Vor nunmehr zwei Jahren zog sich José Luis Chilavert, der berühmteste Fussballer Paraguays, aus dem aktiven Sport zurück. Seine spektakulären Paraden in unzähligen Spielen und die zahlreichen durch ihn erzielten Tore sind untrennbar mit der Geschichte des Fussballs verbunden. All das ist nicht nur bei den Fans der Albirroja unvergessen, sondern auch bei den Anhängern der Sportart Nummer 1 in der ganzen Welt. Derweil bereitet sich José Luis Félix Chilavert, von dem hier die Rede ist, schon auf eine neue Herausforderung vor. In einem ausführlichen Interview mit FIFA.com sprach der frühere Torhüter und Kapitän der paraguayischen Nationalmannschaft, der sein Können bei zwei WM-Endrunden sowie bei verschiedenen Vereinen unter Beweis stellte, über Gefühle wie Liebe, Hass, Erfolg und Misserfolg, wie er sie im Verlaufe seiner langen Karriere erlebte. Und exklusiv äußerte er erstmals: "Nach der nächsten WM möchte ich paraguayischer Nationaltrainer werden."

Dabei hat sich der heute 40-jährige Chilavert, der mit seiner Meinung noch nie hinterm Berg hielt, in seinem Wesen gegenüber seiner aktiven Zeit nicht verändert. Daran lässt schon der feste Blick des ehemaligen Ausnahmekeepers nicht den geringsten Zweifel. Zurzeit hat er mit Fussball kaum etwas zu tun, da er die meiste Zeit seiner geschäftlichen Tätigkeit widmet. Neben der Arbeit an einer Reality-Football-Show in Miami betreibt er in Asunción ein Restaurant, ist für eine Augenklinik tätig und verwaltet noch mehrere Grundstücke. Doch sein Herz schlägt nach wie vor für den Fussball, verbunden mit der Hoffnung, in nicht allzu ferner Zukunft wieder ins Rampenlicht der internationalen Fussballbühne zu treten...

Herr Chilavert, jetzt ist es schon zwei Jahre her, dass Sie Ihre Karriere beendet haben. Seither haben wir von Ihnen nichts mehr gehört, was den Fussball anbetrifft. Wie geht das zusammen?
Ich habe mich entschlossen, eine einjährige Auszeit vom Fussball zu nehmen, weil ich endlich mal mehr Zeit für meine Familie haben wollte. Meine Tochter ist jetzt sieben Jahre alt und da möchte möglichst viel für sie da sein, zumal wir ja in einer Zeit leben, in der es ziemlich hektisch zugeht. Danach werden wir weiter sehen, denn mit dem Fussball werde ich für immer verbunden sein, egal ob ich mir ein Spiel im Fernsehen ansehe oder direkt ins Stadion gehe. Was ich dabei nicht ausschließen möchte, ist eine Funktion in der Nationalmannschaft. Wenn nicht als Trainer, dann als Teammanager oder auch als Präsident des paraguayischen Fussballverbandes. Das, was (Franz) Beckenbauer für die DFB-Elf ist, könnte auch ich für die Auswahl Paraguays sein. Für den Fussball werde ich immer ein offenes Ohr haben.

Fehlt Ihnen heute etwas, was Sie zu Ihrer aktiven Zeit ständig hatten?
Das Ambiente in der Umkleidekabine und die Zeit mit meinen Mannschaftskameraden vermisse ich schon. An das jetzige Leben musste ich mich erst gewöhnen. Zum Glück treffe ich ab und zu meine ehemaligen Mitspieler, zum Beispiel von Vélez Sarsfield, bei denen ich mich dann wie zu Hause fühlen darf. Das sind Momente, in denen man sich wieder in die alten Zeiten zurück versetzt fühlt. Alles läuft noch einmal wie in einem Film vor dir ab. Es ist schon interessant, dass meine Frau sagt, ich sei der einzige Profi, der den Fussball an den Nagel gehängt habe, ohne ihn direkt zu vermissen. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich in meiner Familie außerordentlich wohl fühle.

Und wenn man Ihnen die Frage stellen würde, ob Sie völlig ohne Fussball leben könnten?
Das ganze Umfeld fehlt mir schon, und ob! Heute gibt es im Fussball kaum noch absolute Führungspersönlichkeiten, es läuft alles eher etwas locker ab. Es sind bestimmte Phasen, die der Fussball durchlebt. Zum Beispiel in Argentinien. Dort kenne ich mehrere Mannschaften, denen es an einer echten Spielerpersönlichkeit und Bezugspeson mangelt. Es ist einfach ein Generationenproblem.

Als Sie noch aktiv waren, haben Sie regelmäßig die gegnerischen Fans beschimpft. Dennoch haben alle jedes Mal, wenn ein Vereinswechsel anstand, lautstark nach Ihnen gerufen. Wie erklären Sie sich das?
Das passiert mir noch heute. Sobald ich das Haus verlasse, sprechen mich die Fans auf der Straße an und bekunden mir ihre Sympathie, obwohl ich schon längst nicht mehr spiele. Und es sind Anhänger von allen Klubs. Das ist einfach fantastisch, denn es bedeutet ja, dass das, was man geleistet hat, von Erfolg gekrönt war. Es ist schwer möglich, all diese Fans zusammen zu nehmen und ihnen zu sagen, dass "der eine oder andere auf seiner Position sehr stark gespielt hat und man das entsprechend würdigen sollte." Das ist übrigens das Positive an den argentinischen Fans, denn die wissen auch das Gute an einem Spieler zu schätzen.

