Zweieinhalb Jahre ist es her, dass Fernando Hierro nach einer über 18-jährigen Karriere auf höchstem Niveau die Stiefel an den Nagel hängte. Jetzt hat er sich in ein neues Abenteuer gestürzt, in dem er dem Fussball als Sportlicher Direktor des Königlichen Spanischen Fussballverbandes (RFEF) eng verbunden bleibt.

Hierro ist einer der besten zentralen Abwehrspieler, die der spanische Fussball je hervorgebracht hat. Er trug das Trikot der Nationalmannschaft bei zwei Europameisterschaften (1996 und 2000) und vier Weltmeisterschaften (1990, 1994, 1998 und 2002). Seine Erfolgsbilanz mit Real Madrid, wo er es unter anderem auf fünf Meistertitel, drei Europapokal-Siege und zwei Weltpokal-Triumphe gebracht hat, verdient Bewunderung.

FIFA.com hatte die Gelegenheit, sich mit dieser Legende der spanischen Nationalmannschaft zu unterhalten, seine Karriere Revue passieren zu lassen und die gegenwärtige Situation um die spanische Nationalelf zu analysieren, die sich erneut für eine EM-Endrunde qualifiziert hat.

Herr Hierro, erklären Sie uns bitte Ihre neue Rolle beim spanischen Verband.
Ich übe ein etwas ungewöhnliches Amt aus, wobei es nicht zu meinen Aufgaben gehört, die Spieler für das Team auszuwählen - das ist etwas, was dem Trainer obliegt. Es ist aber eine große Herausforderung, denn ich habe mit dem gesamten Männerfussball im Verband zu tun.

Vielleicht ist eine der heikelsten Aufgaben die Wahl eines Nachfolgers von Iñaki Sáez (Trainer der Nachwuchsteams), der im nächsten Jahr nicht mehr dabei sein wird. Wie stellen Sie sich die Nachfolge vor?
Das wird eine große Herausforderung werden. Es ist eine sehr schwierige Sache, denn unter Iñaki hatten wir eine der erfolgreichsten Nachwuchsarbeiten in ganz Europa. Es wird eine große Umstellung geben, vor allem im personellen Bereich. Wir werden die Strukturen jedoch beibehalten, die er geschaffen hat und die sich bewährt haben.

Spanien hat sich gerade die Teilnahme an der EM-Endrunde gesichert. Sind Sie etwas beunruhigt wegen der starken Leistungsschwankungen während der Qualifikation?
Was mir Sorgen bereitet, ist die Ungeduld, die man gegenüber dem Team gezeigt hat, bis man dann in Dänemark gewonnen hat. Die Situation seit diesem Spiel ist völlig verschieden von der zuvor. Jetzt sind alle voller Optimismus und das ganze Umfeld hat sich beruhigt. Aber solche Leistungsschwankungen sind etwas völlig Normales im Verlauf einer langen Qualifikation.

Bis zu welchem Punkt hat der Druck der Medien die Leistung der Mannschaft beeinflusst?
Ich glaube, dass die Mannschaft trotz des Drucks in der Partie in Dänemark ihre Reife gezeigt hat. Die Spieler haben sich mit dem Trainer eine Woche lang ganz gewissenhaft vorbereitet und dann ein starkes Spiel gegen einen sehr schwierigen Gegner geboten. Das Team hat dem Druck und der Erwartungshaltung gut standgehalten. Es sind zwar zum Teil noch sehr junge Spieler, aber alle spielen in ihren Vereinen auf höchstem Niveau. Vielleicht hat mich deswegen auch ihre Reife als Team gar nicht so sehr überrascht.

Vielleicht käme jetzt ein Titel gerade recht - wenn man endlich einmal über das Viertelfinale hinaus käme...
Das wäre psychologisch immens wichtig. Diese Hürde Viertelfinale baut sich immer wieder vor uns auf, denn wenn wir wieder einmal so weit sind, fangen wir an, negativ zu denken, mögen wir in den Begegnungen zuvor noch so stark gespielt haben. Wenn wir diese Mauer in den Köpfen einreißen könnten, würden wir viel gelassener werden und könnten uns leichter neue Ziele setzen. Wenn wir bei der EURO erfolgreich sind, wäre das sehr wichtig für uns im Hinblick auf 2010. Diese Auswahl hat das Zeug dazu. Als ehemaliger Spieler wünsche ich mir von ganzem Herzen, dass die jetzigen Spieler vergessen mögen, dass wir nichts erreicht haben (lacht). Dann würden wir viel Druck loswerden - und auch den Ruf des ewigen Geheimfavoriten, der nie über diesen Status hinauskommt.

