Schon lange bevor das berühmte Tor mit der "Hand Gottes" in die Fussballgeschichte einging, hatte es im Leben von Diego Maradona immer wieder göttliche Augenblicke gegeben. Eine wahrhaft himmlische Affäre begann zwei Sommer zuvor, als El Pelusa mit seinem Gepäck im Hafen von Neapel ankam und erstmals seinen Blick über die majestätische Bucht der Stadt schweifen ließ. Die nächsten sieben Jahre sollten beide eine Allianz eingehen, bei der das göttliche Talent und die beeindruckende Persönlichkeit des Spielers die verarmte süditalienische Stadt elektrisierte und ihrem Fussballverein bisher nie dagewesene Erfolge bescherte: zwei Meisterschaften, einen UEFA-Pokal sowie eine Coppa Italia und, was mindestens ebenso viel wiegt, ein Gleichgewicht der Kräfte und gelegentlich sogar eine Überlegenheit gegenüber den Teams aus dem privilegierten Norden des Landes.

Als der hochtalentierte, immer wieder von Blessuren geplagte, kleine argentinische Spieler nach Bezahlung einer Rekordablösesumme von 7,5 Millionen Dollar zu der Mannschaft in Italiens drittgrößter, erfolgshungriger und verarmter Metropole wechselte, waren viele Experten überrascht. Nach zweieinhalb Jahren beim spanischen Giganten Barcelona, einer Zeit mit Erfolgen aber auch Rückschlägen, unterschrieb Maradona bei einem Verein, der in seiner sechzigjährigen Geschichte außer zwei Pokalsiegen noch nichts gewonnen hatte. Während die Fans in Turin, Mailand und Rom daran gewöhnt waren, alljährlich Meisterschaften und Pokalsiege zu feiern, schlummerte die Leidenschaft der Fans des SSC Neapel im Stillen, darauf wartend, dass ein Held ihr Leben einflößen würde.

Diego Armando Maradona, als fünftes von acht Kindern eines Fabrikarbeiters geboren und in den Slums von Buenos Aires aufgewachsen, war genau dieser Held. Energiegeladen, laut, leidenschaftlich und unangepasst bildeten Neapel und Maradona ein traumhaftes Duo. Der Verein hatte zahlreiche größere und betuchtere Rivalen im Norden Italiens, doch der dreiundzwanzigjährige Maradona, der genug auch mit eigenen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, war klein genug, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und großherzig genug, um alle im Sturm zu nehmen.

"Die Leidenschaft und auch seine Sensibilität tragen zu seinem außerordentlichen Willen bei, allen zu zeigen, dass er der Beste ist", sagte ein Vereinsarzt über Maradona.

Schönheit am Ball
Ästhetisch war er ein perfektes Symbol. Klein, gedrungen und tapfer, gewöhnlich unrasiert und mit langen, ungebändigten schwarzen Locken. Seine wahre Schönheit zeigte sich aber in der Arena, mit dem Ball am Fuß. Mit jedem Schwindel erregenden Dribbling, jeder Finte, jedem millimetergenauen Freistoß, jeder flehenden Geste schlug er die 86.000 Zuschauer im San-Paolo-Stadion und weitere Hunderttausende Fans in den Straßen der südlichen Metropole in seinen Bann.

Jeder Trick, mit dem er einen norditalienischen Verteidiger ins Leere laufen ließ, wurde als Erfolg des Südens gefeiert. Maradona war mehr als nur ein Fußballspieler. Er füllte eine soziale Rolle aus, wurde zum Aushängeschild für die Diskriminierten und Unterdrückten.

"Maradona ist ein Romantiker. Er spielt nur dann gut, wenn es ihm auch gut geht - und hier ist er genau richtig", erklärte ein Historiker Neapels.

"Dieco", wie er dort genannt wurde, wechselte zu einem Verein, der sich um einen Punkt vor dem Abstieg aus der ersten italienischen Division gerettet hatte. In seiner ersten Saison für Neapel traf er vierzehn Mal ins Schwarze und sein Team belegte den achten Platz. In der nächsten Saison waren es 11 Tore, und Neapel wurde Dritter. Der Appetit des Mittelfeldspielers und Stürmers nach Erfolg war jedoch unersättlich, und gehässige Kommentare wie "Lavatevi!" (Wasch dich!) trieben ihn zu immer neuen Höchstleistungen in der Serie A. Die Fähigkeiten von Neapels Nummer 10 wurden bald mit den Leistungen Zicos, Platinis und Falcaos verglichen. Am 10. Mai 1987, in dem Jahr, nach dem Maradona in Mexiko den Weltmeistertitel mit seinem Land errang, holten der Süden und Neapel zum ersten Mal die italienische Meisterschaft. Die Stadt feierte wie nie zuvor - und in diesem Augenblick wurde der junge Mann aus einem argentinischen Slum König von Neapel.

