FIFA Futsal-Weltmeisterschaft Litauen 2021™

FIFA Futsal-Weltmeisterschaft Litauen 2021™

12 September - 3 Oktober

FIFA Futsal-WM 2021

Manoel Tobias: "Ich halte mich für den größten Spieler aller Zeiten"

Manoel Tobias in action at the FIFA Futsal World Cup in 2004
© FIFA.com
  • Manoel Tobias ist einer der besten Akteure der Futsal-Geschichte
  • An seinem 50. Geburtstag blickt er zurück auf seine ruhmreiche Karriere
  • Er sprach auch über das Training mit Ronaldinho und über Litauen 2021

Haben Sie als Heranwachsender mehr Futsal oder mehr Fussball gespielt?

Beides. 1986 stand ich bei Nautico Capibaribe unter Vertrag, und zwar als Futsalspieler und als Fussballspieler. Ich spielte Fussball in der Altersklasse U-17 und Fussball schon bei den Senioren. Es hätte ewig so bleiben können. Doch Ende 1988 musste ich eine Entscheidung fällen und mein Herz neigte stärker dem Futsal zu.

Nur wenige Jahre später flogen Sie zu Futsal-Weltmeisterschaft…

Schon seit ich ein kleines Kind war hatte ich davon geträumt, mein Land bei einem großen Turnier zu vertreten. Davon habe ich unzählige Male geträumt. Als ich mich für den Futsal entschieden hatte, wusste ich, dass eine WM bevorstand und natürlich träumte ich davon, dabei zu sein. Und dann war es so weit: Als 21-Jähriger flog ich mit all diesen etablierten Spielern nach Hongkong. Unsere Ankunft am Flughafen in Hongkong werde ich niemals vergessen. Wir waren das Scheinwerferlicht nicht gewöhnt. Doch hier war alles voller FIFA-Emblems und es waren sehr viele Fotografen vor Ort. Das Gefühl, bei einem FIFA-Turnier zu sein, war sehr intensiv. So etwas passiert einem Typ aus einer Kleinstadt wie Salgueiro eigentlich nicht. Es war die Erfüllung eines riesigen Traums. Und ich war nicht nur einfach dabei, sondern gehörte vor vielen fantastischen Spielern zur Stammformation.

Welche Erinnerungen haben Sie an das Turnier?

Ich erinnere mich, dass wir im letzten Spiel der zweiten Runde gegen die Niederlande spielten. Dem Sieger winkte der Einzug ins Halbfinale. Wir hörten, dass Pelé kommen würde. Es war mein großer Traum, Pelé zu treffen. Wir alle hofften, er würde in die Umkleidekabine kommen - doch das tat er nicht. Ich war ziemlich enttäuscht. Doch dann gingen wir aufs Feld und dort saß er auf der Tribüne: der große Pelé. Wir zeigten eines unserer besten Spiele, siegten mit 6:1. Ich selbst erzielte zwei Tore. Bei meinem zweiten Tor blickte ich zu Pelé hinauf und widmete ihm mein Tor. Pelé jubelte und winkte mir seine Glückwünsche zu. Was für ein Moment!

Diese Leistung vor den Augen Pelés gab uns viel Selbstvertrauen. Im Halbfinale und im Finale haben wir gegen sehr starke Teams gewonnen, Spanien und die USA. Die USA hatten in der zweiten Gruppenphase ein Unentschieden gegen uns geschafft. Doch dann schlugen wir sie klar mit 4:1. Es waren fast 20.000 Zuschauer in der Arena. Das Gefühl beim Schlusspfiff war einfach unbeschreiblich. Ich erinnere mich noch an das Gefühl, als ich als kleiner Junge meinen ersten Fussball bekam. Das war das beste der Welt - ein unvergessliches Gefühl. Den Pokal in Händen zu halten, war ein genauso schönes Gefühl.

Ich erinnere mich auch noch, wie wir zu einem Siegerbankett gingen und ich zum besten Rechtsaußen des Turniers gewählt wurde und Jorginho zum besten Spieler. Ich habe mich sehr für ihn gefreut. Der Flug nach Hause dauerte fast 30 Stunden. Ich hatte also sehr viel Zeit zum Nachdenken und setzte mir ein paar neue Ziele. Erstens: Ich wollte bei der nächsten FIFA Futsal-Weltmeisterschaft in vier Jahren wieder dabei sein, was bei der starken Konkurrenz so vieler großartiger brasilianischer Spieler nicht leicht war. Zweitens: Ich wollte zur Titelverteidigung Brasiliens beitragen. Und drittens: Ich wollte selbst zum besten Spieler des Turniers gewählt werden. Ich hatte ohnehin schon immer hart trainiert, doch ich habe mir fest vorgenommen, noch härter zu trainieren, um meine Ziele zu erreichen.

