Per Definition ist eine Überraschung eine kurzfristig eintretende, unvorhergesehene Situation oder Entwicklung. Die überragende Saison 2009/10 des HSC Montpellier nach dem Wiederaufstieg in die Ligue 1, die mit dem fünften Tabellenplatz endete, war demnach in der Tat eine große Überraschung.

Doch was ist, wenn sich das gleiche Szenario regelmäßig wiederholt, die Ausnahme quasi zur Regel wird: Kann man in einem solchen Fall immer noch von einer Überraschung sprechen?

Schließlich spielen die Südfranzosen inzwischen bereits die dritte Saison in Folge in der Eliteklasse ihres Landes und mischen noch immer ganz oben mit. Dies belegt nicht zuletzt der aktuell zweite Tabellenrang, den Montpellier nach der Hälfte der Hinrunde in der laufenden Spielzeit belegt.

"Noch mehr möglich"
Auch wenn es noch etliche Skeptiker gibt, die nach wie vor nicht glauben mögen, dass der Klub aus dem Département Hérault ein ernsthafter Anwärter auf die Spitzenplätze sein könnte, HSC-Trainer René Girard zeigt sich davon unbeeindruckt und lässt es sich nicht nehmen, schon einmal einen Blick nach vorn zu werfen. "Wir sind zwar derzeit Tabellenzweiter, doch es ist noch etwas früh, unsere Position am Saisonende vorauszusagen", so der Coach wenige Tage vor dem Heimspiel gegen FCO Dijon am zehnten Spieltag der französischen Meisterschaft.

"Berechtigte Hoffnungen können wir uns dennoch machen. Vor der Saison hatten wir uns das Ziel gesetzt, es unter die ersten sieben Mannschaften zu schaffen. Jetzt spüren wir, dass durchaus noch mehr möglich ist." Diese mutige Ansage kommt immerhin aus dem Munde eines Trainers, dessen Klub vom Umfang des ihm zur Verfügung stehenden Budgets her nur Rang 14 unter allen französischen Profiklubs einnimmt - was sein Team indes nicht daran hinderte, sich vor zwei Jahren für den UEFA-Pokal zu qualifizieren und im vergangenen Jahr bis ins Finale des französischen Ligapokals vorzustoßen.

Die Lust am Spiel
Zu Beginn der laufenden Saison 2011/12 macht Montpellier als unmittelbarer Verfolger von Tabellenführer Paris Saint-Germain von sich reden. "Wir wollen zeigen, dass auch ein Klub, der nur über bescheidene Mittel verfügt, den finanzstarken Vereinen, deren Etat um die 150 Millionen Euro und mehr beträgt, Paroli bieten kann", freut sich der frühere Mittelfeldakteur und Nationalspieler, der bei der FIFA WM 1982 mit Frankreich das Halbfinale erreicht hatte.

"Das ist die schönste Belohnung für unsere Arbeit. Geld ist im Fussball nicht alles. Natürlich ist es gut, wenn man genug davon hat. Andererseits kann man auch über das Mentale, die Lust am Spiel und die Kontinuität sowie mit jungen Talenten und guter Arbeit viel erreichen."

Jede Menge Temperament
Denn was die Mannschaft von HSC Montpellier auszeichnet, ist vor allem ihre kämpferische Einstellung, die im Verein seit jeher Tradition hat - eine Tugend, die von dem leidenschaftlichen und temperamentvollen Louis Nicollin, der dem Klub sei 1974 als Präsident vorsteht, ebenso verkörpert wird wie durch den für seine emotionale und kompromisslose Art bekannten Trainer Girard. Nicht zuletzt deshalb steht sein Team inzwischen in dem Ruf, einen rauen und bisweilen gar aggressiven Stil zu pflegen, was übrigens auch durch die Platzierung in den letzten beiden Fairplay-Wertungen - Montpellier landete dort auf dem letzten bzw. vorletzten Rang - bestätigt wurde.

"Das Image, dass wir eine heißblütige Mannschaft sind, akzeptiere ich voll und ganz. In meinen Augen ist es eine Art Anerkennung, denn Temperament gehört für mich einfach zum Fussball dazu", versichert uns Girard, der früher als Spieler von Olympique Nîmes und Girondins Bordeaux wegen seiner teils rüden Tacklings gefürchtet war. "Doch abgesehen von solchen Tugenden wie Kampfgeist, Einsatzbereitschaft und Kompromisslosigkeit, die man uns allgemein zuschreibt, verdanken wir unsere Leistungen auch unserer Spielfreude. Gerade das wird aber viel zu selten erwähnt."

Belhanda beeindruckt
Bevor sie dem Verein den Rücken kehrten, hatten der Argentinier Tino Costa und der Kolumbianer Victor Hugo Montaño in der ersten Saison nach dem Aufstieg in die Ligue 1 für Furore gesorgt. An ihre Stelle traten Olivier Giroud, Marco Estrada und Younès Belhanda.

Letzterer zählt übrigens zu der Goldenen Generation, die den Gambardella-Cup, einen französischen Pokalwettbewerb für U-19-Teams, gewann. Heute ist er einer der Schlüsselspieler. Nicht weniger als 13 Spieler des aktuellen Profiteams stammen aus dem eigenen Nachwuchs - sehr zur Freude von Girard, der mit Leib und Seele als Ausbilder und Trainer tätig ist und für den "sich die Arbeit mit dem Nachwuchs stets auch auszahlen muss."

Gezielte Förderung
Als ehemaliger Trainer der französischen Junioren-Auswahlteams (2002 bis 2008) weiß Girard das ihm derzeit zur Verfügung stehende Potenzial natürlich zu schätzen. "Eine allgemein übliche Faustregel bei der Ausbildung von jungen Fussballern lautet: Wenn daraus ein, zwei oder drei Topspieler hervorgehen, ist das schon ein gutes Ergebnis", so Girard, der mit Girondins Bordeaux drei Mal französischer Meister wurde.

"Was unseren aktuellen Nachwuchs anbelangt, so meine ich - ohne mich zu weit aus dem Fenster lehnen zu wollen und selbst auf die Gefahr hin, dass ich mich täuschen kann -, dass es sich dabei um eine herausragende Spielergeneration handelt", ist sich Girard sicher, bevor er seine Aussage leicht relativiert. "Zwischen der Jugend- und Juniorenkategorie und den Profis klafft allerdings noch ein gewaltiger Unterschied, den es erst einmal zu bewältigen gilt. Daher muss man die jungen Spieler ständig im Auge behalten und ihnen klar machen, dass der Beruf des Profifussballers kein Zuckerschlecken ist. Es ist schon oft genug vorgekommen, dass einst äußerst hoffnungsträchtige Talente auf halbem Weg stehen geblieben sind. Also müssen wir dafür Sorge tragen, dass uns dies nicht auch mit der heutigen Spielergeneration passiert."

"Grundlage für künftige Erfolge"
Girard ist überzeugt, dass dies gelingen wird, zumal seine jungen Spieler alle Voraussetzungen für eine erfolgreiche Karriere mitbringen und vielleicht schon in dieser Saison etwas Außergewöhnliches bewirken könnten.

"Meiner Meinung nach bildet die gute Arbeit, die wir bisher geleistet haben, die Grundlage für künftige Erfolge. Und im Moment sind wir gerade dabei, mit Leistungen auf uns aufmerksam zu machen, die mehr als interessant sind. Auch wenn es etwas vollmundig klingen mag: Wenn wir am Saisonende so dastehen würden wie jetzt, müssten wir uns wohl nicht schämen." Eine echte Überraschung wäre das jedenfalls nicht mehr.