Unter den Besten zu sein
Das Team von Neapel bestand natürlich nicht nur aus Maradona. Präsident Corrado Ferlaino und Trainer Alberto Bigon hatten eine ganze Reihe hervorragender Spieler geholt, die mit hochtalentierten Eigengewächsen in eine Mannschaft gesteckt wurden, doch der "Pibe de oro", das "Goldbürschchen", war ihr Anführer.

"Ich bin nach Italien und zu Neapel gegangen, vor allem weil ich mit Maradona zusammenspielen wollte und habe deswegen auch andere Angebote abgelehnt", sagte Brasiliens Star Careca, der mit Bruno Giordano und Maradona zusammen die "MA-GI-CA"-Formel bildete. Ein weiterer Brasilianer, Alemao, spielte dort ebenfalls, zusammen mit anderen Größen wie Verteidiger Ciro Ferrara, Fernando de Napoli und dem "kleinen" Maradona, Gianfranco Zola.

Nach einem fantastischen Start in die Saison 1987/88 verlor Neapel fünf seiner letzten sieben Begegnungen und zuletzt noch den Scudetto an einen Oranje-eingefärbten AC Mailand (mit Marco van Basten, Ruud Gullit). Inter Mailand, das mit Lothar Matthäus und Andreas Brehme eine eigene deutsche Note hatte, holte zwar in der folgenden Saison den Meistertitel, doch Neapel gelang der erste Triumph der Vereinsgeschichte auf europäischer Ebene, als man im UEFA-Pokal triumphierte. Die Nummer 10 erzielte sechzehn Tore im Jahr der Weltmeisterschaft, sorgte so für einen erneuten Titelgewinn Neapels und löste noch mehr Hysterie aus.

"Mit ihm auf dem Platz fühlen wir uns unschlagbar, selbst wenn er nicht ganz fit ist", erklärte Fernando De Napoli. "Er hat nicht nur das ganze technische Niveau angehoben, sondern auch mehr Schwung in den ganzen Verein gebracht", merkte Trainer Alberto Bigon an.

Maradona war zur Legende geworden, war überall auf den Straßen mit überlebensgroßen Plakaten und Werbepostern zu sehen, war täglich Gegenstand von ausführlichen Berichten in der Presse. Wenn er die Stimme erhob, und das tat er oft, lauschte der ganze Süden gebannt.

Bereute Aussagen
In den späten achtziger Jahren galt die Serie A allgemein als die beste Liga der Welt. Bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 1990 bot sich Italien die Chance, zu zeigen, dass man auch die beste Nationalmannschaft hatte. Azeglio Vicinis Azzurri spielten gut und erreichten das Halbfinale ohne ein einziges Gegentor einstecken zu müssen. Argentinien hingegen war nur noch ein Schatten des Teams, das in Mexiko 1986 so zu überzeugen wusste und lediglich die nach wie vor vorhandene Magie Maradonas und die herausragenden Leistungen ihres Torhüters Sergio Goycochea in den Elfmeterschießen hatte es dem Weltmeister ermöglicht, bis ins Halbfinale vorzudringen.

Wie das Schicksal es so wollte, traf im Halbfinale Maradonas Argentinien in Neapels San-Paolo-Stadion auf Italien. Im Bemühen, bestehende Ressentiments gegen den Norden auszunützen, forderte Diego die Neapolitaner in den Tagen vor dem Spiel auf, Argentinien zu unterstützen. Seine Aussagen sorgten für einen Sturm der Entrüstung in Italien und schockierte auch die Menschen vor Ort. "Wir sind Italiener und unterstützen auch Italien", erklärte ein Einwohner der Stadt. "Mehr noch, wir Neapolitaner sind mehr Italiener als die Italiener selbst."

Maradona sollte seine Worte später bereuen. Auf einem der Plakate während des Spiels stand "Italia è nostra patria". Argentinien gewann die Partie im Elfmeterschießen, und im Finale in Rom wurde ihr Spielführer mit einem Pfeifkonzert und Schmährufen empfangen wie wohl kaum ein anderer Spieler zuvor und danach.

