"I werd' narrisch", schrie Österreichs Radiokommentator Edi Finger junior 1978 ins Mikrofon, als Hans Krankl sein Team zum 3:2-Sensationserfolg gegen Deutschland bei der WM in Argentinien schoss. In der Vorrunde hatte man als Gruppensieger gar Mannschaften wie Brasilien, Spanien und Schweden hinter sich gelassen. Doch die Blütezeit der jüngeren österreichischen Nationalmannschaftsgeschichte liegt eine ganze Weile zurück, 1998 qualifizierte man sich letztmals für eine FIFA Fussball-Weltmeisterschaft und schied in der Vorrunde aus.

Grund genug für den Österreichischen Fussballbund (ÖFB) 1999 eine Bestandsaufnahme durchzuführen, die schnell zu Ergebnissen führte. Unter dem Namen "Der Österreichische Weg" wurde im Jahr 2000 eine Gesamtkonzeption gestartet, um die Nachwuchsförderung auf ein von Grund auf neues Fundament zu stellen. 2002 erweiterte der neue ÖFB-Präsident Friedrich Stickler mit einem elitären Konzept für die Nationalmannschaft, Challenge 2008, das Spektrum. Damit soll Österreichs A-Nationalmannschaft fit gemacht werden für die Herausforderungen der EM im eigenen Land.

Ab Juni 2003 wurden die hoffnungsvollsten Fussballer in Form des Future-Teams (19-24 Jahre) sowie des Teams Challenge (16-18 Jahre) regelmäßig zu Lehrgängen und Spielen zusammengezogen, später wurden die beiden Teams zu einer Mannschaft verschmolzen. Challenge 2008 - das bedeutete auch Training abseits des grünen Rasens, das die Persönlichkeitsbildung der einzelnen Spieler zum Ziel hat. Doch was ist das Besondere an Challenge 2008?

Fundament auf vier Pfeilern
Willi Ruttensteiner, technischer Direktor im ÖFB, erläutert im Gespräch mit FIFA.com das Konzept, mit dem herausragende Talente in enger Kooperation mit den Vereinen zu Spitzenspielern ausgebildet werden sollen: "Wir haben bereits 2003 mit der Einbindung von Sportmedizin, Sportmotorik und Sportpsychologie sowie der Individualisierung im fussballtechnischen und -taktischen Bereich innovative Ansätze entwickelt", skizziert er die Grundzüge des Vier-Säulen-Modells.

"Wir haben einen Prozess gestartet, der zunächst eher zentralistisch ausgelegt war. Wir haben Spieler zusammengeholt, um Inhalte zu vermitteln. 2004/2005 sind wir dazu übergegangen, das Konzept mehr in die Vereine zu bringen. Wir haben einen großen Schritt gemacht, in der Bundesliga ein Individualtrainermodell installiert und das Know-how in die Autonomie der Vereine gelegt haben. Seitdem hat sich die Kooperation und Kommunikation verbessert. Ich beobachte, dass alle vier Säulen schön langsam auch von den Vereinen umgesetzt werden, z. B. werden Mentaltrainer beschäftigt und die Spieler gehen im Trainingsprozess individuellere Wege. Das ist das große Ziel: die Individualisierung der Mannschaftssportart Fussball."

Die Anforderungen an die Spieler sind gewachsen: "Sie müssen erkennen, dass sie noch mehr aus sich herausholen können. Der Aspekt der Individualisierung wird schon früh in den Landesausbildungszentren und Fussballakademien in die Talentförderung eingebunden, so dass wir nicht bei Null anfangen müssen, wenn die Spieler zu den Auswahlmannschaften stoßen. Über Individualtrainer wird den Spielern permanent Wissen vermittelt und ihr Horizont erweitert, das gelingt sehr gut", so Ruttensteiner.

Dabei schließt das Gesamtkonzept alle Bereiche des Fussballs ein. Es umfasst die Aus- und Fortbildung der Trainer, Talentförderung bei Mädchen und Jungen, Nationalmannschaften, Frauenfussball, Breitenfussball und Trendfussball.

