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Bermuda: Ganz allein weit draußen

Bermuda coach Andrew Bascome is ready for action
© Others

"Wir sind hier draußen ganz allein", kichert Mark Wade, wobei sein Lachen nur bedingt von der harten Wahrheit in seinen Worten ablenkt. Wade ist Vizepräsident des Fussballverbands von Bermuda, der berüchtigten Inselgruppe gut 1.100 Kilometer vor der Küste von North Carolina. Wer seinen Atlas bemüht oder kurz im Internet recherchiert, findet eine winzige isolierte Inselgruppe weit draußen im Atlantischen Ozean. "Das ist keine leichte Situation für uns", erklärt Andrew Bascome, der Nationaltrainer Bermudas, gegenüber FIFA.com.

Fussballerisch gehört Bermuda zum karibischen Teil der CONCACAF-Zone, doch die Inselgruppe mit ihren rund 65.000 Einwohnern liegt weit nördlich der warmen Karibik. Bei Reisen nach Jamaika oder nach Trinidad und Tobago muss das Team zunächst nach Miami (Florida) fliegen und von dort weiterreisen, so dass man oft mehrere Tage unterwegs ist. Solche Reisen sind anstrengend. "Wir absolvieren nicht genug Spiele", meint denn auch der 52-jährige Trainer, der seine Rastalocken meist mit farbenfrohen Kopftüchern bändigt. "Das heißt aber nicht, dass wir nicht nach einem hohen Niveau streben sollten."

In der kommenden Woche reist er mit seinem Team nach Nassau auf die Bahamas, wo der Startschuss zur WM-Qualifikation für 2018 erfolgt. Der Trainer, der sein Amt 2012 antrat, lässt die isolierte Lage und die daraus resultierenden logistischen Probleme nicht als Entschuldigung gelten und ist entschlossen, mit seinem Team für Aufsehen zu sorgen. "Wir wollen eine modernere Spielweise praktizieren", sagte er und meint damit die Abkehr von schnellen Flügelspielern und lauernden Sturmspitzen, wie sie im karibischen Fussball lange üblich waren. "Wir wollen hoch stehen, Druck ausüben und den Ball schnell laufen lassen."

Vom Spielfeld an die Seitenlinie
Bascome kennt den Fussball auf Bermuda wie kaum jemand sonst. In seiner aktiven Zeit spielte er für den North Village Community Club, der mit den Dandy Town Hornets um die Vormachtstellung auf der Inselgruppe kämpft. Er vertrat sein Land schon im Juniorenbereich und später auch in der A-Nationalmannschaft. Mit 18 wurde er zum besten Spieler der Inseln gewählt und es bahnte sich ein Wechsel zu Ajax Amsterdam an. Doch dann erlitt Bascome eine Knieverletzung, die seine Karriere auf dem Spielfeld beendete. "Damals habe ich angefangen, Trainerkurse zu belegen", erzählt er, und man hört den Enthusiasmus aus seiner Stimme heraus, als er über die Tricks und Methoden spricht, die er an der Seitenlinie verwendet. "Ich war sofort Feuer und Flamme. Ich war begeistert davon, dass man dieses Spiel regelrecht lehren kann, mehr Spielfreude vermitteln kann."

Wenn er darüber spricht, was er für das Team seines Heimatlandes erhofft, klingt Bascome wie eine Mischung aus Diego Simeone, José Mourinho und Pep Guardiola – einige der berühmtesten und bestbezahlten Trainer der Welt. Doch man muss all dies im richtigen Kontext sehen: Bermuda hat es noch nie auch nur in die Nähe einer WM-Endrundenteilnahme geschafft. Das Team war auch noch nie beim CONCACAF Gold Cup vertreten. Selbst beim Karibik-Cup war Bermuda noch nie dabei. Doch Bascome und sein handverlesener Stab sind überzeugt, dass es bald so weit sein könnte.

"Das ist das beste Bermuda-Team, das ich je gesehen habe", so John Barry Nusum, der erfolgreichste Torschütze der Mannschaft in der letzten Qualifikation und jetzt Bascomes Assistenztrainer. Ein Blick auf die FIFA/Coca-Cola-Weltrangliste scheint den Enthusiasmus rund um die Nationalmannschaft zu untermauern. Bermuda verbesserte sich dank einiger guter Ergebnisse in der Rangliste um elf Plätze, darunter ein Unentschieden und ein Sieg gegen Grenada. Nun liegt das Team auf Platz 169 der 209 FIFA-Mitgliedsverbände.

In der Mannschaft spielen einige Akteure von Universitäten in den USA, eine Handvoll Profis aus der zweiten und dritten englischen Liga und einige in der Heimat aktive Spieler, die sozusagen das stählerne Rückgrat bilden. "Bermuda hat schon immer talentierte Spieler hervorgebracht, doch diese Talente müssen gefördert und geformt werden", so Bascome. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass es derzeit keinen herausragenden Star gebe wie Khano Smith oder Torjäger Shaun Goater, der für Manchester City spielte. "Wir haben jetzt eine sehr junge Mannschaft."

Überholte englische Spielweise
"Wir wollen den alten englischen Einfluss hinter uns lassen", so Bascome über die Nationalmannschaft des Landes, das als britisches Überseegebiet den Union Jack in der Flagge führt. "Lange Zeit ging es bei karibischen Teams nur darum, lange Bälle in den Strafraum zu bringen. Das ist jetzt ganz anders", bekräftigt Bascome. "Unsere jungen Spieler sind mit dem FC Barcelona im Fernsehen aufgewachsen."

Als er über die Amateure spricht, die den Kern seines Kaders bilden, nimmt Bascomes Stimme einen fast frommen Klang an. "Sie spielen nur aus Liebe zu Bermuda und aus Liebe zum Fussball. Es ist nicht leicht für die Jungs. Sie sind schon morgens um sechs auf dem Trainingsplatz und fahren dann von dort zur Arbeit. Um vier oder fünf am Nachmittag machen die meisten Schluss und um sieben sind sie bei Flutlicht wieder auf dem Trainingsplatz."

Die Rivalität mit dem nächst gelegenen Nachbarn, den gut 1.600 Kilometern entfernten Bahamas, ist "freundschaftlich" geprägt. Bei der Gruppenauslosung der CONCACAF-Zone in Miami saßen die Delegationen beider Länder Seite an Seite. Vizepräsident Wade räumt allerdings ein, dass "an diesem Abend die gegenseitigen Neckereien schon ziemlich früh losgingen."

Das Hinspiel findet in Nassau statt, was Bascome als Vorteil sieht. "Wir werden kompakt stehen und es ihnen schwer machen, uns zu knacken", kündigte er an. Es dürfte also schwer werden für die Bahamas, die in der Weltrangliste deutlich unterhalb Bermudas zu finden sind. "Wir werden sie mächtig unter Druck setzen, bei allem gebührenden Respekt."

Das Rückspiel im heimischen Hamilton könnte sich für Bermuda als zweischneidiges Schwert erweisen. "Die Fans hier sind völlig fussballverrückt und sie haben ziemlich hohe Ansprüche", so der Trainer. "Wenn wir nicht so spielen, wie sie es wollen, dann lassen sie uns das spüren." Sollten also Buhrufe von den Tribünen schallen, wäre der innovative Trainer ähnlich wie seine Heimatinsel weit draußen im Atlantik ganz auf sich allein gestellt.

Doch ambitioniert und couragiert wie er ist, will Bascombe es gar nicht anders haben. "Ich will guten Fussball sehen, genau wie die Fans", sagt er – und geht los zur nächsten Trainingseinheit.

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