Tagtäglich spielen Tausende 15-Jährige in aller Welt in kleinen südamerikanischen Vereinen, eifern ihren Idolen nach und fühlen sich als kleine Stars. Einige Hundert von ihnen vielleicht verspüren tief in sich die Fähigkeit, einmal ihre Qualitäten in Europa unter Beweis stellen zu können, doch am Ende bringt nur eine Handvoll den Mut auf, sich auf den langen Weg über den Atlantik zu machen. Sie wandern mit leeren Taschen aus und verfolgen einen Traum, der in ihrem Alter ein fast unmögliches Unterfangen ist...

Sie würden mit großem Interesse die Geschichte von Alberto Facundo Costa hören, der Ende 2000 seine argentinische Heimat verließ, um zunächst auf der französischen Insel Guadeloupe Fussball zu spielen. Heute, ein Jahrzehnt später, glänzt er als eleganter Mittelfeldstar Tino Costa bei CF Valencia in Spanien.

Dem Schicksal auf die Sprünge helfen
Im Gegensatz zu vielen anderen Landsleuten hat dieser Linksfuß, der über eine großartige Technik, einen starken Schuss und auch Zug zum gegnerischen Tor verfügt, nicht den Weg über die kleineren Ligen seines Heimatlandes genommen. Er spielte bei AC La Terraza in Las Flores, seiner Heimatstadt, in der er am 8. Januar 1985 geboren wurde, als ihm ein befreundeter Arzt ein Angebot machte, das sein Leben verändern sollte. "Er hatte eine Klinik in Guadeloupe, wo man ihn fragte, ob er einen Spieler kennt, der etwas zum Fussball auf der Insel beitragen könnte. Ein paar Tage zuvor hatte ich ein Probetraining bei Estudiantes de La Plata absolviert, wo man mich jedoch kaum beachtet hatte. Da ich damals keine anderen Pläne hatte, habe ich das Angebot angenommen", erzählt Costa in einem Exklusiv-Interview mit FIFA.com.

Auch wenn es ehrgeizig klingt, entschloss er sich, beim Amateurverein Racing Club Basse-Terre einige klar gesteckte Ziele zu verfolgen: "Zunächst wollte ich gut Französisch lernen und dann einen anderen Fussball als den in Argentinien spielen. Danach, dachte ich mir, würde man schon sehen, was passiert. Insgeheim hielt ich es aber immer für möglich, von dort aus nach Frankreich oder in ein anderes europäisches Land zu wechseln", gesteht Tino, der diesen Beinamen zum Teil seinem Großvater zu verdanken hat, der ihn aufgrund seiner Ähnlichkeit mit einer Persönlichkeit aus einer Fernsehserie "Faustino" nannte, was seiner Mutter aber wiederum nicht gefiel, die den Namen entsprechend verkürzte.

Paris erhält den Zuschlag
Die Anpassung fiel ihm alles andere als leicht. "Es war ein wunderschöner Ort mit idealem Klima. Aber ich sprach kein Französisch und war dort ganz alleine. Es gab Tage, da wollte ich zurückkehren. Aber irgendwie habe ich es dann doch dank des Fussballs und der Schule ertragen", erinnert er sich. "Es hat mir auch geholfen, bei einer Familie vor Ort zu leben, die Kinder in meinem Alter hatte und meine Schulausgaben bezahlte. Aber da sie nicht viel Geld hatten und man mir von Argentinien aus nichts schicken konnte, habe ich nebenher noch in einem Supermarkt gearbeitet. So konnte ich mich über Wasser halten."

Und wie lief es im Fussball? "Das lief wunderbar. Viele Leute kamen zu unseren Spielen, ich habe das sehr genossen …. 2003 hatte ich ein Probetraining in Auxerre und auch in Lyon, bin dort aber nicht geblieben. 2004, nachdem wir ein paar Mal das Endspiel erreicht hatten, kam ein Angebot von Racing Paris. Da ich mittlerweile schon drei Jahre auf der Insel gespielt hatte, musste ich nicht lange nachdenken", erinnert er sich ohne große Wehmut.