Das ÖFB-Präsidium ist vom "Österreichischen Weg" überzeugt und hat für alle Bereiche zusätzliche finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt. Insgesamt wird für das Projekt rund eine Million Euro pro Jahr aufgewendet, das durch Sponsoren finanziert wird. "Wir haben einen Weg zwischen Ausbildungs- und Ergebnisorientierung zu gehen", erklärt Ruttensteiner den Spagat. "Dieses Ziel streben wir bei jedem Jahrgang an. Wir wollen uns schon auf Juniorenebene für die großen Turniere qualifizieren."

Erfolge im Juniorenbereich
Dort zeitigt das umfangreichste Förderungsprogramm für junge Fußballtalente, das es in Österreich je gegeben hat, erste Erfolge: Nachdem sich Österreich über 20 Jahre für keine U-19-Endrunde und keine Junioren-Weltmeisterschaft qualifizieren konnte, hat sich das Blatt gewendet. 2003 belegten die U-17 und die U-19 jeweils den dritten Platz bei der Europameisterschaft, 2005 wurde die U-17 Fünfter und vor wenigen Wochen qualifizierte sich Österreichs U-19-Auswahl mit einem dritten Platz bei der Europameisterschaft in Polen erstmals seit 1983 für eine FIFA Junioren-Weltmeisterschaft.

"Diese Platzierungen belegen, dass wir im Nachwuchsbereich bei den U-17- bis zu den U-19-Teams international aufgeholt haben. Unsere erste vorsichtige Bilanz fällt sehr positiv aus", freut sich Ruttensteiner. Doch die Freude über die Nachwuchsteams ist ein wenig getrübt, da die Erfolge bei der A-Nationalmannschaft bisher ausgeblieben sind, wie etwa die kürzliche 1:2-Heimniederlage gegen Ungarn belegt.

"Es ist natürlich noch etwas Geduld notwendig", so Ruttensteiner, der betont: "Wir haben die Vision, in der europäischen Spitze wieder konkurrenzfähig zu sein, was wir derzeit bei der Nationalmannschaft nicht sind. Es wird notwendig sein, Toplegionäre in den besten Ligen Europas zu haben. Ohne diese zusätzliche Ausbildung dieser Spieler werden wir bei der Nationalmannschaft Probleme haben. Ich glaube, das A-Team braucht eine Mischung aus hervorragenden, in Österreich ausgebildeten Spielern sowie Toplegionären im Ausland."

Dort gibt es ebenfalls erste Erfolge zu verzeichnen, wie die Transfers nach Portugal (Roland Linz, Boavista Porto), England (Emanuel Pogatetz, FC Middlesbrough), die Niederlande (Thomas Prager, SC Heerenveen) sowie Griechenland (Kapitän Andreas Ivanschitz, Panathinaikos Athen) belegen.

EM 2008: Viertelfinale als Ziel
Dass die EM im eigenen Land für Österreichs A-Nationalmannschaft zu früh kommt, glaubt Ruttensteiner nicht. "Es wird bis dahin positive Impulse geben. Ich bin optimistisch für 2008, dass wir eine Nationalmannschaft präsentieren, die mitspielen kann. Der neue Teamchef (Anm. d. Red. Josef Hickersberger) hat die Zielsetzung ausgegeben, bei der EM das Viertelfinale zu erreichen. Das kann gelingen, wenn wir die Kräfte bündeln. Bei der letzten EM hätte auch keiner von Griechenlands Leistung zu träumen gewagt."

Gegen WM-Teilnehmer Costa Rica gab es zuletzt auf neutralem Platz ein respektables 2:2-Unentschieden. "Wir machen kleine Schritte, aber es geht in die richtige Richtung", so ÖFB-Teamchef Josef Hickersberger. Am Mittwoch hat das Team gegen Venezuela die Gelegenheit, sich weiter verbessert zu präsentieren.