Girondins Bordeaux, OSC Lille, Olympique Marseille, AJ Auxerre, Olympique Lyon und Paris Saint-Germain: Diese sechs Klubs befinden sich derzeit unter den sieben führenden Teams in Frankreichs Ligue 1. Eine Tabellenkonstellation, die für sich genommen noch nichts Ungewöhnliches darstellt. Dass aber seit Beginn der Saison 2009/10 ausgerechnet einer der Aufsteiger von sich reden macht und es zwischenzeitlich bis an die Tabellenspitze schaffte, ist alles andere als alltäglich.

Nicht nur, dass sich HSC Montpellier nun schon seit dem vierten Spieltag in der vorderen Tabellenhälfte behauptet, pünktlich zum Jahresende kletterten die Südfranzosen sogar auf Platz drei, nachdem sie im letzten Spiel vor der Winterpause am 23. Dezember gegen Olympique Lyon einen 2:1-Auswärtssieg landen konnten. Eine Art Wintermärchen, das dem Traditionsklub aus der Hauptstadt des Départements Hérault endlich den seit Jahren angestrebten Aufschwung bescherte.

Nicollin begründete eine neue Ära
Der bereits im Jahr 1919 gegründete Verein erlebte im Jahr 1974 einen radikalen Umbruch. Damals übernahm mit Louis Nicollin eine außergewöhnliche Persönlichkeit die Vereinsführung. Der als Genießer bekannte Klubpräsident, der locker 100 Kilogramm auf die Waage bringt, gilt einerseits als ein erfolgreicher Unternehmer mit ausgeprägten Führungsqualitäten. Andererseits trat er in der Vergangenheit häufig mit Äußerungen an die Öffentlichkeit, die nicht immer unumstritten waren.

So wurde er gleich im ersten Jahr nach seiner Amtsübernahme zwei Mal vom französischen Fussballverband mit einer Sperre belegt, weil er nach einem Punktspiel seiner Mannschaft in Auxerre anstößige Kommentare abgegeben hatte.

Milla prägte die 80er Jahre
Dennoch wird das Wirken von Nicollin heute in ganz Frankreich geschätzt. Dies ist sicher der Tatsache geschuldet, dass seine verbalen Entgleisungen eher auf eine übersteigerte Leidenschaft für seinen Verein denn auf Böswilligkeit zurückzuführen sind. Außerdem hat er durch sein sonstiges Verhalten längst bewiesen, wie sehr er sich dem französischen Fussball insgesamt verbunden fühlt.

Unter seiner Führung sowie dank beträchtlicher Investitionen entwickelte sich HSC Montpellier zu einem finanziell soliden Klub in einem gesunden Umfeld. Nachdem im Jahr 1978 die Umwandlung in eine Profi-Mannschaft vollzogen wurde, feierte der HSC dann ab Mitte der 80er Jahre seine bisher größten Erfolge. Großen Anteil daran hatte Roger Milla, der es in 102 Pflichtspielen auf 41 Tore brachte.

Blanc, Valderrama und Cantona
Die Höhepunkte aus dieser Zeit waren zweifellos der Triumph im französischen Pokal (1990) und die Teilnahme am Europokal der Pokalsieger im Jahr darauf. Angeführt von Spielern mit großen Namen wie Laurent Blanc, Carlos Valderrama und Eric Cantona schaltete HSC Montpellier seinerzeit sowohl PSV Eindhoven als auch Steaua Bukarest aus, bevor das Team gegen Manchester United nach einem 1:1-Unentschieden im Old Trafford und einer 0:2-Niederlage im eigenen Stadion die Segel streichen musste.

Nachdem die Mannschaft zu Beginn des neuen Jahrtausends ständig vom Abstieg bedroht war, landete sie im Jahr 2004 auf dem letzten Tabellenplatz und musste folglich den bitteren Gang in die zweite Liga antreten. Danach zeigte es sich, dass der Wille und die finanziellen Mittel als Voraussetzung für den Wiederaufstieg vorhanden waren, einzig die Ergebnisse konnten nicht mit den Erwartungen mithalten.