Sprung ins Glück
Persönlich war die Ankunft in Paris wie ein völliger Neubeginn für ihn. "Von der Hitze kam ich in die Kälte, von einem Küstenort in eine europäische Großstadt, und wieder war ich ganz alleine… Immerhin konnte ich inzwischen die Sprache", fügt er lächelnd hinzu. Fussballerisch war es auf jeden Fall eine Herausforderung. "Ich hatte bis dahin im Amateurfussball gespielt und der Wechsel zu den Halbprofis in die dritte Liga war ein großer Schritt. Schon beim Training ging es ganz anders zur Sache. Zum Glück habe ich die Chance mit beiden Händen ergriffen und schon in der ersten Saison 2004/05 fast 30 Spiele von Beginn an bestritten", erinnert er sich.

In der folgenden Spielzeit wechselt er zum FC Pau, wo er 66 Spiele bestritt und dabei vier Tore erzielte. Der entscheidende Sprung gelang ihm jedoch nach eigenem Bekunden beim FC Sète, wo er von der Außenbahn in die Mitte des Platzes wechselte. "In meinem zweiten Jahr dort hätten wir fast den Aufstieg in die Ligue 2 geschafft. Ich erhielt dann sieben Angebote von Zweitligamannschaften und habe mich am Ende für HSC Montpellier entschieden." Es sollte die richtige Entscheidung sein, denn in seiner ersten Spielzeit, 2008/09, war er einer der Schlüsselspieler beim Aufstieg in die Ligue 1. "Am letzten Spieltag mussten wir gegen Racing Strasbourg antreten. Denen hätte ein Unentschieden gereicht, um aufzusteigen, wir aber mussten unbedingt gewinnen. Das haben wir auch geschafft. Dabei habe ich ein Tor vorbereitet und eins per Freistoß selbst erzielt."

Costa hatte auch dann nicht den Eindruck, dass sein Traum bereits wahr geworden war. "Etwas in der Art spürte ich, nach dem Debüt in der ersten Liga. Es war ein Auswärtsspiel und als wir wieder in der Kabine waren, merkte ich, dass sich all die Opfer gelohnt hatten, auch wenn ich noch mehr wollte." Ähnlich ging es ihm, nachdem er Mitte 2010 zu CF Valencia gewechselt war. "Wenn du hier stehen bleibst, dann fressen sie dich auf. Ich habe also alles getan, um noch besser zu werden und immer nach vorne zu blicken."

"Ich würde mir einen Chance geben"
Es dauerte ein wenig, bis sich Tino einen Stammplatz eroberte. Er schaffte es mit beständigen guten Leistungen und einigen wichtigen Toren. "Der französische Fussball ist sehr körperlich geprägt, während in Spanien anders gespielt wird. Man baut das Spiel von hinten auf, hält den Ball nur ganz kurz, spielt schnell. Es ist anders und man braucht eine Weile, um sich daran zu gewöhnen", erläuterte der Spieler, der früher ein großer Bewunderer von Fernando Redondo war, eine Tätowierung mit dem Autogramm von Diego Maradona trägt und eines Tages bei San Lorenzo in seiner Heimat spielen möchte.

Nachdem er einräumt, dass er das Ausscheiden in der UEFA Champions League gegen Schalke 04 immer noch nicht verdaut hat, "denn wir wollten wirklich weit kommen", kommt das Gespräch auf ein unvermeidliches Thema: die argentinische Nationalmannschaft. "(Sergio) Batista beruft meiner Ansicht nach die besten Spieler auf meiner Position ins Team. Wenn ich er wäre, würde ich mir aber eine Chance geben! (lacht) Nicht unbedingt als Stammspieler, aber wenigstens um dazuzugehören, als Belohnung für meine Leistungen im Verein."