Die Saison 2003/2004 wird für den peruanischen Fussball unvergessen bleiben. Denn der relativ kleine Klub Cienciano Cusco, der 1901 und damit vor über einhundert Jahren gegründet wurde, gewann für Peru die ersten beiden internationalen Klubtitel. Zunächst setzte sich Cienciano Cusco im Finale der Copa Sudamericana (Südamerikapokal der Pokalsieger) gegen den berühmten argentinischen Klub River Plate durch. Und jetzt gewannen die Peruaner nach Elfmeterschießen auch noch das in Miami ausgetragene Finale des südamerikanischen Super-Cup (Recopa) gegen die Boca Juniors. In dem von seiner Nationalmannschaft zuletzt herb enttäuschten Andenland löste dieser Erfolg eine Welle der Begeisterung aus.

Schauplatz des jüngsten südamerikanischen Supercup-Finales war das Lockhard-Stadion in Miami. Diesmal standen sich die Gewinner der Copa Sudamericana und der Copa Toyota Libertadores von 2003 gegenüber. Zunächst schien es, dass die mit zahlreichen internationalen Stars spielenden Argentinier die Partie für sich entscheiden könnten, zumal Carlos Tévez sein Team in der 32. Spielminute mit 1:0 in Führung geschossen hatte. Aber es kam anders. Unmittelbar vor Ablauf der regulären Spielzeit erzielte Rodrigo Saraz (89. Minute) den Ausgleichstreffer für die Peruaner und erzwang damit eine Entscheidung per Elfmeterschießen. Dank ihrer Effizienz und der guten Torwartleistung ihres Schlussmanns Oscar Ibáñez, der sowohl den von Tévez als auch den vom Kolumbianer Fabián Vargas getretenen Elfmeter parierte, behielten die Peruaner am Ende die Oberhand.

"Dieser Sieg ist ganz Peru gewidmet"
Nach dem Ende des Elfmeterschießens ließen die Spieler von Cienciano Cusco ihrem Jubel freien Lauf. Mit Freudentränen und die peruanische Nationalflagge schwenkend feierten sie ihren Triumph ausgiebig auf dem Spielfeld. "Peru! Peru!" und "Was für ein Ding! Wir haben noch einen Titel!", erklang es aus den Kehlen der Spieler der siegreichen Mannschaft, als sie die begehrte Trophäe in die Höhe hielten.

"Dies ist ein ganz großes Geschenk für alle Peruaner, die seit langem einen Erfolg herbeigesehnt haben", so der euphorische Kommentar von Alessandro Morán, der im Mittelfeld aufopferungsvoll gekämpft und eine überragende Partie gespielt hatte. Carlos Lobatón, der zur Verstärkung der Offensive in der zweiten Halbzeit eingewechselt wurde, äußerte sich glücklich darüber, dass er noch dazu beitragen konnte, die entscheidende Wende in diesem Finale herbeizuführen: "Es ist nie leicht, bei einem Rückstand der eigenen Mannschaft ins Spiel zu kommen, aber man ist auch darauf vorbereitet. Zum Glück ist alles gut gegangen. Erst haben wir die Copa Sudamericana gewonnen, jetzt haben wir die Recopa, und wir haben noch mehr vor. Wir wollen noch viel mehr erreichen."

Auch wenn ein Vergleich zwischen Cienciano Cusco und Boca Juniors manch einem auf die Nerven gehen mag, so scheint er dennoch unausweichlich. Während sich die Argentinier weigern, Tévez trotz lukrativer Angebote in Millionenhöhe nach Europa zu verkaufen, verabschiedete sich das peruanische Team in Miami von Santiago Acasiete, der künftig für 200.000 Dollar bei einem Zweitliga-Klub in Spanien spielen wird. Der scheidende Abwehrspieler, der sich im vergangenen Jahr als Spielerpersönlichkeit und Schlüsselfigur von Cienciano Cusco hervorgetan hatte, äußerte nach dem Titelgewinn: "Cusco darf zu Recht feiern und stolz sein, denn wir haben immerhin River Plate bezwungen. Aber dieser Sieg ist nicht nur den Leuten von Cusco gewidmet, sondern ganz Peru, allen Fussballmannschaften und allen Fans."

"Wir fühlen uns als Vertreter der arbeitenden Mittelschicht"
Die wichtigsten Medien des Landes schreiben diesen sensationellen Erfolg zu einem großen Teil Trainer Freddy Ternero zu. Einige prophezeien ihm sogar einen kurzfristigen Wechsel in das Amt des Nationaltrainers. Seitens der Zuschauer im Stadion vom Miami wurden nach dem Abpfiff der Finalpartie ähnliche Forderungen laut. "Diese Mannschaft zeichnet Einsatzbereitschaft und Beständigkeit aus. Es hat Leute gegeben, die nicht an unsere Fähigkeiten geglaubt haben. Der jetzige Erfolg ist der Verdienst der gesamten Mannschaft. Wir fühlen uns als Vertreter der arbeitenden Mittelschicht. Aufgeben gibt es für uns nicht. Wir kämpfen stets bis zur letzten Minute", so der Trainer nach dem Spiel.

 "Ob ich Interesse am Posten des Nationaltrainers habe? Es ist nicht der Zeitpunkt darüber zu reden, zumal zurzeit ein Trainerkollege diese Tätigkeit ausübt. Das einzige, was ich im Moment sagen kann ist, dass ich nicht als ‚Feuerwehrmann' in dieses Amt gehievt werden möchte. Wenn man mich eines Tages für dieses Amt vorschlagen sollte, dann würde ich das im Rahmen eines seriösen und langfristigen Projekts angehen wollen", gab sich Ternero entschlossen.

Zu denen, die an diesem denkwürdigen Tag ihrer Freude freien Lauf ließen, zählte auch Juvenal Silva, der Klubpräsident. "Wir haben für ganz Peru gesiegt, das schon auf den ersten internationalen Titelgewinn in unserer Fussballgeschichte mächtig stolz war. Es besteht also kein Zweifel: dieser Erfolg gehört nicht nur Cienciano Cusco, sondern allen Peruanern." Außerdem verwies er darauf, dass damit die Früchte einer beharrlichen Arbeit im Klub geerntet wurden, wie sie im vergangenen und für alle unvergesslichen Halbjahr geleistet worden sei. "Viele waren der Meinung, dass wir nach dem Gewinn der Copa Sudamericana fast die ganze Mannschaft verkaufen würden. Stattdessen haben wir große Anstrengungen unternommen, um die Truppe zusammenzuhalten. Jetzt werde ich wohl auch Prämien ausschütten müssen. Allerdings werde ich dabei meine Freude haben und einen nach dem anderen damit bescheren…"