Einige wollen schön spielen, andere effektiv. Filippo Inzaghi gehört ganz klar in die zweite Kategorie. An ihm scheiden sich die Geister. Aber egal ist er niemandem. Immer hart am Rande des Abseits.

"Er ist im Abseits geboren", sagte gar Sir Alex Ferguson einst. Der Italiener gehört zu jenen Spielern, die man oft über 90 Minuten nicht sieht. Und die dann aus dem sprichwörtlichen Nichts heraus doch noch das entscheidende Tor machen.

Der Stürmer vom AC Mailand darf sich Weltmeister von 2006 nennen. Und auch sonst zieren seine persönliche Visitenkarte die tollsten Titel und Tore. So ist Inzaghi der erste und bis heute einzige Spieler, der in allen Vereinswettbewerben getroffen hat.

Begonnen hat er seine Karriere einst in Piacenza. Von dort aus ging es über Juventus Turin, den FC Parma und Atalanta Bergamo weiter, ehe er zum festen Inventar des AC Mailand wurde. Der inzwischen 38-Jährige musste sich am 23. November 2010 einer Kreuzband-Operation am linken Knie unterziehen und arbeitet seitdem auf sein Comeback hin.

FIFA.com hat sich mit dem Mann getroffen, der wie kein Zweiter die vom Aussterben bedrohte Spezies des Torjägers verkörpert. Siegeshungrig ist Inzaghi indes wie eh und je. "Mein Ziel ist es, wieder zu spielen und mir den Torrekord in den europäischen Wettbewerben zurückzuholen", kündigt er an.

Filippo, Sie sind jetzt 38 Jahre alt und wollen trotz Ihrer schweren Sportverletzung einen neuen Anlauf nehmen. Was ist das Geheimnis Ihrer Motivation? Und wie kann man so lange auf Topniveau spielen wie Sie?
Es stimmt, ich habe lange auf höchstem Niveau gespielt und mir dabei auch mehrfach Verletzungen zugezogen, die das Ende meiner Karriere hätten bedeuten können. Aber ich habe nie aufgegeben. Auch nicht in den ganz schweren Momenten wie dem Ende November des vorigen Jahres, als ich mir diesen Kreuzbandriss zugezogen habe. Mein Geheimnis ist meine Leidenschaft und meine Liebe zum Fussball. Ich schätze mich glücklich, dass ich im Leben das machen konnte, was mir am Herzen lag: Fussball spielen. Zudem hatte ich das Glück, prestigeträchtige Titel zu gewinnen. Mit dem AC Mailand habe ich allein zwei Mal die UEFA Champions League gewonnen.

Haben Sie, als Sie von Ronaldos Karriereende hörten, mal das Gefühl gehabt, es ihm besser gleich zu tun?
Das muss jeder Spieler so halten, wie er will. Aber natürlich hat es mich berührt, dass ein Großmeister wie Ronaldo, einer der Besten aller Zeiten, seine Karriere beendet. Aber um so glücklicher schätze ich mich, dass ich mit 38 Jahren noch mal um die Fortsetzung meiner Karriere kämpfen kann und dabei einen Klub, Mitspieler und Tifosi hinter mir habe, die mich bedingungslos unterstützen.

Wie definieren Sie Ihre Spielweise?
Ich glaube, mein Spiel beruht vor allem auf dem richtigen Timing. Für einen Spieler für mich ist es sehr wichtig, immer an der Grenze zum Abseits zu spielen - immer bereit, das gegnerische Tor anzuvisieren. Außerdem hilft Instinkt, wenn es darum geht, den Ball ins Tor zu spitzeln.

Stichwort: Glauben Sie, dass solche Instinktfussballer wie Sie langsam aussterben?
Instinkt ist bei einem Fussballer Teil seines Talents. Aber neben Talent braucht man auch viel Trainingsfleiß und Disziplin im Alltag. Ich glaube, talentierte Spieler gibt es viele, aber sie machen zu wenig aus ihrem Potenzial. Talent ist ein Geschenk, das nicht leichtfertig verschleudert werden darf.