Gibt es eine Liga oder Mannschaft, an die Sie sich besonders gern erinnern? Oder ein Land, in dem Sie gerne als Torwart gespielt hätten?
Ich hätte gern einmal in England gespielt, denn der dortige Fussball entsprach meinen Vorstellungen. Bei der Menge an Spitzenklubs hätte ich in England gern mal zwischen den Pfosten gestanden. Und meine gelegentlichen Ausflüge vom eigenen Kasten aus wären vielleicht auch ganz gut angekommen.

Im Profifussball galten Sie allgemein als hart und unnachgiebig. Wer Sie dagegen auch abseits des Spielfeldes näher kannte, weiß das Gegenteil zu berichten. War das ein Teil Ihrer Persönlichkeit?
Ich glaube, es war wohl eher eine Imagefrage. Fakt ist, dass mir ein solches Bild meine Rolle des Bösewichts wesentlich erleichterte (lacht). Aber eines möchte ich in diesem Zusammenhang auch mal sagen: ich für meinen Teil versuche mich von dem, was andere über mich denken, zu befreien. Ich tue, was ich kann und im Moment kann ich mich auch nicht beklagen.

Wenn Sie heute an die Vergangenheit denken, würden Sie dann sagen, dass Sie im Nachhinein etwas bereuen?
Nein, es gibt nichts, was ich bereuen würde. Obwohl, um mal ein Beispiel zu nennen, da fällt mir ein Bild ein, das damals bedauerlicherweise um die Welt ging und auf dem ich den Brasilianer Roberto Carlos angespuckt hatte. Dabei war er es, der mich nach einem Spiel beleidigt hatte. Wem würde es schon in den Sinn kommen, jemanden anzugreifen, ohne dass vorher nicht etwas gewesen wäre? Offenbar nahm damals aber niemand von der vorangegangenen Beleidigung auch nur die geringste Notiz. Aber was soll's, das sind Dinge, die im Fussball schon mal vorkommen. In meinem Fall passte es gut zu meinem Image als Bösewicht...

Schließlich wurden Sie auch dadurch berühmt, oder?
Na klar! (lacht)

Neulich haben Sie den Wunsch geäußert, die paraguayische Nationalmannschaft übernehmen zu wollen. Wann könnte dieser Wunsch Ihrer Meinung nach konkrete Gestalt annehmen?
Ich meine, dass nach der WM im nächsten Jahr ein geeigneter Zeitpunkt wäre, aber das bleibt noch abzuwarten, denn ich habe auch noch ein paar andere wichtige Projekte, die mich noch einige Jahre in Anspruch nehmen werden. Trotzdem gehen meine Hoffnungen schon jetzt in Richtung Nationalmannschaft. Denn dort könnte ich meine ganze Erfahrung einbringen und die Siegermentalität, die ich mir im Laufe meiner Profikarriere angeeignet habe, an die jungen Spieler weitervermitteln.

Welche Spieler in der heutigen Auswahl Paraguays finden Ihre besondere Zustimmung?
Mir gefallen Nelson Haedo und Julio Dos Santos, aber auch der in Japan spielende Santiago Salcedo, obwohl er momentan vom Trainerstab unserer Nationalmannschaft keine Auswahlberufung erhält. Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe hoffnungsvoller Talente bis in die dritte Liga hinein. Nach dem FIFA-Weltpokal Korea/Japan 2002™ hätte unser Auswahltrainer sich vielleicht zwei Mal wöchentlich intensiv um die jungen, nicht so bekannten Spieler kümmern sollen, um sie Schritt für Schritt an das Niveau der Nationalmannschaft heranzuführen.

Und wie würde Paraguay mit Chilavert als Nationalcoach spielen?
Das hängt davon ab, welche Spieler ich zur Verfügung hätte. Derzeit überwiegt weltweit das 4-4-2-System. Allerdings müssten die Mittelfeldspieler auf den Außenpositionen auch die Freiheit haben, mal die Seiten zu wechseln, um möglichst frühzeitig die von den gegnerischen Verteidigern abgewehrten Bälle aufzunehmen und so schneller vor das gegnerische Tor zu kommen. Damit wäre mein Team von der ersten Spielminute vor allem offensiv ausgerichtet.