Die Frage ist immer dieselbe. Warum erreicht man mit Spielern von Weltruf, mit zahllosen Erfolgen im Nachwuchs nicht mehr?
Ich habe darauf noch keine Antwort gefunden. Technisch sind wir stark, die Vereine spielen auf höchstem Niveau, wir haben eine ganz junge Mannschat mit großen Perspektiven... Ich glaube, dass es schon so etwas wie eine psychische Barriere gibt. Wenn wir diese überwinden, können wir mit der Vergangenheit abschließen und ein neues Kapitel Fussballgeschichte schreiben.

Sie haben 1987 in der ersten Liga debütiert und Ihre Stiefel im Jahr 2005 an den Nagel gehängt. Was sind Ihre schönsten Erinnerungen in Ihrer langen Karriere?
Am schönsten war es, das Trikot der Nationalmannschaft zu tragen, weil es mit so vielen Hoffnungen verbunden ist. 89 Mal! Und dann der siebte Europapokaltriumph mit Real Madrid.

Und der schlimmste Augenblick?
Es gibt verschiedene sehr harte Augenblicke. Vielleicht der Tag, als ich meinen Abschied von der Nationalmannschaft erklärte, der Tag, an dem ich Madrid verließ und der Tag, an dem ich beschloss, mit dem Fussballspielen aufzuhören. Ich glaube, dass war wohl der härteste Moment in meinem Leben. Nach 18 Jahren machte ich mir auf einmal Sorgen, wie ich mit meinem neuen Leben zurecht kommen würde.

Ich glaube, ich habe alles richtig gemacht, denn ich hatte beschlossen, mich vom Fussball zu verabschieden, bevor sich der Fussball von mir verabschieden würde. So hatte ich noch ein schönes Gefühl am Ende, dass ich dem Fussball etwas geben und ihn bis zum letzten Augenblick genießen konnte...

Haben Sie noch eine Rechnung offen?
Natürlich. Mit der Nationalmannschaft habe ich nichts Großes erreicht.

Welcher war der Stürmer, gegen den Sie nicht gerne gespielt haben?
Ich habe gegen alle gerne gespielt. Als Verteidiger darf man keine Angst haben, selbst wenn man vorher gewisse Bedenken hat. Ich habe die besten Stürmer der Welt gesehen und auch unter ihnen gelitten.

Wenn man so lange wie ich bei Real Madrid und der Nationalmannschaft spielt, tritt man zwangsläufig gegen die Besten an, sowohl in offiziellen Partien wie auch im Training während der Woche. Ich habe nicht nur unter den gegnerischen Stürmern gelitten, sondern auch unter den eigenen. Den ganzen Tag hatte ich sie um mich herum!

Gab es irgendeinen Star, der Ihnen besonderes Kopfzerbrechen bereitet hat?
Nein, manchmal waren es gerade die weniger bekannten Spieler. Ich habe die ganz Großen spielen sehen. Ich habe acht Jahre lang unter Raúl gelitten (lacht), Ronaldo war natürlich auch ein ganz spektakulärer Spieler...

Wird man Sie eines Tages auf der Bank sehen?
Nein. Ich nehme zwar gerade am Trainerlehrgang teil, aber nicht weil die Bank mich lockt, sondern weil ich die Dinge auch einmal von dieser Warte aus sehen möchte. Andererseits würde es mich schon reizen, junge Spieler zu formen...

Gibt es irgendeinen Vorwurf, den Sie dem Fussball machen könnten?
Dieser Sport hat mir alles gegeben und ich habe ihm überhaupt nichts vorzuwerfen. Ich verdanke ihm mein jetziges Leben, meine familiäre Situation... Ich kann mich nur bei ihm für alles bedanken, was er mir und denen, die mich lieben, gegeben hat.