Welcher Spieler hat Sie im Verlaufe Ihrer langen Karriere am meisten beeindruckt?
Da gab es viele. Aber ich denke, wenn man da Talent in Relation zum Alter setzt, dann ist Lionel Messi schon ein außergewöhnlicher Spieler.

Wer wäre Ihr Idol, wenn Sie nochmal Kind sein könnten?
Es ist schwierig, da Namen zu nennen. Aber sicherlich würde ich mich für einen Stürmer entscheiden, der zwei meiner Vorbilder aus der Kindheit nahe kommt: Marco van Basten und Paolo Rossi.

Gab es in Ihrer Karriere eigentlich nie Trainer, die von Ihnen verlangt haben, mehr nach hinten zu arbeiten, um die Mannschaft zu entlasten?
Sagen wir mal so: Ich habe immer so gespielt, dass nie von mir verlangt wurde, nach hinten zu arbeiten, um die Defensive zu entlasten. Aber abgesehen davon ist es in einer Mannschaft normal, dass sich jeder Spieler unabhängig von seiner Position in bestimmten Momenten in den Dienst des Teams stellt.

Welcher Trainer hat bei Ihnen denn den größten Eindruck hinterlassen?
Besonders gern erinnere ich mich an Luigi Cagni und Bortolo Mutti. Cagni hat mir (bei Piacenza in der Saison 1994/95) viele praktische Tipps gegeben, die mir heute noch, mit 38 Jahren, helfen, auf höchstem Niveau zu spielen. Und Mutti hat mich (bei Leffe in der Saison 1992/93) ins kalte Wasser des Profi-Fussballs geworfen. Sehr verbunden fühle ich mich auch Carlo Ancelotti, den ich sowohl bei Juventus Turin als auch beim AC Mailand als Trainer hatte, und mit dem ich unvergessliche Glücksmomente erlebt habe. Auch mit dem "Mister", Massimiliano Allegri, hatte ich sofort ein gutes Verhältnis. Ich hoffe von ganzem Herzen, dass ich für ihn und für Mailand noch mal etwas gewinnen kann.

Welcher Verteidiger hat Sie vor die größten Probleme gestellt?
Es ist mir natürlich mehrfach passiert, dass mich Abwehrspieler vor Probleme gestellt haben, aber wenn ich nur einen Namen nennen sollte, dann wäre es Paolo Maldini. Ich hatte die Ehre, ihn zum Gegenspieler zu haben und bei Mailand mehrere Jahre mit ihm zusammen zu spielen. Es waren Jahre, in denen wir unvergessliche Siege gefeiert haben.

In Ihrem Alter denkt man vermutlich zwangsläufig über die Vergangenheit nach? Woran erinnern Sie sich besonders gern, woran gar nicht gern?
Meine schönste Erinnerung ist vielleicht die an das UEFA Champions League-Finale 2007 in Athen, als mir beim 2:1 gegen Liverpool beide Tore gelungen sind. Gar nicht gern erinnere ich mich an die vielen Verletzungen, die mich zu langen Pausen gezwungen haben. Niederlagen sind im Grunde genommen nichts Schlechtes. Die gehören zum Spiel dazu.

Glauben Sie immer noch, beim AC Mailand neben Robinho, Zlatan Ibrahimovic, Alexandre Pato und Antonio Cassano Ihren Platz zu haben?
Dazu sage ich nur so viel: Am Tag nach meiner Verletzung ist die ganze Mannschaft zu mir gekommen und hat mich in Milanello aufgemuntert. Ich muss sagen, das hat mich gerührt. Ich glaube nicht, das mein Comeback für irgendjemanden ein Problem wäre. Im Gegenteil, damit hätten wir im Angriff doch eine Option mehr. Ich möchte der Mannschaft etwas geben und bin überzeugt, dass ich das kann. Wenn ich das Gefühl hätte, ein Problem zu haben, dann würde ich nicht hier spielen.

Wann stehen Sie also wieder auf dem Platz?
Bald, hoffe ich. Sehr bald. Mein Ziel ist, wieder zu spielen und mir den Torrekord in den europäischen Wettbewerben zurückzuholen.