Girard nutzte die Chance
Bis zur Saison des Vorjahres. Da hatte der gleichfalls für seine markigen Sprüche bekannte Trainer Rolland Courbis in seiner seit einem Jahr währenden Tätigkeit bereits die Grundlagen für den späteren Erfolg geschaffen. Und einer seiner Spieler hatte sich inzwischen zum Leistungsträger und Symbol einer Mannschaft gemausert, die ohne jegliche Hemmungen aufspielte. Damals hatte der im Jahr 2005 verpflichtete Stürmer Victor Hugo Montaño aus Kolumbien erst zwölf Treffer für den HSC erzielt. Doch dann explodierte er förmlich und schoss sein Team mit 15 Toren in 35 Pflichtspielen wieder in die Elite des französischen Fussballs. Tatkräftige Unterstützung erhielt er dabei von einem bis dahin völlig unbekannten Vorlagengeber, dem Argentinier Alberto Costa.

Nach der Hälfte der Saison entschied sich Courbis allerdings, den Klub zu verlassen. Daraufhin überraschte "Loulou" Nicollin die ganze Fachwelt und holte mit René Girard einen früheren Auswahltrainer (er war als Assistenztrainer der A-Nationalmannschaft, als Trainer der U-19- und der U-16-Auswahl sowie des französischen Nachwuchses tätig), der seit über zehn Jahren keine Klubmannschaft mehr trainiert hatte. Ein überaus gewagter Schritt, doch der Klubpräsident spekulierte auf den Ehrgeiz eines Trainers, der sein abruptes Ausscheiden aus dem Trainerstab der französischen Auswahlteams immer noch nicht verwunden hatte und deshalb seine Fähigkeiten noch einmal unter Beweis stellen wollte.

Routine und Siegeswille
Mit viel Feingefühl und ohne größeres Aufsehen machten sich die beiden neuen Verbündeten daran, eine Mannschaft zu formen, die neben talentierten Spielern auch über erfahrene Routiniers verfügt. Im Zuge dieses Umbauprozesses sahen sich hervorragende Talente aus der eigenen Nachwuchsabteilung wie Geoffrey Jourdren, Mapou Yangambiwa, Younes Belhanda und Karim Aït-Fana durch einige "alte Hasen" vom Schlage eines Cyril Jeunechamp (über 300 Punktspiele in der Ligue 1), Romain Pitau (rund 250 Ligaspiele), Geoffrey Dernis (rund 150 Liga-Partien) sowie durch einen weiteren "Unbekannten", den Bosnier Emir Spahic, ergänzt. All diese "Oldies" vereint der unbändige Wille, es noch einmal wissen zu wollen.

Diese gesunde Mischung war es denn auch, die dem Team schon bald die nötige Stabilität gab, um in die Erfolgsspur zurückkehren zu können. Davon zeugt die beeindruckende Bilanz in der Hinrunde mit zehn Siegen, drei Remis und fünf Niederlagen, die den Südfranzosen Rang drei in der aktuellen Tabelle einbrachte.

Mit Spaß bei der Sache
"Ehrlich gesagt hat mich meine Mannschaft überrascht", räumte HSC-Coach René Girard unlängst ein. "Es ist lange her, dass ich solch ein Team erlebt habe, dessen Spieler so aufmerksam zuhören können. Ich bin echt verblüfft von den Jungs. Dass wir heute so weit oben stehen, kommt nicht von ungefähr."

Am Mittwoch holt HSC Montpellier bei AS Monaco eine am 15. Spieltag ausgefallene Partie nach. Und die Mannschaft weiß, dass sie bei einem Sieg sogar auf Platz zwei hinter Titelaspirant Girondins Bordeaux vorrücken würde. Dann würde der von Trainer Girard zum neuen Jahr geäußerte Wunsch für ein weiteres Mal in Erfüllung gehen. Denn dieser hatte kürzlich verkündet: "Meine Hoffnung für das Jahr 2010 ist einfach die, dass wir so lange wie möglich Freude haben werden."