Entwicklung

Collina: "Die FIFA hilft gern bei der Weiterentwicklung des VSA-Systems"

(FIFA.com)
Pierluigi Collina watches on at the FIFA VAR instructor course in Madrid
© FIFA.com

Nach dem ersten, von der FIFA in der vergangenen Woche in Madrid durchgeführten VSA-Instruktor-Kurs sprach der legendäre Schiedsrichter und Vorsitzende der FIFA-Schiedsrichterkommission Pierluigi Collina mit FIFA.com über die Bedeutung der Veranstaltung, den aktuellen Stand beim VSA-System sowie mögliche technologische Entwicklungen.

FIFA.com: Herr Collina, können Sie kurz erläutern, warum dieses Seminar organisiert wurde?
Collina: Wir haben das Seminar organisiert, weil die FIFA nach dem Erfolg der Video-Assistenzschiedsrichter (VSA) bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Russland 2018™ zahlreiche Anfragen von Mitgliedsverbänden bekam. Sie alle waren an den Möglichkeiten einer konkreten Umsetzung in ihren heimischen Wettbewerben interessiert. Allerdings ist es im Moment ziemlich schwierig, VSA-Instruktoren zu finden, denn VSA ist ja noch sehr neu. Wir entschieden uns, eine Expertengruppe zu schaffen, die bei der Einführung rund um die Welt helfen kann. Wir haben diese Woche in Madrid mit ehemaligen und aktiven Schiedsrichtern, die in ihren Ländern bereits Erfahrungen mit VSA gemacht haben oder bei unserer Vorbereitung der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Russland 2018™ dabei waren, den ersten VSA-Instruktor-Kurs organisiert.

Wie sahen die Schulungen aus?
Rund 40 Kandidaten absolvierten das Programm. Es umfasste theoretische Lektionen und auch Praxiseinheiten im VSA-Simulator, einem exakten Nachbau des Video Operation Room (VOR), der während der Spiele genutzt wird. Dort wurden Videos von früheren Spielen gezeigt und ausgewertet. Zudem gab es auch praktische Lektionen auf dem Spielfeld, bei denen Spieler zuvor geplante Vorfälle für Schiedsrichterentscheidungen herbeiführten. Der Schiedsrichter stand mit dem VOR in Verbindung, wo sich die Instruktor-Kandidaten aufhielten. Dabei lernten sie, wie das VSA-System in verschiedenen Situationen abläuft. So können Sie in Zukunft andere Schiedsrichter bei der Nutzung des Systems unterweisen und schulen.

Ist bereits eine Wiederholung geplant?
Derzeit gibt es nur sehr wenige Instruktoren für VSA-spezifische Aspekte. Wir wollen diese Gruppe vergrößern. Was die Zukunft angeht, wird sich VSA immer weiter verbreiten. Es ist also durchaus möglich, dass wir dieses Seminar aufgrund der Nachfrage wiederholen. Mehrere Mitgliedsverbände sagen, dass sie so bald wie möglich damit beginnen wollen, und einige Konföderationen ebenfalls. Darunter ist auch der asiatische Kontinentalverband AFC, der VSA beim Asien-Pokal im kommenden Januar einsetzen will. Die UEFA wiederum hat angekündigt, VSA ab der nächsten Champions League-Saison einzusetzen. Wo immer die Notwendigkeit besteht, die Schiedsrichter auf diese Wettbewerbe und die Technologie vorzubereiten, sind wir als FIFA stets gern zur Stelle, um zu unterstützen und zu helfen.

Worin liegen neben der Schulung die besonderen Herausforderungen?
Auch die Abteilung Technische Innovation der FIFA leistet wichtige Unterstützung, was die Technologie angeht. Das VSA-System besteht aus zwei Komponenten: das eine ist die menschliche Komponente, also die Schiedsrichter. Das andere ist die technologische Komponente. Was das angeht, sind wir natürlich keine Experten. Wenn also ein Mitgliedsverband das System umsetzen will, kann die Abteilung Technische Innovation mit Know-how und Expertenwissen dienen und gute Tipps liefern, wie die technischen Herausforderungen gelöst werden können, vor denen ein Mitgliedsverband stehen kann.

Dabei ist es wichtig, dass das VSA-System nicht überall und immer genau gleich funktioniert. Bei der WM hatten wir beispielsweise vier Offizielle im VOR, während es in den meisten nationalen Wettbewerben nur zwei sind. Außerdem gibt es die zentralisierte und die dezentralisierte Variante. In Russland hatten wir einen zentralen VOR in Moskau. Ähnlich läuft es auch in Deutschland und in Spanien ab, wo ebenfalls die zentralisierte Variante zum Einsatz kommt. In Italien hingegen gibt es die dezentralisierte Variante mit einem eigenen Raum, einem VOR, an jedem Spielort. In Russland hatten wir über 40 Fernsehkameras. In manchen Ligen gibt es nur 12 oder 13. Bei der ersten Variante braucht man naturgemäß mehr Personal, um alle Blickwinkel so schnell wie möglich analysieren zu können. Wenn es wenige Kameras gibt, braucht man auch weniger Leute. Das System ist flexibel und lässt sich in Abhängigkeit von den jeweiligen Notwendigkeiten und Gegebenheiten anpassen.

Wie sehen Sie die Zukunft des VSA-Systems als Hilfe für die Schiedsrichter? Kann das System noch weiter ausgebaut werden?
Wir haben gerade im März erst die Experimentierphase beendet. Das IFAB hat dann beschlossen, VSA in die Spielregeln aufzunehmen. Die Geschichte ist also noch sehr kurz. Zuerst haben wir im November 2014 darüber diskutiert, wie Video-Technologie den Schiedsrichtern helfen könnte, nicht einmal vier Jahre ist das also her. VSA ist sehr, sehr neu. Basierend auf den bislang gesammelten Erfahrungen können wir zwar sicher über die Anpassung bestimmter Details nachdenken, aber ich sehe nicht, dass sich am Gesamtbild viel ändert.

Wonach suchen Sie bei den Instruktoren?
Jeder Instruktor muss in der Lage sein, Dinge so zu kommunizieren, dass sie verstanden werden. Wir sind sehr zufrieden, denn die große Mehrheit der Teilnehmer bei diesem Seminar war sehr, sehr gut. Das Niveau der Teilnehmer, die vorab ausgewählt wurden, war sehr hoch. Die Herausforderung besteht auch für sie darin, dass das VSA-System eben noch so neu ist. Die Kenntnisse über das System und das Verständnis müssen noch deutlich vertieft werden. Doch mein Gefühl am Ende dieses Seminars ist sehr positiv.

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