturniers im Stade Mohammed V. von Casablanca von 70.000 Zuschauern in der Partie gegen Belgien frenetisch umjubelt wurde. Seinen verdutzten Mitspielern gegenüber äußerte er damals, dass er zwar kein Marokkaner sei, fügte aber hinzu: "In meinen Adern fließt arabisches Blut. Und darauf bin ich sehr stolz."

Benzema, Nasri und Ben Arfa als Nachfolger?
Zidane, wurde zur Symbolfigur der FIFA WM France 98. Bevor die Bleus zum Auftakt in Marseille, seiner Geburtsstadt, das Spielfeld betraten, wandte sich der Sohn von Smaïl, der ebenfalls im Alter von 16 Jahren von Algerien nach Frankreich ausgewandert war und sich zunächst in Saint-Denis niedergelassen hatte, mit folgenden Worten an die anwesenden Journalisten: "Heute Abend bin ich stolz, Franzose zu sein." Danach sorgte das Erklingen der Marseillaise ganze vier Wochen lang bei den französischen Fans für Freude und ausgelassenen Jubel, dessen Höhepunkt die beiden Treffer von Zidane im Finale gegen Brasilien waren. Vor Glück über das ganze Gesicht strahlend sagte Zizou unmittelbar nach jener denkwürdigen Partie: "Ich habe für Frankreich in einem WM-Finale getroffen!"

Es ist die Geschichte von drei Männern mit unterschiedlicher Herkunft, die das Schicksal jedoch alle nach Frankreich geführt hat, um dort zu Ruhm und Ehre zu gelangen. Die Jahre 1958, 1978 und 1998 stehen für ihre sportlichen Erfolge. Deshalb zweifelt heute in Frankreich kaum jemand daran, dass aktuelle Jungstars wie Karim Benzema, Samir Nasri oder Hatem Ben Arfa sich schon jetzt darauf vorbereiten, die Bleus als Schlüsselspieler zur FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2018 zu führen. Denn die Geschichte kann sich ja bekanntlich wiederholen...