Brazil celebrate winning the FIFA Futsal World Cup Spain 1996
© FIFA.com

Und Sie haben alle drei erreicht…

Ja. Das war allerdings extrem schwierig. Unsere Gegner hatten sich enorm entwickelt. Wir hatten nur noch vier Spieler aus dem Kader von 1992, nämlich Fininho, Vander, Serginho und mich selbst. Und wir waren der große Buhmann. Futsal war in Spanien zu einer großen Sache geworden. Alle sagten, es sei Spaniens Turnier und für die Leute stand fest, dass wir versuchen würden, die Spielverderber zu sein. Wir spielten zunächst gegen Belgien und das ganze Publikum feuerte wie wild die Belgier an. Gegen Uruguay war es genauso. Wir mussten acht Spiele mit fünf-, sieben-, zehntausend Zuschauern gegen uns überstehen. Und wir haben im Finale in Barcelona die sehr starke spanische Mannschaft mit Pato und dem herausragenden Torhüter Javier Lozano mit 6:4 besiegt. Das war eine unglaubliche Leistung. Wären wir kein so herausragendes Team gewesen, hätte Spanien das Turnier ganz sicher gewonnen. Ich dachte zurück an meine persönlichen Ziele vom Rückflug von Hongkong. Ich hatte alle drei Ziele erreicht und war sogar nicht nur bester Spieler der WM, sondern auch bester Vorlagengeber und bester Torjäger. Und all das hatte ich meinem Willen zu verdanken. Ich wollte mich immer verbessern und weiter verbessern und so gut wie nur irgend möglich werden. Ich war damals, wie Cristiano Ronaldo und Messi heute sind – ich habe immer versucht, mich weiter zu steigern und noch besser zu werden.

Denken Sie, dass das brasilianische Team von 1996 das beste aller Zeiten war?

Ich will etwas ganz klar vorausschicken: Ich sage nichts gegen andere großartige Teams. Das spanische Team mit Daniel, Kike und Javi Rodriguez war herausragend. Das brasilianische Team mit Schumacher, Falcao und Vinicius ebenfalls. Doch das brasilianische Team von '96 spielte flüssigeren Futsal und zeigte Spielzüge, die andere Teams bis heute imitieren. Das ist wie bei der brasilianischen Mannschaft von der Fussball-WM 1970 mit Pelé, Jairzinho und Tostao. Noch heute versuchen andere Teams, die Spielzüge von damals nachzuspielen. Wir waren unserer Zeit voraus.

1996 sind Sie auch zum Fussball gewechselt und haben beim amtierenden Südamerika-Champion Grêmio Porto Alegre angeheuert…

Ende 1995 gab es einen Vorstoß, eine nationale Liga einzuführen. Bis dahin wurden nur jeweils kurze Turniere ausgespielt. Allerdings wurde beschlossen, dass finanzielle Fairness herrschen müsste, daher sollte es eine Gehaltsobergrenze geben, wie im amerikanischen Sport. Man sagte mir also bei meinem Klub Enxuta, dass mein Gehalt gesenkt werden müsste, und zwar erheblich. Ich hatte im Laufe der Jahre zahlreiche Angebote von spanischen Klubs bekommen, aber immer, wenn man mir mehr Geld anbot, zog mein brasilianischer Klub nach. Jetzt allerdings bot mir Boomerang Interviu das Doppelte von dem, was ich bei Enxuta bekam. Damals hieß es allerdings auch, wer im Ausland spielt, wird nicht für die Seleção nominiert. Ich war daher sehr traurig, aber trotzdem ziemlich entschlossen, zu gehen.

Dann stellte der Präsident von Grêmio Kontakt zu mir her und machte mir ein Angebot. Ich fühlte mich zwar geehrt, doch ich lehnte ab, weil ich wusste, dass es sehr schwer werden würde, mich umzustellen. Schließlich hatte ich sechs, sieben Jahre professionell Futsal gespielt. Damit war die Sache für mich eigentlich entschieden. Zwei Tage später klingelte das Telefon und am anderen Ende der Leitung war Luiz Felipe Scolari! Ich dachte mir: 'Wenn Felipão mich anruft, dann sind sie wirklich überzeugt, dass ich es auch auf dem Großfeld schaffen kann. Kann ich das wirklich?' Ich wollte eigentlich dem Futsal nicht den Rücken kehren, und forderte daher das Vierfache des Gehalts, das ich bei Enxuta bekam, und das war wirklich gutes Geld. Sie sollten denken 'Was ist denn das für ein Verrückter', und das wäre es dann. Stattdessen stimmten sie einfach zu. Ich war völlig perplex.