A propos Nationalmannschaft, Sie selbst haben im Nationaltrikot eine ganze Ära geprägt...
Mag sein, aber das entspricht mehr der Sichtweise der ausländischen Medien. Die paraguayische Presse wird wohl eher das Gegenteil schreiben. Ich glaube, dass die Medien meines Landes mir gegenüber einen gewissen Groll hegen, weil ich immer offen gesagt habe, dass die paraguayische Presse einfach nicht die zweifellos vorhandenen Fortschritte in unserem Fussball sehen, geschweige denn entsprechend anerkennen würde. In Paraguay geht man mit dem Thema Fussball etwa so um, wie es vor 40 Jahren in Argentinien der Fall war. Dazu kommt, dass die Vertreter der schreibenden Zunft bei uns gern geschmeichelt werden wollen. Sie lassen sich gern zum Essen einladen und möchten mit den bekanntesten Spielern gut befreundet sein oder eine Art kumpelhaftes Verhältnis pflegen. Aber das ist schlichtweg unmöglich, denn jeder hat einen klaren Auftrag zu erfüllen: die Journalisten auf ihrem Gebiet und die Fussballer in ihrem Sport. In Paraguay hatte ich mit niemanden ein solch "freundschaftliches" Verhältnis, daher hieß es in der Berichterstattung immer nur "Chilavert hat seinen Beitrag als Torhüter geleistet." Andererseits war es so, dass wir häufig verloren haben, wenn ich nicht gespielt habe. Das ist historisch belegt. Das Interessante daran ist, dass sich Paraguay nie zuvor zwei Mal in Folge für eine WM-Endrunde qualifizieren konnte, und jetzt haben wir das gar zum dritten Mal geschafft... Von daher steht außer Frage, dass wir einen gewissen Mentalitätswandel bewirken konnten.

Vorhin haben Sie das schwierige Verhältnis zwischen Ihnen und den Medien Ihres Landes angesprochen. Können Sie sich vorstellen, wie sich das auf Ihre eventuelle Tätigkeit als Nationaltrainer auswirken würde?
Das würde mich nur noch zusätzlich motivieren. Ich habe einen ausgeprägt starken Charakter, so dass mich nichts aus der Ruhe bringen kann. Man müsste nur dann vorsichtig sein, wenn man für einen solchen Job nicht geeignet wäre. Die paraguayischen Sportjournalisten passen sich dem Markt des Landes an, und der ist sehr klein. Dadurch sind sie nicht in der Lage, auch mal etwas positiv zu sehen und ignorieren derweil, dass durchaus eine erfolgreiche Arbeit geleistet wird, die auch ihre Früchte trägt. Stattdessen stacheln sie sich gegenseitig an und flüchten sich oft in stereotype Wiederholungen... Vor diesem Hintergrund fällt es natürlich doppelt schwer, objektiv über meine Person zu berichten, denn schließlich habe ich meine Heimat als 19-Jähriger verlassen. Zunächst war ich in Spanien, später bin ich dann in der ganzen Welt herum gekommen. Von daher habe ich auf viele Dinge eine andere Sichtweise gewonnen.

Nehmen wir einmal an, Sie könnten ein persönliches Wunschteam mit den Spielern zusammenstellen, die Ihnen am meisten zusagen. Wer würde in dieser Mannschaft das Tor hüten?
Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, ich würde mich zwischen Peter Schmeichel und Oliver Kahn entscheiden. Beide sind sehr stark und gleichzeitig große Spielerpersönlichkeiten. Der Däne wegen seiner Fangtechnik und Kahn wegen seinem außergewöhnlichen Bewegungsradius. Dass ihm zum Ende seiner Karriere hin auch mal der eine oder andere Fehler passiert, ist logisch. Die Reflexe sind nicht mehr so wie früher, das bekommt er dann auch zu spüren.

Und wenn Sie einen Stürmer wählen könnten?
Da kämen einige in Frage. Natürlich würde ich gern Ronaldo und Ronaldinho, beide schon jetzt legendäre Spieler, in der Mannschaft haben. Aber auch Christian Vieri wäre bei mir ganz oben auf der Liste. Wenn du so einen als Torhüter vorgesetzt bekommst, dann Prost Mahlzeit... Ich denke dabei auch an die Innenverteidiger und Manndecker, die ja die unmittelbaren Gegenspieler sein würden. Das wäre schon interessant, nicht wahr? Von den Spielern, die ihre Karriere bereits beendet haben, hat mir stets Marco van Basten am besten gefallen. Gerade im Abschluss war er ein absoluter Ausnahmefussballer. Ich selbst habe nie gegen ihn gespielt. Ob ich das gern gewollt hätte? Nein, es war auch besser so! (lacht). Heute bringt er sein ganzes Wissen und Können aus der Zeit als Nationalspieler in sein Amt als niederländischer Auswahlcoach ein.

Letzte Frage. Wie sollte José Luis Chilavert Ihrer Meinung nach der Fussballwelt in Erinnerung bleiben?
Als ein Torhüter, der für den Fussball alles gegeben hat. Es schickt sich zwar nicht, dass man sich selber lobt, aber Fakt ist, dass ich zu meinem Glück so ziemlich alles gewinnen konnte. Es fehlt mir eigentlich nur noch ein WM-Titel mit der paraguayischen Nationalmannschaft. Die dreimalige Ehrung als weltbester Torhüter durch den Deutschen Verein für Geschichte und Statistik hat mich mit großem Stolz erfüllt, vor allem wenn man bedenkt, dass es weltweit eine ganze Menge guter Torhüter gibt.