Doch der Anfang vom Abschied war durch Maradonas gedankenlose Aussagen eingeläutet worden. Während der Jahre in Neapel hatten Diegos zahlreiche neue Freunde ihn vom Fussballfeld entfremdet und in die berüchtigte Nachtwelt Neapels eingeführt. Maradona, durstig nach Bewunderung, tobte sich dort aus, wo man ihn scheinbar am meisten zu schätzen wusste. Seine wilde Lebensart führte schließlich unweigerlich dazu, dass er in den Klauen der Camorra, Neapels Mafia, landete.

"Ich habe mich immer gefragt, was für Leute wohl um drei oder vier Uhr morgens vorbeikommen", erinnerte sich seine Frau Claudia Villafane später. "Wer mit Drogen zu tun hat, möchte, dass auch alle anderen in der Gruppe damit zu tun haben. Ich war nicht glücklich darüber, dass uns derartige Leute besuchten."

Sex, Drogen und Fussball
In seiner letzten Saison 1990/91 fehlte Maradona immer wieder beim Training und sogar bei Spielen. "Ich bin oft bei Diego zu Hause vorbeigegangen und habe versucht, ihn dazu zu bewegen, zum Training zu kommen. Ich sagte, dass wir kurz vor einem wichtigen Spiel stünden und ihn bräuchten", erinnert sich Ciro Ferrar, ehemaliger Verteidiger in Neapel, heute bei Juventus Turin. "Er hörte auf mich und kam zum Training, arbeitete das ganze Kokain wieder aus seinem Körper heraus. Dann zogen wir los um eine Pizza zusammen essen. Im Nachhinein wünschte ich, dass ich das öfters getan hätte."

Die Affäre erreichte ihren Höhepunkt, als der Argentinier vorgab, verletzt zu sein, und nicht mit der übrigen Mannschaft zum entscheidenden Zweitrundenspiel im Europapokal zu Spartak Moskau fuhr. In letzter Minute reiste er zwar noch mit dem Flugzeug nach, aber Neapel schied aus dem Wettbewerb aus.

Mittlerweile 30 Jahre alt, wurde Maradona nun langsamer und zeigte erste Anzeichen von Verschleiß aufgrund der vielen Fouls, die er in einer der härtesten Ligen der Welt und in einem Bereich, in dem Stürmer ohnehin kaum geschützt werden, hatte einstecken müssen. "Notfalls spiele ich auch in einem Rollstuhl noch für Neapel", erklärte er nach einem Spiel, in dem noch einmal sein ganzes Können aufgeblitzt war. Diese Augenblicke wurden jedoch immer seltener. Bis zu seiner fünfzehnmonatigen Sperre im April 1991 würde er weiterhin seine Quote von einem Treffer alle zwei Spiele beibehalten (115 Tore in 259 Spielen insgesamt), doch die meisten erzielte er mittlerweile vom Elfmeterpunkt aus.

Als Retter verehrt, als er sieben Jahre zuvor angekommen war, verließ er nun Neapel fast bei Nacht und Nebel, wie ein Dieb. Gegen ihn war ein Verfahren wegen Verwicklung in einen Prostituiertenring anhängig, außerdem lief eine Vaterschaftsklage sowie ein Verfahren des italienischen Verbandes gegen Maradona. Nach einer Weile in Buenos Aires kehrte er nach Spanien und Sevilla zurück, wo der damalige FIFA-Präsident João Havelange ihn mit dem ehemaligen argentinischen Nationaltrainer Carlos Bilardo zusammenbrachte.

"Ich habe Neapel sofort geliebt. Neapel hat alle meine Wünsche erfüllt. Ich werde immer in der Schuld dieser Stadt stehen", war eine von Maradonas vernünftigeren Aussagen, bevor er das Land verließ.

Für die Neapolitaner und auch die Napoli-Spieler kam Maradonas plötzliche Abreise dennoch völlig überraschend. "Es wird schwierig sein, dieses Trikot zu tragen", erklärte sein designierter Nachfolger Zola zu dem Trikot mit der Nummer 10.

Maradona sollte dreizehn Jahre nicht mehr nach Italien zurückkehren. Napoli wurde wieder zur Fussballprovinz, dem Verein geht es heute sogar noch schlechter als vor Maradonas Ankunft.

In den Bars im Bereich des Hafens erzählen jedoch Vätern ihren ungläubigen Söhnen noch von den Tagen des Ruhms. Und wie bei allen Legenden scheint es, dass die Geschichten um die Affäre zwischen Maradona und Neapel mit der Zeit immer großartiger und leidenschaftlicher werden.