Ich blieb vier Monate bei Grêmio. Das war ein ganz unglaubliches Erlebnis. Es fiel mir wirklich schwer, mich anzupassen, aber nach zwei, drei Monaten lief es recht gut. Ich habe durchaus ein paar ansprechende Spiele gezeigt. Es war großartig, mit diesen herausragenden Akteuren zu trainieren und zu spielen. Im Training ging es oft gegen Nachwuchsspieler wie Tinga, Rodrigo Gral und dann war da noch einer, von dem Sie vielleicht auch schon gehört haben - ein gewisser Ronaldinho Gaucho... Wow!

Im März '96, kurz vor dem Start der nationalen Liga, schaffte es dann ein Futsal-Klub, mir ein gleich hohes Gehalt wie das bei Grêmio zu bieten. Das Problem war, dass es ausgerechnet der größte Rivale von Grêmio war, nämlich Internacional. Die nächsten zwei Tage waren ziemlich schwer für mich, aber in meinem Herzen wusste ich, dass ich Futsal spielen wollte und bei der WM im Oktober dabei sein wollte. Meine Rückkehr zum Futsal war für viele ein wichtiger Schritt und zog Kreise. In Brasilien war das eine wirklich außergewöhnliche Nachricht: 'Ein Futsal-Klub hat es geschafft, Manoel Tobias von Grêmio wegzulocken'. Und weil ich so viel mehr verdiente, zahlten die Klubs auch anderen Spielern mehr. Inter setzte sich im Finale der ersten Klub-Weltmeisterschaft gegen Barcelona durch und ich fuhr zur WM und machte erneut einen Traum wahr. Wäre ich nach Spanien statt zu Grêmio gegangen, wer weiß, wie es weitergegangen wäre?

Denken Sie, dass Sie eine erfolgreiche Karriere gehabt hätten, wenn Sie sich für den Fussball entschieden hätten?

Wäre ich 1988 beim Fussball geblieben, wäre ich bestimmt auch dort ein großer Spieler geworden. Aber sechs, sieben Jahre draußen - das ist schon ziemlich viel. Denken Sie, wenn Sie Neymar heute auf einen Futsal-Platz stellen, wäre er so gut wie Ferrao, wie Ricardinho? Das wäre er wohl nicht. Und ich spreche von dem Fussballer, der wohl am besten im Futsal wäre. Hätte Neymar mit Futsal weitergemacht, wäre er heute sicher der beste Futsalspieler der Welt. Ein weiterer Akteur, der sicher ein herausragender Futsalspieler geworden wäre, ist Juninho Pernambucano. Wir stammen beide aus Recife und wir standen beide vor der Wahl zwischen Futsal und Fussball. Er hat sich für Fussball entschieden und ich für Futsal.

Was sagen Sie zum aktuellen brasilianischen Team?

Die Spieler sind vielleicht nicht ganz so talentiert wie andere Generationen, doch sie haben das Sieger-Gen. Sie trainieren sehr hart und spielen als Team hervorragend zusammen. Sie haben Ferrao. Marquinhos Xavier ist ein herausragender Trainer, der hervorragende Arbeit leistet. Ich denke, da startet ein sehr starkes Team in die WM.

Welches Team wird Ihrer Ansicht nach Litauen 2021 gewinnen?

Ich höre immer wieder, Argentinien hätte bei der letzten WM Glück gehabt? Wie bitte? Argentinien hat ein fantastisches Team. Ich weiß nicht, ob die Argentinier wieder gewinnen werden, aber unter die letzten Vier kommen sie bestimmt. Ich denke, die Entscheidung fällt zwischen Brasilien, Argentinien, Spanien und Portugal.

Wen halten Sie heute für den besten Spieler der Welt?

Ferrao ist aktuell der beste Spieler der Welt. Er ist einfach monstermäßig gut.

Und wen halten Sie für den besten Spieler der Futsal-Geschichte?

(lacht) Den Typen, mit dem Sie gerade sprechen. Ich werde keine falsche Bescheidenheit an den Tag legen - Ich halte mich selbst für den größten Spieler aller Zeiten. Und warum? Weil Manoel Tobias ebenso angreifen wie verteidigen konnte, ebenso Tore vorbereiten wie Tore erzielen konnte. Tut mir leid, aber es wäre heuchlerisch, wenn ich das nicht sagen würde, denn ich glaube fest daran, dass ich der Größte bin. Manoel Tobias Erster, Falcao Zweiter, Ricardinho Dritter. Auch Jorginho war ein unglaublicher Spieler.

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